Ruta de los Volcanes

GR 131: Über Vulkane, Wolken und Lavafelder auf La Palma

Der GR 131 auf La Palma verläuft entlang einer der jüngsten und aktivsten Vulkanlandschaften Europas. Der Weg führt über schwarze Aschefelder, entlang Vulkankämmen und hoch bis an den Rand der Caldera de Taburiente – immer begleitet von Wind, Wolken und dem Gefühl, dass diese Insel noch lange nicht fertig ist.

GR 131 Tag 24 – Schwarze Asche und Vulkane auf La Palma

Faro Fuencaliente bis Fuencaliente: 7,5 km / 720 hm / 1,75 h

Zwei Busfahrten brauchen wir, um zum Startpunkt des GR 131 auf La Palma zu gelangen: dem Faro de Fuencaliente ganz im Süden der Insel. Viel Zeit zum Wandern bleibt uns dadurch heute nicht, daher planen wir nur die knapp sieben Kilometer vom Leuchtturm hinauf nach Fuencaliente, wo wir eine Unterkunft gebucht haben.

Der erste Bus bringt uns nach Fuencaliente, wo wir Bocadillos in einer kleinen Bar essen und in unser Hostel einchecken, das eines der wenigen wirklich auf Wanderer ausgelegten Hostels ist, die wir auf den Kanaren gesehen haben. Anschließend starten wir leicht bepackt und fahren mit dem zweiten Bus hinunter zum Leuchtturm.

Am Faro de Fuencaliente beginnt der GR 131 auf La Palma. Genau genommen gibt es hier sogar zwei Leuchttürme. Neben dem alten aus schwarzem Lavagestein, der bei einem Erdbeben beschädigt wurde, steht ein neuer, rot-weiß gestreifter Turm. Direkt daneben liegen die Salinen. In flachen Becken schimmert das Wasser in verschiedenen Weiß- und Rosatönen, während sich das Salz langsam kristallisiert und die Sonne das Wasser verdunsten lässt.

Hier beginnt der Anstieg, der uns durch schwarze Aschefelder führt, eingerahmt von den Kegeln zweier Vulkane. Die Strecke hat es trotz der kurzen Distanz in sich: Rund 700 Höhenmeter auf sieben Kilometern. Dennoch zieht sich der Anstieg meist gleichmäßig dahin, nur zwei Abschnitte sind steiler.

Anfangs weht noch ein kräftiger Wind vom Meer herauf, der uns kühlt. Das ist dringend nötig, denn Schatten gibt es in dieser kargen Landschaft kaum. Immer wieder reißt mir der Wind mein Cap vom Kopf. Später lässt er nach, und die Hitze wird spürbar. Wir nehmen jeden Schattenfleck dankbar an, sei es neben einem Lavablock oder weiter oben unter vereinzelten Pinien. Zwischen den dunklen Steinen huschen Eidechsen mit schillernden, irisierenden Farben – kleine Farbtupfer in einer ansonsten eher monochromen Welt.

La Palma gehört zu den geologisch aktivsten Regionen Europas und ist vollständig vulkanischen Ursprungs. Die Insel wächst bis heute weiter – durch wiederkehrende Eruptionen, die neue Lavafelder bilden und die Küstenlinie verändern. Es ist wie ein geologisches Freiluftmuseum und wir können viele der typischen Gesteinsarten vulkanischen Ursprungs bestaunen, wie grobkörnigen Gabbro, feinkörnigen Basalt, hellen Phonolith und poröse Vulkanschlacke.

Wir erreichen den Volcán de Teneguía, der beim Ausbruch von 1971 entstand. Damals floss die Lava bis ins Meer und vergrößerte die Insel messbar. Die Küstenplattform unter uns ist heute mit Bananenplantagen bepflanzt, ist jedoch Gelände, das die Ausbrüche dem Meer abgewannen.

