GR 131: Durch das wilde Herz von Gran Canaria

Der GR 131 auf Gran Canaria beginnt im Trubel von Maspalomas, zwischen Strandpromenade, Hotelburgen und Menschenmassen. Doch kaum verlässt der Weg die Küste, verändert sich die Landschaft dramatisch. Er führt hinauf in eine wilde Bergwelt aus Barrancos, Pinienwäldern und Felsformationen wie Roque Nublo, begleitet von Blicken auf den Teide über dem Wolkenmeer. Nach Tagen in den Bergen endet die Insel schließlich dort, wo der Atlantik wieder ins Blickfeld rückt – im entspannten Hafenort Agaete.

Zero in Las Palmas

Nach Fuerteventura gönnen wir uns zunächst einen Pausentag in Las Palmas, vor allem, damit meine hartnäckige Erkältung endlich abklingen kann. Mit täglichem Wanderpensum wird das offensichtlich nichts. Wir fahren mit dem Bus zum Decathlon, damit ich mir eine neue Bauchtasche besorgen kann. Der Reißverschluss meiner alten schließt nicht mehr gescheit. Danach schlendern wir durch die Innenstadt und genießen ein hervorragendes Mittagessen. Den Nachmittag verbringen wir im Hotelzimmer, ruhen uns aus und schauen Sieben Jahre in Tibet im Fernsehen.

GR 131 Tag 11 – Vom Trubel in Maspalomas in die Ruhe der Berge

Faro de Maspalomas bis Hoya Grande: 20,6 km / 740 hm / 4,5 h

Am nächsten Morgen lassen wir uns Zeit bis zum Check-out, frühstücken in Ruhe und fahren dann mit dem Bus nach Maspalomas. Am Leuchtturm steigen wir aus, wo der GR 131 auf Gran Canaria beginnt.

Und damit auch ein Albtraum.

Hotelburgen, Einkaufszentren und Outlet-Stores, soweit das Auge reicht. Auf der Strandpromenade wimmelt es von Menschen. Urlauber, Strandverkäufer und Promoter, die recht aufdringlich versuchen, Gäste in ihre Restaurants zu locken. Einer von ihnen spricht mich mit Pocahontas an, wohl aufgrund meiner geflochtenen Zöpfe. Ich werfe ihm den bösesten Blick zu, den ich aufbringen kann. Mit meinem ohnehin vorhandenen Resting-Bitch-Face funktioniert das ziemlich gut. Während wir versuchen, uns unseren Weg durch die Massen zu bahnen, gehen mir mehrere sehr unfreundliche Antworten durch den Kopf.

Ein kurzer Blick fällt noch auf die Lagune bei den Dünen von Maspalomas, wo zwei Löffler mit ihren langen Schnäbeln durch das flache Wasser waten. Dahinter erheben sich die berühmten Sanddünen, helle Sandwellen unter einem blassblauen Himmel. Es ist heiß, und außer ein paar gelegentlichen Palmen gibt es kaum Schatten. Kein Wunder, denn es war bereits 13:30 Uhr, als wir am Leuchtturm losliefen.

Wir sind beide sehr schnell überreizt von diesem Trubel und erleichtert, als der Weg schließlich ins ruhigere Landesinnere führt. Wir folgen zunächst dem Verlauf eines breiten, ausgetrockneten Flussbetts, passieren einen Flohmarkt und laufen anschließend unter mehreren Brücken hindurch, deren Betonflächen mit Graffiti bedeckt sind – einige erstaunlich kunstvoll.

Dann folgt ein langer Road Walk. Am Straßenrand liegt ein überfahrener Hase, zwischen den Büschen sammelt sich Müll, obwohl Schilder ausdrücklich verbieten, hier Abfälle abzuladen. Wir passieren eine Go-Kart-Bahn und einen großen Wasserpark.

Dann steigt die Straße steil an und es gibt keinen Seitenstreifen, was den Abschnitt unangenehm macht. Erst ab Montaña la Data wird es etwas entspannter. Die Straße windet sich weiter bergauf, und immer wieder werden wir von Rennradfahrern überholt, von denen viele hochprofessionell aussehen. Ich fühle mich wie mitten in der Tour de France. Eine Gruppe hat sogar ein Begleitfahrzeug.

