GR 131 & GR 132: Vom Sandsturm in den Nebelwald von La Gomera

Ein Sandsturm aus der Sahara legt sich über die Kanaren, als wir nach La Gomera übersetzen. Die Insel verschwindet im Dunst und die Luft ist schwer. Was folgt, ist einer der abwechslungsreichsten Abschnitte des GR 131: von steilen Anstiegen über tiefe grüne Schluchten bis in den mystischen Laurisilva-Wald und schließlich auf den GR 132 an der Küste entlang.

Heute fegt ein Sandsturm über die Kanaren. Calima – trockener Saharastaub, der über den Atlantik getragen wird. Die Luft ist milchig, fast wie Dunst oder Smog. Die feinen Staubpartikel kratzen in meinem Hals, der durch meine Atemwegserkrankung ohnehin noch empfindlich ist.

Die Fähren nach La Gomera fahren nur zweimal am Tag: einmal um neun Uhr morgens und dann wieder am Nachmittag. So bleiben uns dreieinhalb Stunden in Los Cristianos, die wir irgendwie überbrücken müssen. Angesichts der staubigen Luft und des üblichen touristischen Trubels fällt das nicht leicht.

Eigentlich hatte ich vor, die Zeit am Strand zu verbringen, aber der Sand, der uns vom Wind ins Gesicht geweht wird, verleidet jegliche Ambition. Schließlich landen wir im Starbucks. Dort ist es vergleichsweise ruhig und wir entkommen zumindest ein wenig dem Staub.
Dieser Teil der Stadt nennt sich Playa de las Américas, auch wenn uns dort überwiegend Briten begegnen. Das Konzept ist jedenfalls klar: Hard Rock Café, Malibu Steak Houses, Vegas Grill, ein Springbrunnen und ein Strip, der an Las Vegas erinnern soll.

Wir gehen schließlich in ein italienisches Restaurant, das überraschend gut ist. Während ich meine geliebten Spaghetti Amatriciana esse, hat Ryan eine riesige Calzone vor sich. Den Rest packen wir in einen Zip-Lock-Beutel – perfektes Abendessen für später.

Schließlich betreten wir die Fähre. Das Schiff fährt hinaus in den staubigen Dunst. Von La Gomera ist nichts zu sehen. Die Insel ist komplett im Calima verschwunden, aber wir sind ziemlich sicher, dass sie da ist. Fünfzig Minuten später bestätigt sich das.

GR 131 Tag 19 – Calima

San Sebastián de La Gomera bis km 4: 4,2 km / 475 hm / 1,25 h

Kaum legen wir in San Sebastián de La Gomera an, gehen wir sofort los, denn uns bleibt nicht mehr viel Tageslicht.

Der Kontrast zu Los Cristianos ist sofort spürbar. Ruhe. Das einzige Geräusch ist Vogelgezwitscher. Die Straßen sind leer. Keine Musik, keine Bars, kein Verkehr. Herrlich. Wir fühlen uns sofort wohler. Wir haben es im Gefühl: La Gomera wird gut.

Schon nach kurzer Zeit lassen wir die Stadt hinter uns. Ein steiniger Weg führt in engen Serpentinen den Hang hinauf. Der GR 131 steigt hier fast zweitausend Höhenmeter bis ins Inselinnere – ein langer Aufstieg, den wir heute natürlich nicht mehr komplett bewältigen werden.

Wir lassen San Sebastián im Staub zurück, können von oben kaum die Häuser und den Hafen ausmachen. Auch Teneriffa und der Teide sind komplett im Dunst verschwunden. Die Landschaft verliert an Konturen. Alles wird zu Ebenen aus Licht und Staub.

Die rostroten Kilometermarker, die wir zuletzt auf Lanzarote gesehen haben, tauchen hier wieder auf und zählen aufwärts.

Es ist ein einfacher Aufstieg, der schnell vorangeht, doch die staubige Luft liegt wie eine schwere Decke auf uns. Der Schweiß tropft uns aus dem Gesicht, während der Saharastaub meine Atemwege reizt. Daher konzentriere ich mich darauf, ausreichend zu trinken.

Nach 475 Höhenmetern finden wir schließlich einen Platz für die Nacht. Eigentlich würde ich gerne cowboycampen, doch wegen des Staubs entscheiden wir uns, das Zelt aufzubauen. So bleibt zumindest ein Teil der feinen Partikel draußen und mein Hals wird etwas geschont. Über uns zeigt sich bereits ein Stück blauer Himmel. Vielleicht legt sich der Calima bald wieder, auch der Aussicht wegen.