Die Landschaft wirkt hier noch immer erstaunlich „frisch“: schwarze Asche, scharfkantige Lava und kaum Vegetation. Ein kurzer Abzweig führt in Richtung Kraterbasis. Der Weg hinauf zum Gipfel ist seit 2021 gesperrt, aber auch so ist der Blick in den Krater eindrucksvoll. Von hier sehen wir außerdem eine kleinere, rötlich schimmernde Caldera in der Nähe.

Schritt für Schritt arbeiten wir uns durch die schwarze Asche weiter nach oben, bis wir den Volcán de San Antonio erreichen. Hier gibt es ein Besucherzentrum mit Ausstellung und Zugang zur Caldera, doch wir kommen kurz vor Schließung an, weshalb ein Besuch sich nicht mehr lohnt. Von dort ist es nicht mehr weit bis zur Straße und zurück nach Fuencaliente. Im Ort decken wir uns in den zwei Supermärkten mit Proviant für die nächsten Tage ein und gehen zurück ins Hostel.

Am Abend gehen wir essen und übertreiben es maßlos. Aus reiner Neugier bestelle ich eine Brunnenkressesuppe und rechne mit einer kleinen Vorspeise. Stattdessen kommt eine massive Holzschale mit Griff, so groß, dass sie auch als Tatwaffe in einer Krimiserie durchgehen könnte. Dazu Salat und zwei Steaks. Wir sind komplett am Limit, aber immerhin ist das Mittagessen für morgen damit gesichert: Steak-Sandwiches.

Später erfahren wir, dass für den nächsten Abend wieder Calima angekündigt ist, mit Höhepunkt am darauffolgenden Tag. Wir wissen inzwischen, was das bedeutet: schlechte Luft, Staub, eingeschränkte Sicht. Gerade bergauf wird das schnell unangenehm bis gesundheitlich problematisch. Auf La Palma kommt hinzu, dass es entlang der weiteren Route keine Busanbindungen gibt, um spontan abzubrechen.

Wir überlegen uns das gründlich und entscheiden uns, noch zwei Nächte in Fuencaliente zu bleiben und die Entwicklung abzuwarten. Der Ort ist ruhig, angenehm, voller Straßenkatzen, und wir haben alles, was wir brauchen. Es gibt deutlich schlechtere Orte, an denen man festsitzen kann, zum Beispiel in einem lauten, überteuerten Resort-Ort.

Zero Days – Vulkankrater, Mandelkekse und ein spontaner Tauchgang

Am Morgen holen wir nach, was wir gestern verpasst haben: den Besuch des Volcán de San Antonio und der Ausstellung im Besucherzentrum. Vom Ort aus ist es nur ein kurzer Fußweg.

Am Kraterrand weht ein starker Wind. Ich frage mich unweigerlich, wie viele Hüte hier jedes Jahr verloren gehen. Gestern haben wir unten auf dem Trail einen gefunden – jetzt kenne ich seinen Ursprung. Im Inneren des Kraters wachsen Pinien, ein ungewohnter Anblick in dieser sonst so kargen Vulkanlandschaft. Über uns kreisen Raben, getragen von der Thermik.

Die Ausstellung liefert den geologischen Kontext zu dem, was wir draußen sehen: La Palma ist mit etwa 1,7 Millionen Jahren die zweitjüngste Kanarische Insel – geologisch betrachtet ein Kind. Der Süden rund um die Cumbre Vieja ist besonders aktiv. Der Volcán de San Antonio brach zuletzt 1677 aus und war ein ganzes Jahr lang aktiv. In den vergangenen 500 Jahren brach er insgesamt siebenmal aus. Und erst 2021 kam mit dem Tajogaite weiter nördlich ein neuer Vulkan hinzu – ein eindrückliches Beispiel dafür, dass diese Insel noch lange nicht „fertig“ ist.

Zurück im Ort machen wir einen kleinen kulinarischen Rundgang: die berühmten Mandelkekse aus einer Bar, Brot aus der lokalen Bäckerei, das schon beim Anblick überzeugt, und ein paar Kleinigkeiten aus dem Supermarkt als Belag. Der Rest des Vormittags gehört der Ruhe. Das Brot hält, was es verspricht – mit Butter fast schon lächerlich gut. Ryan kauft 250 g Butter und ist überzeugt, es in zwei Tagen zu schaffen, sie aufzuessen. Wenn ich sehe, wie dick er sie auf seine Scheiben streicht, glaube ich ihm.

