Sattel zwischen Montaña Blanca und Los Morretes

GR 131: Durch Nebel und Lava über Lanzarote

Der GR 131 durchquert die Kanarischen Inseln von Nord nach Süd. Er beginnt auf Lanzarote und führt über Fuerteventura, Gran Canaria, Teneriffa, La Gomera und La Palma bis nach El Hierro. Jede Insel hat ihren eigenen Charakter – von kargen Lavafeldern und wüstenartigen Ebenen bis zu nebelverhangenen Lorbeerwäldern und Vulkanlandschaften. Technisch ist der Weg unkompliziert, organisatorisch jedoch etwas aufwendiger, da man zwischen den Inseln mit Fähren wechseln muss.

Wir sind den gesamten Trail am Stück gewandert und haben uns von Insel zu Insel vorgearbeitet. In dieser Artikelserie beschreibe ich jedoch jede Insel separat. So lassen sich die einzelnen Abschnitte besser planen und nachvollziehen, falls ihr selbst überlegt, einen Teil des GR 131 zu gehen.

Der erste Abschnitt beginnt im kleinen Hafenort Órzola im Norden von Lanzarote und führt in 73 Kilometern quer über die Vulkaninsel bis in den Süden nach Playa Blanca.

Anreise

Von München fliegen wir mit Direktflug nach Lanzarote. Auf Lanzarote ist es einfach, viele Stationen auf dem GR 131 mit dem Bus zu erreichen. Daher und um uns ein wenig aufzuwärmen, bevor es ernster wird, haben wir uns dazu entschieden, diese Insel mit fester Unterkunft in Arrecife zu bewandern. Die ersten zwei Tage nehmen wir also morgens den Bus zum Trail und abends zurück nach Arrecife, am dritten Tag gehen wir mit Sack und Pack nach Playa Blanca, wo die Fähre nach Fuerteventura übersetzt.

GR 131 Tag 1 – Ein nass-grauer Auftakt

Orzola bis Teguise: 25 km / 853 hm / 5 h

Regentropfen prasseln gegen die Fensterscheiben des Busses, der uns am frühen Morgen zum kleinen Hafen von Órzola bringt. Hier beginnt der GR 131 auf Lanzarote. Es ist nach wie vor regnerisch, weshalb wir uns nicht lange am offiziellen GR-131-Schild mit Karte aufhalten. Nur ein schnelles Selfie, dann drehen wir dem Hafen den Rücken zu.

Zwei andere Wandernde starten ebenfalls gerade in den Trail. Eine Frau slackpackt wie wir, ein Mann trägt einen großen Rucksack. Wir wechseln kein Wort miteinander und wissen daher nicht, ob sie ebenfalls den gesamten GR 131 gehen wollen oder nur einen Teil wie die meisten. Immer wieder sehe ich sie uns voraus auf der Strecke, sich immer weiter entfernend, während ich oft stehenbleibe, um Fotos von der Landschaft zu machen.

Wir folgen der Straße aus der Ortschaft heraus Richtung Süden. Links und rechts liegen Felder aus erstarrter Lava, dazwischen wächst eine überraschend vielfältige Vegetation: Moose und Flechten überziehen die dunklen Steine, kleine Blüten leuchten zwischen den Felsen, dazu widerstandsfähige Gräser, Sukkulenten und Kakteen. Als plötzlich die Sonne durch die Wolken bricht, leuchten die Vulkankegel am Horizont in warmen Farben. Über großen schwarzen Lavafelsen erscheint sogar ein Regenbogen. Für einen Moment wirkt das sehr vielversprechend. Vielleicht wird das Wetter besser.

Doch sobald wir in die Hügel aufsteigen, verschwindet die Landschaft im Nebel. Kurz darauf beginnt es zu regnen. Die Regenjacken, die wir nur „für den Fall der Fälle“ eingepackt haben, kommen schneller zum Einsatz als gedacht. Die Luft fühlt sich schwer und feucht an, und der feine Sprühregen klebt auf unserer Haut. Unter unseren Schuhen knirscht der vulkanische Sand. Jeder bewältigte Kilometer ist mit einem rostroten Schild markiert, und sie fliegen nur so an uns vorüber.

Als wir nach Máguez hinunterlaufen, kommt kurz wieder die Sonne heraus. Doch schon beim nächsten Anstieg Richtung Haría ziehen die Wolken erneut auf. Am Ortseingang begrüßt uns eine verschmuste rote Katze. Auf dem Dorfplatz vor der Kirche setzen wir uns auf eine Bank und essen unsere Sandwiches.