Zum Abendessen gibt es die restliche Calzone und eine Orange, und wir beenden das sechste Buch auf diesem Thru-Hike. 2026 entwickelt sich zu einem guten Lesejahr. Zwölf Bücher habe ich bereits geschafft, und es ist erst Mitte Februar.

GR 131 Tag 20 – Calima, Höhenmeter und grüne Barrancos

km 4 bis kurz vor Las Hayas: 25,6 km / 1.650 hm / 6,5 h

Ryan entscheidet sich in der Nacht fürs Cowboycamp und wacht am Morgen mit den entsprechenden Mückenstichen auf. Der ewige Optimist ist offenbar davon ausgegangen, dass die Mücken irgendwann schlafen gehen würden. Tun sie nicht.

Wir starten gegen acht Uhr, wie mittlerweile fast jeden Tag. Die Luft sieht aus wie in Los Angeles im Hochsommer – milchig, schwer, unangenehm. Nur dass es hier kein Smog ist, sondern Staub aus der Sahara. Calima liegt weiterhin über La Gomera. Wir husten, niesen, schnäuzen. Meine Erkältung hält sich hartnäckig, und der Staub macht es nicht besser. Das Licht wirkt wie gefiltert, als hätte jemand einen Schleier über die Sonne gelegt.

Heute stehen über 1.600 Höhenmeter an, davon der erste Teil fast ausschließlich bergauf. Die Landschaft ist trocken, staubig, aber gleichzeitig überraschend vielfältig. Zwischen Felsen wachsen Kakteen, überall blühen kleine, farbige Blumen.

Wir erreichen eine kleine Kirche mit Picknicktischen und einem Wasserhahn. Ein Schild weist darauf hin, dass das Wasser kein Trinkwasser ist. Wir filtern es und trinken es trotzdem. Dehydration ist heute keine Option.

Der weitere Weg entwickelt sich zu einem ständigen Auf und Ab. Wir steigen, verlieren wieder Höhe, steigen erneut. Die Höhenmeter summieren sich, ohne dass wir gefühlt wirklich vorankommen. Klassische PUDs – pointless ups and downs. Immerhin entschädigt die Landschaft. Immer wieder tauchen steile Felsflanken auf, und die Vegetation wird immer grüner.

Am Garajonay, dem höchsten Gipfel von La Gomera, öffnet sich der Blick. Trotz des Staubs erkennen wir in der Ferne den Teide und sogar die Berge La Palmas, die über dem Staub aufragen. Ryan ist bereits hangry und während er Sandwiches zubereitet, stopfe ich ihm Traubenzuckerbonbons als Erstversorgung in den Mund.

Dann beginnt der Abstieg mit einer langen, heißen Traverse entlang eines steilen Berghangs. Kein Wind, keine Abkühlung. Die Sonne steht hoch und brennt gnadenlos. Wir fühlen uns wie gebraten: Ryan wie Bacon, ich eher wie ein Spiegelei.

Wir finden einen schmalen Schattenstreifen am Straßenrand und setzen uns, trinken, lassen den Schweiß trocknen und versuchen, wieder etwas Energie zu sammeln. Dort treffen wir Kristina aus Tschechien. Sie ist ebenfalls auf dem GR 131 unterwegs – auf Teneriffa und La Gomera. Wir unterhalten uns eine Weile. Sie erzählt, dass sie eigentlich dieses Jahr ein Permit für den PCT hatte, sich dann aber wegen eines neuen Jobs dagegen entschieden hat. Wir ermutigen sie, das irgendwann nachzuholen.

Am Nachmittag erreichen wir Chipude, wo wir eigentlich auf ein warmes Abendessen gehofft hatten. Doch das einzige geöffnete Restaurant hat seine Küche gerade geschlossen. Also bleibt uns nur der kleine Supermarkt. Wir kaufen unsere inzwischen obligatorischen Clipper – warm für mich, kalt für Ryan – und eine große Tüte Munchito-Chips. Wir setzen uns auf eine Bank und stopfen uns den gesamten Inhalt der Chipstüte in den Mund, während wir uns mit Kristina unterhalten.