Der angekündigte Calima bleibt dieses Mal überraschend harmlos. Am nächsten Morgen liegt nur ein leichter Schleier in der Luft. Trotzdem bereue ich unsere Entscheidung nicht, hierzubleiben. Stattdessen nutzen wir die Zeit für etwas vollkommen anderes: Wir gehen tauchen.

Für Ryan ist es ein „Schnuppertauchgang“, für mich ein spontaner Wiedereinstieg nach vier Jahren Pause. Unter Wasser zeigt sich eine ganz eigene Seite von La Palma. Die vulkanische Aktivität hat eine Landschaft aus Höhlen, Bögen und Lavatunneln geschaffen. Zwischen den Felsen entdecken wir Trompetenfische, Papageifische, einen Drachenkopf, eine Muräne und einen Kugelfisch.

Ryan ist sofort begeistert. Es ist ziemlich klar, dass er früher oder später einen Tauchschein machen wird. Ich selbst habe vor ein paar Jahren intensiv getaucht, über 130 Tauchgänge gesammelt und mich bis zum Stress & Rescue Diver ausbilden lassen. Seit dem PCT 2022 lag der Fokus komplett auf dem Wandern. Aber jetzt, zurück unter Wasser, merke ich schnell: Das Gefühl ist noch da.

Den Rest des Tages lassen wir ruhig angehen. Ein Spaziergang durch den Ort, noch mehr von dem guten Brot, ein entspanntes Abendessen.

Im Hostel treffen wir schließlich den ersten anderen Wanderer, der den GR 131 komplett geht. Xavier ist ein 20-jähriger Franko-Kanadier und genauso begeistert von der Route wie wir.

GR 131 Tag 25 – Über die Ruta de los Volcanes

Fuencaliente bis Reventon Pass: 25 km / 1.790 hm / 7 h

Zeit, weiterzuziehen. Wir verabschieden uns von den Katzen von Fuencaliente und kommen auf dem Weg aus dem Ort an einer Statue eines Wanderers vorbei. Ein ungewohntes Gefühl, sich selbst einmal repräsentiert zu sehen, und wir nehmen es dankbar an.

Vor uns liegt die Ruta de los Volcanes, eine der bekanntesten Tageswanderungen auf dem GR 131. Die Strecke führt von Fuencaliente bis Refugio El Pilar und verbindet mehrere Vulkankegel, Krater und Lavafelder der Cumbre Vieja miteinander, die sich vor etwa 125.000 Jahren bildeten. Diese Vulkankette ist 20 Kilometer lang und erhebt sich auf bis zu 1.950 Meter.

Zu Beginn führt der Weg durch schattenspendenden Pinienwald, was den Aufstieg deutlich angenehmer macht. Doch mit zunehmender Höhe werden die Bäume lichter, bis wir schließlich an offenen Flanken entlanglaufen. Der Untergrund wechselt zu schwarzer, knirschender Vulkanasche.

Am Volcán de San Martín empfängt uns ein kräftiger, kühler Wind. Die Temperaturen sind plötzlich deutlich angenehmer. Ein kurzer Abstecher führt uns auf den Gipfel, wo wir direkt in den Krater blicken können. Besonders auffällig sind die intensiven Rottöne des Gesteins, die sich scharf vom Schwarz der Lava und Asche abheben.

Unterwegs treffen wir Klaus aus Schweden, der den Trail in entgegengesetzter Richtung läuft. Er gibt uns ein Update zur Wassersituation – und bestätigt genau das, was ich mir erhofft habe: Dort, wo Wasser eingezeichnet ist, gibt es auch welches. Eine wichtige Information, denn auf den anderen Inseln haben wir oft erlebt, dass eingezeichnete Wasserstellen schlicht trocken waren.