Unter uns liegt der Palmitos-Wildtierpark. In einem viel zu kleinen Becken schwimmen Delfine im Kreis, darauf trainiert, um Besucher zu unterhalten. Sie tun mir leid. Unwillkürlich muss ich an den Film Free Willy denken und habe Fantasien, wie man diesen Delfinen die Freiheit schenken könnte.

Kurz darauf erreichen wir einen Aussichtspunkt, wo sich eine gewaltige Schlucht mit zerklüfteten Felswänden vor uns öffnet. Die Hänge sind von dunklen Basaltstufen durchzogen, die wie übereinanderliegende Terrassen wirken. Zwischen den Felsen wächst spärliche Vegetation, und tief unten im Tal zeichnet sich ein schmaler grüner Streifen aus Palmen und Bäumen ab. Der Anblick erinnert ein wenig an den Grand Canyon, nur dass diese Landschaft nicht aus Sedimentgestein, sondern aus erstarrter Lava besteht.

Danach geht es über lange Serpentinen hinunter nach Ayagaures. Abkürzungen gibt es leider keine, also folgen wir brav jeder Kurve. Immer wieder sehen wir kleine Botschaften, mit Kreide auf den Asphalt geschrieben: Viva la vida. La vie est belle. C’est la vie. Sie stammen wahrscheinlich von einem Radrennen oder Trainingscamp, denn Gran Canaria ist ein beliebtes Wintertrainingsgebiet für Rennradfahrer.

In Ayagaures hat unerwartet noch eine Bar geöffnet. Essen gibt es zwar nicht mehr, aber wir bekommen zwei Clipper-Sodas und füllen unsere Wasserflaschen auf. Hinter dem Dorf laufen wir entlang eines Stausees, in dem nicht viel Wasser steht. Wir überqueren einen Damm und beginnen anschließend einen steilen, schweißtreibenden Aufstieg. Es ist seit einer Weile bewölkt, doch die Luftfeuchtigkeit ist hoch und wir sind klatschnass geschwitzt.

Als der Weg schließlich für ein Stück flach wird, entdecken wir einen perfekten Zeltplatz unter Pinien, dessen Nadeln uns ein weiches Bett bereiten. Von hier oben haben wir sogar einen schönen Blick über die Landschaft. Während die Sonne hinter den gezackten Bergkämmen versinkt, färbt sich der Himmel orange und violett über dem Tal.

Beim Abendessen leisten uns allerdings unerwünschte Gäste Gesellschaft. Die Mücken interessieren sich jedoch nicht für unsere Sandwiches – sondern ausschließlich für unser Blut. Ich fürchte, heute Abend sind wir das Abendessen.

Später sehe ich auf die Karte und stelle fest, dass es sicher besser gewesen wäre, dem Kanarischen Jakobsweg hierherauf statt dem Road Walk des GR 131 zu folgen. Vielleicht handelte es sich dabei ohnehin um eine veraltete Streckenführung.

GR 131 Tag 12 – Durch die Bergwelt von Gran Canaria zum Roque Nublo

Hoya Grande bis Llanos de la Pez: 18 km / 1.580 hm / 4,75 h

Am Morgen folgen wir dem GR 131 hinauf zum Degollada de la Manzanilla. Der erste Abschnitt ist steil, danach wird der Anstieg etwas angenehmer. Ich fühle mich heute ungewöhnlich schwach. Vielleicht arbeitet mein Körper noch gegen die Erkältung, vielleicht liegt es auch daran, dass wir gestern nicht viel gegessen haben. Wahrscheinlich beides. Ich bin jedenfalls froh, dass der Aufstieg noch im Schatten des Berges liegt.