Es ist kühl geworden. Der Wetterbericht sagt noch ein paar Stunden Regen voraus, und der nächste Anstieg führt auf den höchsten Punkt der Insel (Peñas del Chache). Es wäre schade, dort oben gar nichts zu sehen. Also beschließen wir, zu warten. Wir schauen uns die Kirche an, dann beginnt es wieder zu regnen. Zunächst suchen wir Schutz unter einem mit Efeu bewachsenen Torbogen auf einem Platz, auf dem sich eine weitere Katze von uns streicheln lässt. Nicht der schlechteste Ort. Doch dann wird der Regen stärker und wir flüchten in ein Café.

Wir sind nicht die Einzigen mit dieser Idee. Das Café ist voll. Gerade als wir eintreten, steht ein Paar auf und wir können ihren Tisch übernehmen. Wir bestellen tröstende heiße Getränke und lassen unsere Hände von den dampfenden Tassen erwärmen, während wir durch das Fenster den Regen beobachten und warten.

Eine Stunde später wirkt der Himmel etwas freundlicher. Zwischen den Wolken zeigt sich ein Streifen Blau, und wir hoffen, dass sich die Wolken bis zu unserem Aufstieg vielleicht noch heben. Ein wenig tun sie das auch, aber nicht genug.

Oben sollten sich weite Ausblicke über die Insel und die Küste öffnen. Stattdessen wandern wir durch eine graue Wand aus Nebel und können nur erahnen, was uns entgeht. Die Landschaft verschwindet schon wenige Meter neben dem Weg. Als würde das nicht reichen, setzt erneut Regen ein und es wird überraschend kühl. Außer uns ist hier oben niemand unterwegs. Durch den dichten Dunst taucht plötzlich eine weiß getünchte Kirche auf. Wir stapfen weiter, hören ein Hörbuch und lassen uns so durch diese Etappe tragen.

Erst beim Abstieg verlassen wir die Wolken. Vor uns breitet sich endlich ein Blick über den Süden Lanzarotes und den Atlantik aus. In der Ferne liegt unser Tagesziel: Teguise mit seinen weißen Häusern. An einem klaren Tag muss dieser Ausblick spektakulär sein. Aber so ist das auf einem Thru-Hike – es gilt, das Wetter so zu nehmen, wie es kommt, wenn man vorankommen will.

Mit jedem Meter abwärts wird es wärmer. Der Weg führt steil bergab über felsige Pfade und ausgewaschene Steinstufen in ein Tal aus schwarzer Vulkanasche, die hier erstaunlich fruchtbar ist. Auf Lanzarote werden hier Kartoffeln, Tomaten und sogar Wein angebaut. Viele Felder nutzen eine Form des Trockenfeldbaus, bei der kein künstliches Bewässerungssystem nötig ist, weil der Boden Regenwasser speichert.

Als wir Teguise erreichen, zeigt sich endlich die Sonne. Der große Marktplatz liegt verlassen vor uns. Sonntags soll hier ein lebhafter Markt stattfinden. Wir laufen durch die verwinkelten Gassen mit ihrem alten Kopfsteinpflaster, bis wir schließlich den Bus zurück nach Arrecife nehmen.

Der Start auf dem GR 131 fühlt sich etwas unspektakulär an. Am Morgen sah die Wettervorhersage noch vielversprechend aus. Doch auf einer Insel wie Lanzarote lernen wir schnell: Prognosen bedeuten hier nicht viel.

GR 131 Tag 2 – Durch Lanzarotes Vulkanlandschaft

Teguise bis Uga: 28,9 km / 877 hm / 6 h

Am Morgen nehmen wir den Bus zurück nach Teguise, wo wir gestern aufgehört haben. Von hier führt der GR 131 zunächst über lange Schotterwege Richtung San Bartolomé. Die Landschaft wirkt weit und offen, doch der Abschnitt zieht sich etwas: Felder und die staubige Straße. Aber heute scheint die Sonne und das stimmt mich fröhlich. Nach dem grauen Auftakt am Vortag fühlt sich das wie eine Wiedergutmachung an, auch wenn es schnell heiß wird. Stark duftende weiße Blumen blühen am Wegesrand.