Ein steiler Abschnitt führt uns weiter nach oben, durch lose Vulkanasche, die bei jedem Schritt nachgibt. Es fühlt sich an, als würden wir durch Sand steigen. Oben angekommen brauche ich erst einmal eine kurze Pause im Schatten eines einzelnen Baumes.

Der Blick reicht weit – nur der Teide bleibt uns verborgen. Die Calima hängt noch immer als leichter Schleier in der Luft. Im Vergleich zu den letzten Tagen ist sie jedoch harmlos: blauer Himmel über uns, klare Luft, kein kratzender Staub in den Lungen.

Ein weiterer Anstieg bringt uns auf den Volcán de la Deseada. Hier entscheiden wir uns spontan für eine Alternativroute direkt über den Kraterrand und den Grat zum Volcán El Duraznero, statt außen herum durch die Asche zu laufen. Eine gute Entscheidung. Vor uns liegt ein Krater, dahinter eine erstarrte Lavafläche, die wie ein gefrorener Lavasee wirkt. Der Blick zurück über die dunklen Vulkankegel ist eindrucksvoll.

Wir passieren den Krater des Hoyo Negro und tauchen schließlich wieder in den Wald ein. Von hier an geht es größtenteils bergab, und wir kommen schnell voran. Bald erreichen wir das Refugio El Pilar, einen beliebten Spot mit Zeltmöglichkeiten. Wir füllen nur unsere Wasserreserven auf und ziehen weiter.

Noch 6,7 Kilometer liegen vor uns. Der Weg führt abwechselnd über eine Schotterstraße und schmale Pfade durch dichten Wald, stellenweise durch Laurisilva. Es geht immer wieder leicht auf und ab, insgesamt jedoch mit einem sanften Aufwärtstrend.

Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir eine kleine Steinhütte. Genau der richtige Ort für die Nacht. Im warmen Licht des Sonnenuntergangs essen wir unsere kalt eingeweichten Nudeln.

Für die Nacht stelle ich das Innenzelt direkt in der Hütte auf den Steinboden. Spinnen sind ein klarer Dealbreaker – eine pragmatische Lösung gegen meine Spinnenangst. Ryan rollt seine Sachen einfach daneben aus. Ihn stören Krabbeltiere nicht.

GR 131 Tag 26 – Über den Wolkenrand der Caldera

Reventon Pass bis Risco de Las Pareditas: 28 km / 2.050 hm / 8,5 h

Ein kurzer Moment der Ruhe, bevor der lange Aufstieg beginnt. Zuerst erreichen wir den Pico Ovejas hoch über den Wolken, dann das Refugio Punta de los Roques auf 2.050 m. Die Aussicht ist weit, die Luft klar. Wir nutzen die Gelegenheit für ein zweites Frühstück, füllen Wasser auf und werfen einen Blick ins Logbuch.

Höhenmeter sammeln sich, ohne dass es sich spektakulär anfühlt – einfach konstant, Schritt für Schritt. Immer wieder bleiben wir stehen. Nicht, weil es technisch schwierig wäre, sondern weil die Aussicht Aufmerksamkeit verlangt.

Ein kleiner Abstecher führt uns zu den Petroglyphen Tagoror Pico La Sabina. Hinter einem stabilen Zaun liegen die in Stein geritzten Spiralen der Auaritas, der ursprünglichen Bewohner der Insel. Unspektakulär auf den ersten Blick, aber es ist klar, dass dies ein Ort ist, der lange vor uns Bedeutung hatte.

Der Weg zieht sich über mehrere Gipfel, immer am Kamm entlang. Wolken ziehen durch die Landschaft, kommen und gehen, geben den Blick frei und verschlucken ihn im nächsten Moment wieder. Wir bewegen uns entlang des oberen Randes der Caldera de Taburiente. Sie wirkt wie ein riesiger, aufgerissener Kessel – entstanden durch einen gewaltigen Bergrutsch, nicht durch einen klassischen Vulkankrater. Steile, gestufte Felswände fallen in die Tiefe, bröselige Hänge ziehen sich nach unten. Es gibt keinen direkten Weg hinein. Der GR 131 bleibt konsequent oben – ein Weg entlang der Kante, mit Blick in eine Landschaft, die man nicht betreten kann.