Mit jedem Höhenmeter öffnen sich die Blicke über die Landschaft – steile Felswände, von Pinien bedeckte Hänge und tief eingeschnittene Schluchten (Barrancos genannt). Das Licht steht noch tief und lässt die Bergkämme in Schichten aus Schatten und Dunst verschwinden. Am Pass sehen wir hinunter auf die Ortschaft Tunte, die tief unten im Tal liegt. Eigentlich würde der GR 131 hier nach Tunte hinunterführen. Da wir jedoch nichts dort benötigen, bleiben wir oben und folgen stattdessen dem Grat über den Morro zum Degollada de la Cruz Grande. Was sich so lapidar liest, entpuppt sich jedoch als ein wenig abenteuerlich.

Zunächst folgen wir noch einer Dirt Road, doch bald zweigt ein kaum sichtbarer Pfad ab. Steinmännchen weisen gelegentlich den Weg durch die Felsen. Der Steig führt steil hinauf, quert über rutschige Piniennadeln und Schotter. Immer wieder müssen wir den Weg zwischen Felsen suchen. Schließlich aber erreichen wir eine großartige Aussicht auf den Teide auf Teneriffa, der in der Ferne aufragt. Hier machen wir Mittagspause und essen cold-soaked Bibimbap.

Vom Morro geht es steil hinunter zum Degollada de la Cruz Grande. Kurz folgen wir der Straße, bevor ein schmaler Pfad wieder nach oben führt. Nun sind wir der Sonne voll ausgesetzt. Der Trail windet sich zunächst über einen felsigen Grat, dann entlang steiler Felswände in engen Serpentinen nach oben. Einige Passagen erinnern mich an die berühmten Kehren zum Angels Landing im Zion National Park.

Wir kämpfen uns von einem seltenen Schattenfleck zum nächsten. Das Wasser wird langsam knapp, Schweiß tropft. Zwischen den roten Felsen wachsen Agaven, Sukkulenten und flaumig aussehende Kakteen. Darauf folgen malerische Mandelbäume mit weißen Blüten.

Während wir gerade im Schatten einer Felswand pausieren, kommt uns ein Wanderer entgegen. Schon von weitem identifiziere ich ihn als Thru-Hiker: Sun-Hoodie, leichter Rucksack, beschwingter Schritt. Es ist Malte aus München, der eine Mischung aus GR 131, GR 139 und eigener Route wandert.

Der letzte Teil des Anstiegs wird schließlich einfacher. Die Landschaft wird karger und öffnet sich zu weiten Hochflächen. Am Ventana del Nublo erreichen wir einen Aussichtspunkt mit einem natürlichen Felsfenster. Durch dieses blickt man direkt auf die ikonische Felsformation Roque Nublo. Dahinter zeichnen sich die Silhouetten weiterer Berge ab und wieder der Teide.

Schon heute Morgen habe ich auf der Karte etwas Merkwürdiges entdeckt: einen Verkaufsautomaten mitten in den Bergen, bei einem Jugendcamp. Wir sind gespannt, was dieser mysteriöse Automat zu bieten hat. Außerdem brauchen wir unbedingt Wasser, das wir heute den ganzen Tag rationiert haben.

Tatsächlich stehen am Eingang des verwaisten Camps gleich mehrere Automaten: einer für Eis, einer für Softdrinks, einer für Schokoriegel und einer für Kaffee. Der Softdrink-Automat weigert sich allerdings hartnäckig, unsere Münzen zu schlucken. Also kaufen wir uns stattdessen ein Wassereis und teilen es.

Die Toiletten sind leider verschlossen, und auch der Wasserhahn bei den Automaten ist trocken. Unser letzter Hoffnungsschimmer ist der Backcountry-Campground ein Stück weiter. Und tatsächlich: Dort fließt das kostbare, kühle Nass wie selbstverständlich aus dem Hahn. Auf keiner der Inseln haben wir bisher natürliches Wasser gesehen. Höchstens in Stauseen oder Reservoirs liegt manchmal eine braune Pfütze.

Während wir unsere Flaschen auffüllen, treffen wir einen Radfahrer aus Hamburg. Er mag seine Heimatstadt, sagt er, aber die Berge noch mehr. Deshalb nutzt er jede Gelegenheit, in die Berge zu kommen, wie hier gemeinsam mit seinem Sohn. Außerdem erzählt er uns, dass er Gran Canaria selten so grün gesehen habe, dank ungewöhnlich vieler Regenfälle diesen Winter.