Hinter San Bartolomé beginnt der Anstieg. Vorbei an kanarischen Drachenbäumen und großen Kandelaber-Wolfsmilchpflanzen, deren dicke, säulenförmige Triebe wie ein grüner Kaktuswald in den Himmel ragen. In Gärten wachsen Papayapflanzen, an deren Stämmen große Früchte hängen.

Der Weg führt hinauf in die Vulkanlandschaft rund um Montaña Blanca. Es ist mittlerweile sehr warm geworden und der Wind bleibt hier aus. Daher suchen wir uns ein Schattenplätzchen und machen Mittagspause.

Bald stehen wir auf einem Sattel zwischen zwei grasbewachsenen Vulkankegeln. Von hier aus öffnet sich der Blick über den Atlantik, während weite Teppiche gelber Blüten in der grünen Wiese leuchten. Viele Samen liegen jahrelang im trockenen Boden und warten auf Regen. Fällt im Winter genügend Niederschlag, keimen sie innerhalb weniger Wochen gleichzeitig im fruchtbaren vulkanischen Boden. So verwandelt sich die sonst karge Lava­landschaft für kurze Zeit in ein leuchtend gelbes Blütenmeer.

Wir kommen durch die kurz hintereinander liegenden Ortschaften Conil und La Asomada bis wir wieder in die Hügel hinaufsteigen. Ein kurzer Abstecher führt uns auf den Gipfel von Montaña de Guardilama (603 m). Auf dem Grat trifft uns der Wind mit voller Wucht. Auf der Westseite des Gipfels werden wir regelrecht herumgeschubst. Erst auf der Ostseite finden wir einen geschützten Platz.

Von hier oben breitet sich Lanzarote in alle Richtungen aus. Im Westen liegt der Nationalpark Timanfaya mit seinen Vulkanen, Kratern und scheinbar endlosen schwarzen Lavafeldern und Ascheflächen. Nach Norden erkennen wir Arrecife und das Meer, während sich im Süden grüne Hügel bis zu den Klippen am Atlantik ziehen. Sonnenstrahlen brechen durch die Wolken und tauchen die Landschaft in ein wechselhaftes, fast magisches Licht. Im Norden erscheint sogar ein Regenbogen.

Beim Abstieg sehen wir immer wieder den speziellen Weinanbau auf Lanzarote. Es sind keine üppigen Weinreben, sondern kleine, bodennahe Pflanzen, die fast verloren wirken in der schwarzen Lavaasche. Sie wachsen einzeln in kleinen Mulden, windgeschützt von niedrigen, halbkreisförmigen Steinmauern. Die Asche speichert Feuchtigkeit aus Tau und seltenem Regen, während Steinmauern die Pflanzen vor dem Wind schützen.

Ich versuche mir vorzustellen, wie die Traubenernte im Hochsommer aussieht. Eine maschinelle Ernte ist hier praktisch unmöglich, weshalb die Ernte per Hand erfolgen muss. Unter der brennenden Sonne, ohne Schatten, während die Hitze vom dunklen Boden zurückstrahlt. Daher werden die Trauben hier meist schon im Morgengrauen gelesen, bevor die Hitze des Tages einsetzt.

Am späten Nachmittag erreichen wir Uga, wo wir unsere einzige Katze des Tages sehen. Sie hat allerdings wenig Interesse an Kontakt und flüchtet sofort auf einen Baum, als ich mich nähere. Erst nachdem ich weggehe, schaut sie neugierig in den Mülleimer, in den ich unsere Orangenschalen geworfen habe. Ob sie damit etwas anfangen kann, weiß ich nicht.

Während wir auf den Bus warten, der wie bisher immer auf Lanzarote später kommt als geplant, wird es langsam kühl. Meine Oberschenkel und mein rechtes Knie melden sich nach dem langen Tag ein wenig, und Ryan kämpft mit Scheuerstellen. Morgen wird er wohl Unterwäsche unter den Shorts tragen müssen.

Nach der Hitze und dem Staub des Tages fühlt sich meine Haut eklig klebrig an. Umso mehr freue ich mich auf eine Dusche. Den Luxus einer festen Unterkunft genießen, solange wir sie noch haben.

GR 131 Tag 3 – Durch 300 Jahre alte Lava ans Meer

Uga bis Playa Blanca: 19,8 km / 135 hm / 3,75 h

Am Morgen nehmen wir den Bus zurück nach Uga. Heute mit vollem Gepäck, denn am Ende werden wir mit der Fähre nach Fuerteventura übersetzen. Damit beginnt unser letzter Wandertag auf Lanzarote.