Ein kleiner Abstecher führt uns zum Pico de la Nieve, wo ein Rabe es sich auf dem Gipfelkreuz gemütlich gemacht hat. Die Aussicht jedoch liegt komplett in den Wolken. Kurz darauf erreichen wir den Pico de la Cruz, wo sich uns ein Blick auf den Teide eröffnet.

Je höher wir kommen, desto rauer wird es. Am Roque de los Muchachos, mit 2.426 m der höchste Punkt der Insel, schlägt uns ein kalter, starker Wind entgegen. Wir erreichen den Aussichtspunkt gegen 16:30 Uhr – spät genug, dass die meisten Tagesbesucher bereits verschwunden sind. Die Szenerie wirkt fast unwirklich: Wolken treiben über die Kante, reißen auf, schließen sich wieder. Für einen Moment gehört dieser Ort nur uns.

Wir filtern Wasser, und innerhalb weniger Minuten ziehen die Wolken dichter auf und hüllen uns komplett ein. Die Temperatur fällt abrupt, die Luft wird feucht. Ich ziehe meine Daunenjacke an, sogar Handschuhe. Der Kontrast ist extrem.

Der Abstieg beginnt hastig. Weg von der Kälte, weg von den Wolken. Und genauso schnell, wie es oben umgeschlagen ist, ändert sich wieder alles: ein paar hundert Höhenmeter tiefer, und wir stehen wieder in der Sonne. Warm, trocken, ruhig. Als wäre nichts gewesen.

Die Suche nach einem Zeltplatz gestaltet sich schwieriger als gedacht. Auch im Wald verläuft der Weg lange über einen Grat, der nur einige wenig windanfällige flache Stellen im Angebot hat. Wir laufen weiter, schauen links und rechts, hoffen auf eine geschützte Stelle. Erst etwa sechs Kilometer nach dem Roque de los Muchachos finden wir einen geeigneten Spot.

Unsere Beine sind schwer. Kein Wunder, denn 28 Kilometer und mehr als 2.000 Höhenmeter liegen hinter uns. Ein langer, fordernder Tag. Das Abendessen fühlt sich verdient an: Spaghetti mit Fleischbällchen und Schokomousse als Nachtisch. Später, im Zelt, hören wir den Regen gegen die Außenwand prasseln. Draußen wird es ungemütlich. Drinnen ist es warm und trocken. Mehr braucht es nicht.

GR 131 Tag 27 – Der letzte Abstieg nach Tazacorte

bis Risco de Las Pareditas bis Puerto de Tazacorte: 10,7 km / 15 hm / 3 h

Nur noch zehn Kilometer. Ein letzter Abstieg bis Puerto de Tazacorte – das Ende des GR 131 auf La Palma.

Der Morgen beginnt kühl. Das Zelt ist noch feucht vom Regen der Nacht, und wir lassen uns Zeit. Die Wolken ziehen langsam ab, geben den Blick auf die umliegenden Berge frei. Ein Regenbogen spannt sich über den Hang. Ich laufe in Daunenjacke und Handschuhen los.

Der Weg führt durch Wald bergab, immer wieder mit Blick auf den Tajogaite, den jüngsten Vulkan der Insel. Sein Ausbruch 2021 hat große Teile der Landschaft verändert. Lava hat sich über Täler geschoben, Häuser verschluckt, Wege zerstört. Auch ein Abschnitt des GR 130 existiert hier nicht mehr.

Beim Abstieg merke ich schnell: Meine Schuhe sind mittlerweile wirklich durch. Kaum Profil, kaum Halt. Ich rutsche über den losen Untergrund, fange mich mehrmals, bis ich schließlich doch stürze und mir das Knie aufschürfe. Spätestens jetzt ist klar: Ich brauche neue.