Kurz darauf finden wir Wasser bei einer Kirche und füllen unsere Flaschen auf. Dann geht es weiter. Der Trail führt nun durch tiefe, grüne Barrancos. Steile Abstiege wechseln sich mit ebenso steilen Gegenanstiegen ab. Die Sonne steht inzwischen tief. Das warme Licht wird weich, und legt sich über die Landschaft der urzeitlich wirkenden Täler. Als könnten jederzeit Dinosaurier zwischen den Hängen auftauchen.

An einer Stelle ist eine Steinmauer eingestürzt und hat Teile von zwei Häusern mitgerissen. Wir klettern über die Trümmer und setzen unseren Weg fort. Kurz darauf huscht eine schwarze, scheue Katze davon.

Wir erreichen die Gegend oberhalb von Las Hayas und finden einen Platz für unser Zelt auf einer kleinen Kante mit Blick ins Tal. Die Luft ist immer noch staubig, doch der Sonnenuntergang wird dadurch noch intensiver. Die Täler fallen tief unter uns ab, gefüllt mit Licht und feinem Dunst. Die Sonne hängt darüber wie eine matte, rote Scheibe. Alles wirkt stillgestellt, als würde die Landschaft kurz den Atem anhalten.

Ein letzter Blick über die Hügel, dann kriechen wir in unsere Schlafsäcke. Morgen wartet der nächste Abschnitt. Und vielleicht endlich klare Luft.

GR 131 Tag 21 – Vom Laurisilva-Wald zur Küste

Las Hayas bis Playa de Vallehermoso (GR 131): 16 km / 330 hm / 4,5 h 

Der Staub hat sich endlich gelegt, die Luft ist klar, und zum ersten Mal seit Tagen haben wir wieder freie Sicht. Der Teide zeichnet sich deutlich am Horizont ab, und auch La Palma ist gut zu erkennen.

Im Ort begegnet mir eine junge Ziege, die mich neugierig anschaut, bevor sie mit einem niedlichen Satz davonspringt. Am nächsten Rastplatz treffen wir Kristina wieder und geben ihr ein Dobrè ráno zur Begrüßung. Es gibt sogar Wasser. Die Verfügbarkeit auf dem GR 131 ist nie ganz sicher. Manchmal funktionieren die Wasserhähne an Rastplätzen und öffentlichen Toiletten, manchmal nicht. Bisher sind wir aber immer gut zurechtgekommen, indem wir im Zweifel genug Wasser tragen. Sechs Liter für uns beide sind dabei ein guter Puffer, bis wir sicher wieder an Wasser kommen – meist in Orten, in Supermärkten oder in den Toiletten von Restaurants. Viele Rastplätze auf La Gomera haben sogar Steckdosen. Ein unerwarteter Luxus.

Der GR 131 führt uns durch einen dichten, grünen Laurisilva-Wald. Moos hängt von den knorrigen Ästen, Farne wachsen zwischen den Bäumen, und überall blühen Pflanzen. Mit jedem Schritt wird es stiller, dunkler, dichter. Die Bäume wachsen nicht gerade, sondern drehen sich, greifen ineinander, als hätten sie ihre eigene Logik.

Dieser Wald ist etwas Besonderes, ein sogenannter Nebelwald: Die Bäume fangen Feuchtigkeit direkt aus den Wolken auf, die hier regelmäßig durchziehen. Wasser sammelt sich an Blättern und Ästen und tropft von dort auf den Boden – ein eigenes kleines Ökosystem, das fast unabhängig vom Regen funktioniert. Solche Wälder bedeckten einst große Teile der subtropischen Erde, sind heute aber fast verschwunden. Auf La Gomera sind sie im Nationalpark Garajonay besonders gut erhalten.

Ein kleiner blauer Kanarienfink mit gelbem Bauch beginnt, uns zu umkreisen. Er kommt erstaunlich nah heran, bleibt immer wieder sitzen, als würde er posieren. Ryan ist überzeugt, dass es sich um eine Reinkarnation seines Onkels handeln müsse. Ich halte es für wahrscheinlicher, dass der Vogel einfach an Menschen gewöhnt ist und vielleicht sogar gelegentlich gefüttert wird.

Dann öffnet sich plötzlich der Blick. Unter uns liegt ein weites Tal, aus dem schroffe Felsformationen in den Himmel ragen. Wolken ziehen langsam um die Gipfel, hängen in den Flanken, lösen sich wieder auf. Die Szene wirkt mystisch und ich kann mir gut vorstellen, wie Drachen durch diese Wolken ziehen. Einer der schönsten Ausblicke des gesamten GR 131.

