Te Araroa 2: Der endlose Longwood Forest – Colac Bay bis Merrivale

Der Abschnitt durch den Longwood Forest kostet uns viel Kraft, Zeit und Nerven. 57 Kilometer führen uns durch dichten, matschigen Wald, aber auch auf zwei großartige Aussichtspunkte. Und schließlich ist der Wald auch wunderschön, ein wahres Totholzparadies, was ich zwischen meinen Flüchen immer wieder feststelle.

Te Araroa Tag 4: Tief im Wald – Colac Bay bis Camp im Longwood Forest (7 km vor Martins Hut)

21 km / 7 h / 250 hm

Bisher unser härtester Tag. Wir hatten vorher schon etwas Angst vor dieser Etappe: 28,5 Kilometer und 9 Stunden. Muss wohl etwas bedeuten, und tatsächlich schaffen wir es heute auch nicht bis zur Martins Hut.

Am Anfang geht’s etwa eine Stunde an der Straße entlang, ganz gemütlich. Die Straße zum Longwood Forest zweigt nach rechts ab und wir sind von Schäfchen umgeben. Dann kommen wir an etwas vorbei, was wie der Parkplatz aussieht, aber wir sind uns nicht so sicher, da wir kein Schild sehen. Deswegen gehen wir weiter, kurz danach prüfe ich aber das GPS und wir sind offenbar zu weit gelaufen. Also einen zusätzlichen Kilometer eingelegt, was uns später vielleicht noch auf die Füße fällt. Tatsächlich war es also dieser Parkplatz. Das Schild war etwas versteckt und die Toilette, die es da geben soll, ist auch im Wald versteckt. Wir machen eine erste Pause, dann gehen wir in den Wald. Die Martins Hut ist mit neun Stunden angeschrieben.

Der Longwood Forest ist dicht bewachsen, aber besser als gedacht. Es ist nicht matschig und der Weg ist sehr gut. Wir kommen immer noch zügig voran. Je weiter wir allerdings kommen, desto matschiger und schwieriger wird es und wir müssen uns durch dichte Farnbüsche kämpfen, aber am Anfang sind die Schilder sehr gnädig. Wir haben das 1-Stunde-Schild nach vielleicht 10 Minuten erreicht. Das macht uns eigentlich Mut. Aber dann geht’s von dem Tageswanderungsweg auf den Te Araroa Teil und der Weg wird immer schlimmer, je weiter wir kommen.

Am Anfang versuchen wir sogar, die zahlreichen Matschstellen zu umgehen, später ist uns das dann ziemlich egal und wir patschen einfach hindurch. Teilweise ergibt sich sogar ein bisschen Ausblick aufs Meer und die Schafsweiden unter uns. Wir holen Michael ein, mit dem wir morgens losgegangen sind. Kurz darauf machen wir eine Pause und sehen ihn danach auch so schnell nicht mehr wieder.

Wir gehen durch den dichten Wald und Farne und viele Vögel begleiten uns. Fächerschwänze fliegen neugierig um uns herum und wir haben das Glück, eine Maori-Fruchttaube in den Bäumen zu entdecken. Wir machen Mittagspause bei der Hälfte des Weges und kochen uns Nudeln. Das tut ziemlich gut, aber da denken wir auch noch, dass wir die Hälfte bereits hinter uns haben. Was auch der Fall ist, aber es wird jetzt so richtig scheiße.

Der Weg wird immer und immer matschiger. Immer mehr Bäume liegen auf dem Weg herum und wir müssen immer wieder abklettern, um über einen Tümpel zu gehen, der entweder gar keine brückenartige Konstruktion hat oder einfach einen Baumstamm, auf dem man balancieren muss. Einmal ist der Baumstamm aber etwas höher und sehr schmal, und nach dem ersten Meter falle ich runter, was nicht so schlimm ist, weil es da noch nicht so tief ist. Beim zweiten Versuch bin ich vorsichtiger und lasse mir Hilfestellung von Bengt geben. Ich schaffe es wohlbehalten hinüber, war aber schon ein bisschen aufregend.