Wir beschließen, hierzubleiben. Zwar sind wir heute nur 18 Kilometer gelaufen, aber dabei haben wir immerhin 1.580 Höhenmeter gesammelt, und die Hitze hat uns ziemlich ausgelaugt. Uns reicht es für heute und ohnehin sieht es nicht danach aus, als gäbe es in den nächsten sechs Kilometern gute Zeltplätze.

Am Abend wird es schnell kalt. Kaum zu glauben, dass es vor wenigen Stunden noch brutal heiß war. Noch vor Sonnenuntergang kriechen wir in unsere Schlafsäcke.

Das Abendessen besteht aus cold-soaked Essen, das uns eine wichtige Erkenntnis beschert: Getrocknete Rosenkohlstücke sollte man besser nicht dehydrieren. Sie werden unglaublich bitter und versauen die ganze Mahlzeit.

Irgendwo in der Dunkelheit brüllt immer wieder ein Esel in die Nacht.

GR 131 Tag 13 – Zwischen Wolkenmeer und Teide

Llanos de la Pez bis Aussichtspunkt auf Agaete: 25,2 km / 860 hm / 6,5 h

Der Morgen ist kühl, aber wir sind froh über die frischen Stunden des Tages, da wir genau wissen, wie heiß es später wieder werden wird. Unter uns liegt ein Wolkenmeer, das berühmt auf den Kanaren ist und sich oft zwischen Küste und Hochland bildet. Die ersten Sonnenstrahlen treffen zuerst den aus dem Wolkenmeer hervorragenden Teide und lassen seinen Gipfel kurz aufleuchten, während die Landschaft mit Roque Bentayga und Roque Nublo um uns herum noch im Schatten liegt. Der Felsmonolith Roque Bentayga ragt aus einer zerfurchten Landschaft aus Schluchten und Felsrücken. Der Anblick erinnert mich an Monument Valley.

Schafe blockieren den schmalen, gepflasterten Weg vollständig, und wir umgehen die Herde über ein bisschen Bushwhacking. Heute begegnen wir auch einigen anderen Mehrtageswanderern. Gran Canaria scheint deutlich beliebter bei Trekkern zu sein als die anderen Inseln.

Kurz darauf erreichen wir Cruz de Tejeda – genau in dem Moment, als mein Darm sich meldet. Perfektes Timing, denke ich, und freue mich schon auf die öffentlichen Toiletten. Doch sie sind noch geschlossen, sie öffnen erst um 9:30 Uhr. Enttäuschung. Auch die Bar-Restaurants sind so früh noch geschlossen.

Je weiter wir nach Norden kommen, desto grüner wird die Landschaft. Pinien, Terrassenfelder und viel frisches Grün überziehen die Hügel. Zum ersten Mal sehen wir gefüllte Reservoirs und später sogar kleine Bächlein. Ein paar Felsenhühner flattern plötzlich direkt vor uns vom Boden auf. Diese Tiere sind so perfekt getarnt, dass wir sie nie sähen, wenn sie nicht im letzten Moment laut flatternd davonflögen.

Bald nähern wir uns Artenara auf etwa 1.230 Metern Höhe, der höchstgelegenen und eine der ältesten Ortschaften Gran Canarias. Von oben betrachtet, scheinen sich die Häuser an den Berghang zu klammern. Unterhalb der Stadt fällt das Gelände steil in tiefe Barrancos ab. Eine steile Straße führt uns hinunter in den Ort, was meine Knie gar nicht mögen. Harte, steile Straße – autsch.

Im kleinen Supermarkt kaufen wir Snacks, Wasser und Clipper-Sodas, die wir direkt vor dem Laden in uns hineinschütten. Anschließend gehen wir in ein Restaurant. Wir sind etwas zu früh dran und warten bei Tee, bis die Küche öffnet, und laden dabei unsere Powerbanks auf. Eigentlich hatten wir überlegt, heute noch bis Agaete durchzuwandern. Stattdessen beschließen wir, noch eine Nacht draußen zu bleiben und erst morgen früh hinunterzugehen. So können wir uns für das Mittagessen auch ordentlich Zeit nehmen.