Hinter Uga führt der Weg durch ein 300 Jahre altes Lavafeld voller poröser Brocken. Hier und da stehen Steinmännchen, als hätte jemand versucht, in dieser rauen Landschaft eine Spur von Ordnung zu hinterlassen.

Das Lavafeld entstand während der gewaltigen Vulkanausbrüche zwischen 1730 und 1736, die große Teile der Insel unter Lava begruben. Ein gut angelegter Pfad schlängelt sich bequem durch das schwarze Gestein. Auch Kamelkarawanen nutzen diesen Weg, was sich unschwer an den Hinterlassenschaften erkennen lässt. Wir bekommen allerdings keine Kamele zu Gesicht. Ryan beginnt schon an der Existenz dieser tierischen Wüstenschiffe zu zweifeln.

Über uns liegt eine dichte Wolkendecke, aus der immer wieder einzelne Sonnenflecken auf die Vulkanlandschaft fallen. Dafür bin ich dankbar, denn es ist auch so schon schwül genug. Nach Yaiza steigen wir über eine lange Steintreppe aus dem Ort hinaus, dann folgen wir einer staubigen Piste. Vor uns liegen schwarze Lavaflächen und dahinter die Vulkane der Insel. Ihre dunklen Hänge sind von frischem Grün überzogen, als hätte der Regen der letzten Tage die Insel kurz zum Aufatmen gebracht. Die Aussicht ist großartig, auch wenn eine Schnellstraße im Tal den Eindruck etwas stört.

Ein steiniger Pfad führt durch eine weitere Landschaft aus zerklüfteter Lava, die von Flechten und Moosen überzogen ist. Meeresspargel wächst überall und wir knabbern daran – für unsere Extraportion Salz. Eine kleine Ziegenfarm taucht auf, die wir riechen und hören können, bevor wir sie sehen. Dann rückt langsam das Meer näher.

Schließlich erreichen wir Playa Blanca, das südliche Ende des GR 131 auf Lanzarote. Der Meerblick konkurriert mit dem Gewusel der Menschen, Restaurants und Shops entlang der Strandpromenade. Es herrscht geschäftiges Urlaubsleben – ein deutlicher Kontrast zur stillen Vulkanlandschaft und den kleinen Ortschaften der letzten Tage.

Wir wählen die Fähre um 16:30 Uhr, da sie am günstigsten ist. Die Zeit bis dahin verbringen wir am Strand. Da der Himmel noch immer bedeckt ist, sind heute nur wenige Menschen hier. Wir lehnen uns an eine niedrige Mauer und sitzen im Sand.

Plötzlich fällt Ryan ein Handy auf den Kopf. Eine Frau, die über uns auf der Mauer sitzt, hat es versehentlich fallen lassen. Autsch. Als wäre er mit seiner heute ausgebrochenen Erkältung nicht ohnehin schon genug geplagt.

Am Nachmittag setzen wir nach Corralejo über – einst ein einfaches Fischerdorf, das sich zu einer wuseligeren Resort-Stadt entwickelt hat, die sowohl bei Surfern als auch bei Strandurlaubern beliebt ist. Nach den ruhigen Tagen auf Lanzarote wirkt der Ort fast surreal: Einkaufszentren, Menschenmengen, Reklametafeln und Verkehr. Ein Wirbel aus Eindrücken, der uns beiden sehr schnell zu viel wird.

Am Abend feiern wir den Abschluss unserer ersten Insel in einem argentinischen Steakrestaurant in der Nähe unserer Unterkunft. Der eigentliche Höhepunkt der Mahlzeit kommt zum Schluss: Polvito Uruguayo. Das Dessert besteht aus einer Mischung aus zerbröselten Keksen, Dulce de Leche und Sahne, geschichtet zu einer cremigen Masse. Schwer, pappsüß und absolut perfekt.

Lanzarote liegt nun hinter uns. Morgen geht es auf der nächsten Insel weiter.

Herausforderungen & Höhepunkte des GR 131 auf Lanzarote

Herausforderungen: Unbeständiges Wetter mit Nebel, Regen und überraschend kühlen Temperaturen am ersten Tag. Dadurch bleiben die erhofften Ausblicke lange verborgen.

Höhepunkte: Die Vulkanlandschaft rund um die Montaña Blanca mit ihren grünen Kegeln und gelben Blütenteppichen. Der Abstecher auf die Montaña de Guardilama mit Panorama über Lanzarote.

Lektion: Vertraue nicht dem Wetterbericht.

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