Zwischen diesen ganzen Stellen, wo wir unter oder über Baumstämme oder zu Tümpeln runter- und wieder hochklettern müssen, kommen wir auch noch zu einer Stelle, wo man entweder darunter durchkriechen oder einen Meter runter in den Matsch springen muss. Letztere Option wäre irgendwie nicht so kniefreundlich und es sieht extrem matschig aus, sodass man richtig versinken würde, wenn man dort hinunterspringen würde. Auf der rechten Seite befindet sich aber ein schmaler Durchschlupf unter Bäumen. Ich denke erst, ich könne darunter durchkriechen mit dem großen Rucksack, aber das funktioniert nicht. Schließlich robbe ich hindurch, bleibe aber zwischendurch stecken. Robben ist gar nicht so einfach, war ja auch nie bei der Bundeswehr, um das zu lernen.

Danach sehe ich auch wie ein Dreckspatz an Hose, Armen und Rucksack aus. Bengt macht das eleganter und hangelt sich mithilfe der Bäume am Abgrund entlang. Überhaupt sieht er noch ziemlich sauber aus, während meine Beine schon ziemlich matschbeschmiert sind. Keine Ahnung, wie er das macht. Dafür sammelt er jede Menge Kletten an seinen Beinhaaren, und wenn er versucht, die abzumachen, reißt er sich die Haare mit aus, weswegen er sie einfach dranlässt. So trägt er seinen Teil zur Verbreitung der Samen bei.

Trotz allem wandern wir durch einen wunderschönen, unberührten Wald mit jeder Menge Totholzbiotopen. Alles kann vor sich hin modern und verwesen, alles liegt einfach herum. Als Wanderer vielleicht nicht so angenehm, wenn ein Baum quer über dem Weg liegt, für die Natur ist es aber wundervoll, und als Waldfreund geht einem das Herz auf.

Irgendwann stelle ich fest, dass wir mit etwa 1 km/h vorankommen, behalte es aber erst mal für mich. Das kann irgendwie nicht stimmen, aber die fiesen Stellen verlangsamen uns ordentlich. Dann wird es besser und wir kommen immerhin mit 3 km/h voran.

Wir treffen zwischendurch zwei Pärchen, die alle ziemlich entspannt aussehen und gleich zwei Tagesetappen hinter sich haben. Für die ist es ein recht einfacher Spaziergang, wie sie so schön sagen. Sie sagen, nach zwei bis drei Wochen wird es uns auch besser gehen. Die Letzten haben gesagt, nach einer Woche fühle man sich besser. Was wohl stimmt? Wir gehen jetzt mal von der einen Woche aus. Naja, eigentlich geht es schon von Tag zu Tag besser, wenn man nicht gerade so einen schwierigen Weg wie diesen hier hat.

Wir dachten, wir könnten den Weg notfalls aufteilen, aber es gibt keinerlei Möglichkeit, am Wegesrand das Zelt aufzustellen. Höchstens mal zwei oder drei Stellen, wo vielleicht ein kleines Solo-Zelt hinpassen würde. Meist gibt es einfach nur dichte Vegetation und abschüssige Hänge links und rechts des Weges. Wir treffen dann aber auf drei Wanderer, die direkt von Merrivale kommen, also schon 34 Kilometer in den Füßen haben, aber jetzt auch demnächst zelten wollen.

Sie sagen uns, dass wir nicht unbedingt zur Hütte gehen müssen, da deren vier Plätze ohnehin voll sind. Und um die Hütte herum hat es wohl keinen Platz für Zelte mehr. Außerdem sei die Hütte eh nicht besonders schön. Aber in so 600m käme ein guter Ort zum Zelten. Wir sagen ihnen, dass es in ihre Richtung schwer mit Zelten werden wird, aber sie wollen trotzdem gehen und notfalls einfach weiterlaufen. Okay… Für die ist’s halt easy going. Sie sagen: “This is paradise for us. No mud, flat and easy”. Wir nur so “Wie, no mud? Habt ihr uns mal angeschaut?” Wir haben jetzt ein bis zwei Kilometer voller Matsch hinter uns. Aber anscheinend wird es nun besser, was auch wirklich so eintrifft. Also hoffen wir, dass wir auch morgen etwas besser vorankommen.