Beim Bestellen übertreiben wir maßlos. Der Kellner sieht unsere Liste, lacht und sagt freundlich, dass das viel zu viel sei, und bringt uns kleinere Portionen. Wir verputzen fast alles, packen den Rest in ein Talenti-Jar für später und bestellen dann noch ein Dessert. Am Ende sind wir bis obenhin voll, aber zufrieden.

Am Nachmittag wird es wieder heiß. Immerhin gibt mir die üppige Mahlzeit neue Energie, nachdem sich meine Beine heute Morgen wieder etwas schwach angefühlt haben. Der GR 131 folgt nun abwechselnd kleinen PUDs (pointless ups and downs), mal rechts, mal links der Straße. Beim letzten lassen wir den Umweg einfach aus und bleiben auf der einsamen Straße.

Schließlich erreichen wir den Rand des Pinienwaldes und finden einen perfekten Platz für die Nacht. Die Sonne sinkt langsam Richtung Horizont. Steile Felswände fallen in die Tiefe, 1.000 Höhenmeter unter uns sehen wir die Küstenlinie und die Häuser von Agaete. Die Wolken kommen immer näher, bis sie sich wie eine Decke unter uns legen. Über dem Wolkenmeer erhebt sich der Gipfel des Teide, der bereits die nächste Insel auf dem GR 131 markiert. Wolken schieben sich wie Wasserfälle über die niedrigeren Berge Teneriffas. Während die Sonne glühend untergeht, jagen Schmetterlinge einander im Abendlicht, das in langen Streifen durch die Pinien auf den Waldboden fällt.

Wir sind froh über unsere Entscheidung, noch eine Nacht draußen zu verbringen. Wer braucht schon eine Dusche, wenn man das hier haben kann?

GR 131 Tag 14 – Abstieg zum Atlantik

Faro de Maspalomas bis Puerto de las Nieves: 8 km / 40 hm / 2,25 h

In der Nacht können wir den Wind um uns herum durch die Kiefern rauschen hören, doch unser Zelt steht relativ geschützt zwischen den Bäumen. Nur gelegentlich greifen Böen nach dem Stoff. Meine Ohrstöpsel dämpfen das Rauschen immerhin ein wenig.

Irgendwann in der Nacht verlässt Ryan das Zelt und schläft wegen des Lärms draußen unter freiem Himmel weiter. Als ich um sieben Uhr aufwache, schläft er immer noch und hat seinen Wecker verpasst. Ich wecke ihn, während sich der Himmel langsam rot färbt. Über dem Atlantik liegt wieder das Wolkenmeer, als hätte jemand den Horizont mit Watte ausgepolstert. Darüber erhebt sich der Teide, dessen Gipfel im ersten Morgenlicht aufleuchtet. Wir packen unsere Sachen für den letzten Morgen auf Gran Canaria.

Der Abstieg beginnt spektakulär. Der Pfad führt entlang steiler Felswände durch grüne Berghänge, während Teide wie ein stiller Begleiter am Horizont sichtbar bleibt. Weit unten erstreckt sich das tiefblaue Meer. In der Ferne staffeln sich die Küstenberge in immer blasseren Blautönen hintereinander. Der Weg schlängelt sich durch Mohnblumen und Kakteen, von denen mir besonders jene gefallen, die wie kleine Orgelpfeifen aussehen. Immer wieder kriechen Schnecken über den Pfad. Wasser fließt in kleinen Wasserfällen den Hang hinunter, und zum ersten Mal probieren wir natürliches Wasser auf den Kanaren. Es schmeckt hervorragend!

Schon bald kommen uns die ersten Wanderer entgegen, viele bereits jetzt schweißnass. Die Sonne steht noch nicht einmal besonders hoch, aber es ist schon heiß. Wir sind froh, dass unser Weg heute nur bergab führt.