Am Mirador del Time öffnet sich der Blick Richtung Küste und noch einmal zum Vulkan Tajogaite. Kurz darauf erreichen wir die Straße mit Restaurant und Souvenirshop, lassen beides links liegen und folgen dem Asphalt weiter steil bergab. Die Knie melden sich sofort.

Ein letzter Aussichtspunkt über dem Hafen von Tazacorte. Schwarze Lava, blaues Meer, steile Küste. Wir setzen uns in die Sonne und nutzen die Hitze, um das nasse Zelt zu trocknen. Kaum zu glauben, dass ich heute Morgen noch gefroren habe. Gleichzeitig kämpfen sich andere Wanderer den Weg hinauf – 260 Höhenmeter in der heißen Mittagssonne. Im Aufstieg würde ich mir das gerade nicht antun.

Unten haben wir das Ende des GR 131 auf La Palma erreicht.

Wir suchen uns Schatten in einer ruhigen Gasse und fahren mit dem Bus nach Los Llanos. Zeit für ein spätes Mittagessen und für neue Schuhe. Der Outdoorladen hat noch genau zwanzig Minuten geöffnet, bevor Siesta beginnt. Ich gehe rein, ohne große Erwartungen. Sie haben tatsächlich Salomons – aber nicht das richtige Modell, nicht die richtige Passform. Zu eng im Zehenbereich, keine passende Größe. Die Alternativen: Gore-Tex oder eine andere Marke. Ich entscheide mich für Lowa. Nicht ideal, aber besser, als weiter auf glatten Sohlen herumzurutschen.

Im italienischen Restaurant nebenan verabschiede ich mich von meinen alten Schuhen. Ryan hält eine kleine Rede über all die Kilometer, die sie mich getragen haben: HRP, Alpen, jetzt fast den gesamten GR 131. Dann landen sie im Müll.

Um nach El Hierro zu kommen, müssen wir zurück nach Teneriffa und von dort weiter. Die beste Verbindung gibt es samstags und montags – mit nur drei Stunden Aufenthalt in Los Cristianos. Alles andere bedeutet deutlich längeres Warten oder eine ganze Nacht dort. Fliegen kommt für mich nicht infrage.

Also bleiben wir noch zwei Tage auf La Palma und hängen ein Stück GR 130 dran, einen Rundweg um La Palma, auch Camino natural de La Palma genannt.

GR 130 – Aufbrechen & Zusammenbrechen: Rückkehr nach Fuencaliente

Jedey bis Fuencaliente: 13 km / 540 hm / 3 h

Wir fahren mit dem Bus nach Jedey, vorbei am Tajogaite und seinem gewaltigen Lavafeld. Die Dimension ist schwer zu greifen. Über mehrere Wochen zerstörten Lavaströme ganze Ortschaften und bedeckten große Flächen unter sich. Gleichzeitig entstand neues Land an der Westküste – ein drastisches Beispiel dafür, wie dynamisch diese Insel ist.

Der GR 130 führt zunächst durch Asche und Lavagestein mit auffälligen violetten Farbtupfern der Blumen und immer wieder mit Blick aufs Meer. Eidechsen huschen über den Weg. Später geht es durch Pinienwald bergauf, über eine Straße hinweg und weiter auf einer breiten Forststraße.

Am Abend finden wir einen Platz zum Zelten. Ryan sagt, ihm sei etwas flau im Magen. Ganz entgegen seinem Naturell will er nicht mal etwas essen. Wenn es so weit ist, geht es ihm wirklich schlecht.

Kurze Zeit später sprudelt es aus ihm hervor wie aus dem dämonenbesessenen Mädchen im Horrorfilm Der Exorzist. Ich lasse also lieber die Finger von der restlichen Calzone. Er hängt halb aus dem Zelt, übergibt sich immer wieder, später kommt es auch aus der anderen Seite hervor. Er zittert, friert, ist komplett fertig. Ich gebe ihm Körperwärme, helfe ihm aus dem Zelt. Er tut mir furchtbar leid, aber ich kann nicht viel tun. Es ist nicht das erste Mal. Auf fast jedem Thru-Hike erwischt es ihn. Bisher ist es jedoch immer in Städten passiert – mit Bett, Dusche, Toilette.