Wir freuen uns aber tierisch über die Information. Keinem von uns ist es danach noch bis zu dieser Hütte zu gehen, und es ergibt auch keinen Sinn, da kein Platz ist. Also ist es einfach die beste Möglichkeit, auch wenn wir noch laufen könnten und wollten. Tatsächlich kommt dann auf der linken Seite ein alter, verrosteter Tank – der erste Zeltplatz. Aber sie sagten, es gäbe noch einen zweiten Spot, der noch besser sei, auch an irgendwelchem verrosteten Metallzeug, was da von den Minenarbeitern herumliegt. Und tatsächlich kommen wir da eine Minute später auch hin. Ebene Fläche, perfekt, nur Wasser gibt es da nicht, aber wir haben noch genug, sodass wir davon Essen kochen können und bis zum nächsten Flüsschen morgen klarkommen sollten, denn davon gibt’s ja hier recht viele. Wir bauen das Zelt auf, kochen, essen.

So werden wir uns wohl noch zwei Tage in diesem Wald aufhalten, weil wir es morgen sicherlich nicht schaffen, bis zum Merrivale Road End zu kommen. Wir haben auf jeden Fall genug zu essen dabei, da wir großzügig geplant haben, weil wir noch nicht wussten, wie wir vorankommen. Wir sind erschöpft, aber froh, dass wir einen schönen Campingplatz und alles haben, was wir brauchen.

Te Araroa Tag 5: Die verschiedenen Matscharten – Longwood Forest bis Camp vor Bald Hill

19 km / 8 h / 814 hm
Wir starten ohne Frühstück, da wir nicht so viel Wasser haben, und beschließen, an der Hütte zu frühstücken. Kurz nach dem Start treffen wir einen Lübecker im Wald, der ganz schön wild aussieht. Nach so zwei bis drei Kilometern erreichen wir die ersehnte Schotterstraße im Wald, die ordentlich hinaufführt.

Rechts geht es von der Straße runter und ein Schild verkündet: 30 Minuten bis zur Hütte. Der Weg ist etwas matschig und geht steil hinauf. Wir benötigen 7 Kilometer und gute zwei Stunden, bis wir die Hütte erreichen. Wir frühstücken in der Hütte, die etwas dunkel und sehr rustikal ist. Da es aber die erste Hütte für uns ist, ist sie wunderschön für mich. Sobald die Sonne herauskommt, setzen wir uns nach draußen und ich mache ein Nickerchen.

Inzwischen ist es aber schon mittags, als wir weitergehen. Hinter der Hütte geht es weiter bergauf, weiter durch den Wald, bis er lichter wird und in Büsche übergeht. Schließlich gibt es nur noch Gras und wir haben unsere ersten Aussichten auf das Meer, die Colac Bay und Riverton. Wir können sogar Bluff erahnen, wo wir vor sechs Tagen gestartet sind. Wir machen wieder eine Pause und lassen uns die Sonne auf den Pelz scheinen. Ein bisschen faul sind wir heute schon.

Als wir weitergehen, kann ich in der Ferne den Bald Hill ausmachen, wo wir noch heute hinwollen, und der sieht noch verdammt weit weg aus. Es geht wieder runter und wieder hoch und wieder runter, immer auf verschiedene kleine Hügel mit viel Gras und Matsch.

Wir lernen, dass es viele Kategorien von Matsch gibt: trockener Matsch, der gut durchgetrocknet ist; stabiler Matsch, der zwar feucht, aber gut begehbar ist; einnehmender Matsch, wo wir ordentlich einsinken; fieser matschiger Matsch, in den man so richtig einsinkt; und der Matsch, der eigentlich mehr Wasser ist als Matsch und bei dem der Matsch oben in die Schuhe eindringt. Diese Erfahrung habe ich heute ein paar Mal gemacht. Mit großer Zielsicherheit finde ich gerne die tiefsten Stellen im Matsch. Außerdem gibt es noch den versteckten Matsch unter Gras, den man vorher nicht sieht.

Es folgt Graslandschaft und dann geht es steil abwärts durch den Wald, der uns wieder mit einem Haufen Matsch, Bäumen, Wurzeln und Steinen empfängt. Meine Füße schmerzen und wir erreichen eine Art moralischen Tiefpunkt. Wir haben beide so einen Moment, in dem wir den Trail verfluchen und uns fragen, was wir hier eigentlich tun.