Schließlich erreichen wir Agaete, an dessen Hafen der GR 131 auf Gran Canaria endet. Hier unten weht eine angenehme Brise vom Meer her. Kein Wunder, dass die uns entgegenkommenden Wanderer annahmen, es sei eine gute Idee, eine 1.200-Höhenmeter-Wanderung so spät am Tag zu beginnen. Von hier unten klingt das tatsächlich gar nicht so schlecht.

Unser erster Stopp ist der Waschsalon. Wir ziehen unsere verschwitzten Sachen aus und werfen alles in Waschmaschine und Trockner. 45 Minuten später ist alles wieder sauber und trocken. Nebenan im Supermarkt kaufen wir zwei Clipper-Sodas. Ryan nimmt eine kalte Flasche, ich eine warme. Mag sonst noch jemand keine eiskalten Getränke? Für mich ergibt das keinen Sinn – die Kälte erzeugt Bauchschmerzen und Hirnfrost gehört auch nicht gerade zu meinen Lieblingsgefühlen.

Danach gehen wir zu den natürlichen Felsenpools am Meer. Da die Küste hier aus schwarzem Lavagestein besteht, haben sich zwischen den Felsen mehrere Becken gebildet, in denen sich Meerwasser sammelt. Dahinter brechen die Atlantikwellen gegen die Felsen, während das Wasser in den Pools ruhig und klar daliegt. Bei näherem Hinsehen entdecken wir große rote Krabben zwischen den Felsen, die blitzschnell in ihren Spalten verschwinden, sobald man ihnen zu nahe kommt. Wir schwimmen durch alle drei Pools, trocknen anschließend in der Sonne und genießen einfach den Moment.

Die Atmosphäre hier gefällt mir deutlich besser als der Massentourismus von Maspalomas. Wer auf Gran Canaria Urlaub machen will, dem würde ich den Norden empfehlen. Keine weißen Sandstrände und keine Dünen, aber dafür Ruhe.

Die Fähre um 14 Uhr ist bereits ausgebucht. Die Kanaren sind kein guter Ort für spontane Entscheidungen, wenn es um Fähren oder Unterkünfte geht, was die größte Herausforderung auf einem Thru-Hike des GR 131 darstellt. Also buchen wir die nächste um 16 Uhr und verbringen noch mehr Zeit an den Felsenpools.

Dann gehen wir zu einem richtig guten Mittagessen über. Die Tapas-Karte ist fantasievoll, mit modernen Variationen klassischer kanarischer Küche. Wir bestellen Chorizo mit Honig und karamellisierten Zwiebeln, Linsen-Mango-Salat und Garbanzas (Kichererbsensuppe). An einem regnerischen Tag in München werde ich an diese Suppe zurückdenken. Jeder Teller ist wunderschön angerichtet und strotzt nur so vor frischen, aromatischen Zutaten.

Wir erkunden die Gassen der Hafenstadt, deren Häuser weiß gestrichen sind, mit blauen Türen und Fensterrahmen, viele davon mit alten Bojen und Fischernetzen dekoriert. Am Nachmittag setzen wir dann nach Santa Cruz de Tenerife über.

Herausforderungen & Höhepunkte des GR 131 auf Gran Canaria

Herausforderungen: Hitze, lange Anstiege und Wasserknappheit.

Höhepunkte: Das Hochplateau im Inselinneren mit Blick auf Roque Nublo und Roque Bentayga, der Teide über dem Wolkenmeer und schließlich der Abstieg durch grüne Berghänge hinunter in die entspannte Küstenstadt Agaete.

Lektion: Die größte Herausforderung auf einem Thru-Hike des GR 131 ist oft die Logistik. Fähren und Unterkünfte auf den Kanaren lassen sich nicht immer spontan organisieren.

Kurzinfo GR 131 auf Gran Canaria

Dauer: 3 bis 5 Tage
Distanz: 74 km
Ausgangspunkt: Faro de Maspalomas, Gran Canaria
Endpunkt: Puerto de las Nieves (Agaete), Gran Canaria
Gesamtanstieg: 3.250 hm
Schwierigkeit: leicht – bis T2 (Bergwandern)

Hier geht’s weiter auf Teneriffa:

GR 131: Wälder, Lava und der Teide auf Teneriffa

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