Nach Fuencaliente wären es noch vier Kilometer. Unmöglich in seinem Zustand. Also bleiben wir, während die Umgebung unseres Zeltes zum Minenfeld wird. Es ist 20:30 Uhr, als es beginnt, und es dauert bis nach Mitternacht, bis es langsam abklingt und wir schlafen können.

Am Morgen geht es Ryan etwas besser. Vor allem ist er erschöpft und schwach. Wir lassen es langsam angehen und gehen die vier Kilometer zurück nach Fuencaliente – zum Glück größtenteils bergab.

Im Ort setzen wir uns in ein Café und trinken Tee. Heute wird definitiv nicht mehr gewandert, also nehmen wir den Bus nach Santa Cruz. In Santa Cruz haben wir leider nur noch ein Bett in einem Capsule-Hostel bekommen und der Check-in ist erst um 15 Uhr. Es ist gerade mal kurz nach 11 und ein Schild an der leeren Rezeption verkündet, dass es von 10 bis 15 Uhr wegen Reinigung geschlossen sei. Da lässt sich nichts machen.

Wir gehen also an den Strand, wo Ryan sich etwas ausruht. Es ist jedoch recht windig und die Calima schlägt auch schon wieder zu. Alles ist eher suboptimal. 

Ich gehe zum Supermarkt, um ein paar leicht verdauliche Sachen einzukaufen. Nach einer Weile geht es ihm gut genug, um zum Waschsalon zu gehen, um unsere stinkige Kleidung waschen und trocknen zu können.

Dann gehen wir zum Hostel und warten. Ich dusche schon mal. Ryan will nichts anderes als sich hinzulegen und auszuruhen, was ich sehr verstehen kann. Um 15 Uhr ist immer noch niemand da, und wir sind nicht die Einzigen, die warten. Erst als ich gerade die Nummer anrufen will, kommt eine Mitarbeiterin und checkt uns ein.

Ich habe seit gestern genauso wenig gegessen wie Ryan, denn gestern Abend war mir mit der Kulisse auch nicht danach. So langsam meldet sich das mir eher wenig vertraute Hungergefühl dann doch, und wir teilen uns einen Döner, bevor Ryan sich ausruht. Sein Appetit auf solch schwere Sachen wie Döner ist für mich erstaunlich. Nach einer Magengeschichte wie dieser dauert es für mich Tage, bis ich wieder vernünftig essen kann. Ich nehme es als Zeichen, dass es für ihn ausgestanden ist.

Während Ryan schläft, flaniere ich durch die Gassen von Santa Cruz, bis wir zusammen Abend essen und dann früh zu Bett gehen.

Herausforderungen & Höhepunkte des GR 131 auf La Palma

Herausforderungen: Lange Anstiege, Calima und Wetterumschwünge

Höhepunkte: Ruta de los Volcanes von Fuencaliente nach El Pilar und die Gratwanderung zum Roque de los Muchachos.

Lektion: Pläne sind hier nur Vorschläge. Zwischen Calima, Wetterumschwüngen und unvorhersehbaren Situationen funktioniert der Trail nur, wenn man bereit ist, flexibel zu bleiben.

Kurzinfo GR 131 auf La Palma

Dauer: 3 bis 5 Tage
Distanz: 69,5 km
Ausgangspunkt: Faro Fuencaliente, La Palma
Endpunkt: Puerto de Tazacorte, La Palma
Gesamtanstieg: 4.140 hm
Schwierigkeit: einfach – bis T2 (Bergwandern)

Kurzinfo GR 130 auf La Palma (Rundweg um die Insel)

Dauer: 6 bis 9 Tage
Distanz: 150 km
Ausgangs- und Endpunkt: Santa Cruz de La Palma
Gesamtanstieg: 7.650 hm
Schwierigkeit: einfach – T1 (Wandern)

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