Wir machen eine Pause, essen etwas und denken über die Leckereien dieser Welt nach, woraufhin es uns besser geht. Essen oder nur an Essen denken hilft irgendwie immer. Wir gelangen zum Steinbruch, der den tiefsten Punkt markiert. Von hier geht nun eine Straße bis hinauf zum Bald Hill – völlig matschfrei und gut zu gehen. An der Straße finden wir ebene Flächen, die zeltplatzgeeignet sind, weshalb wir unseren Tag hier beenden. Somit bleiben uns für morgen noch 17 Kilometer bis zur Straße. Nachdem wir hier so liegen und vollgefuttert sind, geht es uns auch schon viel besser. Heute werde ich wohl von Matsch träumen. Der Matsch, den wir bisher hatten, war nichts gegen diesen Matsch, den wir heute hatten. Laut SOBOs ist das aber noch gar nichts. Ich will gar nicht wissen, was für sie Matsch bedeutet.

Te Araroa Tag 6: Endlich raus aus dem Wald – Aufstieg Bald Hill bis Merrivale Road

17 km / 5 h / 505 hm

Wir schlafen recht lange. Nach einem reichhaltigen Frühstück ziehen wir den Forstweg bis zum Gipfel durch. Am Gipfel ist es allerdings recht ungemütlich windig, aber die Aussicht ist trotzdem schön.

Von nun an geht es nur noch bergab. Erst mal durch offene Wiese. Es sieht nach Regen aus und ich spute mich, in den Wald zu kommen, wo es dann auch anfängt. Es ist ein wenig matschig, geht ein bisschen über Stock und Stein steil bergab, bis wir die Forststraße, die Merrivale Road, erreichen. Endlich lassen wir diesen Longwood Forest hinter uns, der uns so viel Nerven, Kraft und Zeit gekostet hat. Klar, es war nur der erste von vielen Wäldern, die noch vor uns liegen, aber wir sind trotzdem erst mal froh, hier raus zu sein.

Wir kommen in einen Wald mit hohen und dünnen Bäumen, die bedrohlich im Wind knarren und quietschen. Hier begegnen wir wieder einem Igelchen. Wir verlassen auch diesen Wald und stehen plötzlich mitten im Farmland, Weiden, Wiesen, Schafe, Rentiere um uns herum. Mir tun die Füße weh, aber wir wollen die Straße erreichen und damit die Zivilisation. Kurz vor der Straße kommen zwei Wanderer aus der Merrivale Hut und wollen offenbar ebenfalls zur Straße. Es kann doch nicht sein, dass wir den ganzen Tag niemandem begegnen, und ausgerechnet jetzt wollen auch zwei an der gleichen Stelle wie wir in die Stadt hitchen, was sicher nicht von Vorteil ist, um ein Auto anzuhalten. Wir machen erst mal Pause und laufen dann Richtung Otautau weiter. Wir halten den Daumen raus, sobald ein Auto kommt. Kurze Zeit später hält tatsächlich eins an, ein Straßenarbeits-Lkw mit einem netten Herren, der uns bis nach Otautau bringt.

Das hiesige Backpacker Hostel stellt sich als nicht mehr existent heraus und so landen wir auf dem Campingplatz, der aber ziemlich cool ist. Zwischendurch essen wir erst mal eine Pizza im Otautau Hotel. Die Besitzerin des Campingplatzes kommt gerade an uns vorbei, als wir auf dem Weg sind, nimmt uns die letzten Meter im Auto mit und schenkt uns sogar noch Tomaten aus ihrem Garten. Hier kann man kostenlos waschen, es gibt eine Dusche und das alles nur für 10$ pro Person. Wir duschen uns und müssen mächtig schrubben, bis der Matsch von Füßen und Beinen verschwindet. Am nächsten Tag machen wir einen Pausen- und Waschtag in Otautau.

Hier geht’s zum nächsten Te Araroa Abschnitt: Merrivale bis Te Anau

Te Araroa 3: Berge, Flüsse und ein Zyklon – Merrivale bis Te Anau

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