Es folgt ein langer, steiler Abstieg. Es ist bereits heiß, und wir sind froh, nicht bergauf zu müssen. Bis uns ein älterer Mann begegnet, der mit einem Wanderstock, der selbst Gandalf beeindruckt hätte, mühelos den Berg hinaufmarschiert. Er grüßt freundlich mit einem Buenos días und ist dabei nicht einmal außer Atem. Wir sind beeindruckt.

Immer wieder öffnen sich Blicke ins Tal, während sich die Landschaft langsam verändert. Der feuchte, grüne Wald geht nach und nach in trockenere, offenere Hänge über. Der Untergrund wird rutschig, staubiger Schotter. Das Profil meiner Schuhe ist inzwischen ziemlich abgenutzt, und an einer Stelle rutsche ich weg und lande unsanft auf dem Hintern. Nichts passiert, aber ich brauche einen Moment zum Durchatmen.

In Rosa de las Piedras erreichen wir einen kleinen, von Palmen umgebenen Stausee. Solche Seen haben wir auf dem GR 131 bisher kaum gesehen, und nach all den wasserlosen Landschaften wirkt das ungewohnt hübsch. An einem schattigen Rastplatz am Ufer legen wir eine Pause ein, essen etwas und laden Geräte. Ein Lieferwagen fährt vorbei, aus dessen Lautsprechern eine verzerrte Ansage dringt. Ich kann kein Wort verstehen.

Ein kurzer, aber steiler Anstieg folgt. In der Hitze kostet er mehr Kraft, als uns lieb ist, und wir beginnen kurz, unsere Lebensentscheidungen zu hinterfragen. Oben angekommen ist klar: Es hat sich gelohnt. Der Blick zurück auf den See und nach vorn ins Tal von Vallehermoso, in dem sich bunte Häuser an die Hänge schmiegen, ist beeindruckend. Die typischen steilen Felsformationen ragen um uns herum auf.

Wir gehen in den Supermarkt – Spar hat hier übrigens das beste Brot – und kaufen unsere üblichen Vorräte, inklusive Clipper. Danach setzen wir uns in ein Restaurant und bestellen Papas Locas (sowas wie Loaded Fries) und einen Burger.

Die letzten Kilometer des GR 131 führen hinunter zur Küste. Zunächst durch ein überraschend matschiges Flussbett, dann über einen schmalen Terrassenweg. Ein kleiner Hund schließt sich uns kurz an und begleitet uns ein Stück.

Schließlich erreichen wir den Strand von Vallehermoso. Ein schwarzer, steiniger Strand, auf dem die Wellen hart aufschlagen. Baden ist hier nicht wirklich möglich, und auch die Duschen führen kein Wasser. Wir bleiben also staubig und verschwitzt, was wahrscheinlich eh keine große Rolle spielt, da ein weiterer großer Anstieg vor uns liegt.

Unter einem Sonnenschirm aus Stroh sitzen wir eine Weile und schauen aufs Meer. Hier endet der GR 131 auf La Gomera, doch für uns ist die Insel noch nicht zu Ende.

GR 132 – Bonus-Küstenwanderung

Playa de Vallehermoso bis La Hormiga (GR 132): 6,6 km / 940 hm / 1,5 h

Wir haben uns überlegt, dass zwei Tage zu wenig für La Gomera sind. Also haben wir uns entschieden, nicht den Bus zurück nach San Sebastián zu nehmen, sondern einen Abschnitt des Küstenwegs GR 132 zu gehen, um so einen Rundweg zurück zum Ausgangspunkt zu kreieren.

Der GR 132 verläuft in acht Etappen und insgesamt 128 km um die ganze Insel. Falls ihr auf der Suche nach einem anstrengenden, aber wunderschönen Insel-Thru-Hike seid, seid ihr hier genau richtig.

Der Aufstieg vom Meer ist steil, aber eine leichte Brise sorgt für etwas Abkühlung. Dazu verläuft der erste Teil des Anstiegs im Schatten des Berges. Mit jedem Höhenmeter wird der Blick über den Ozean weiter und beeindruckender. Ab dem Strand begegnen wir heute niemandem mehr.

Dann folgen wir heißen Straßenstücken und steilen, überwachsenen Pfaden bergauf. Der Schweiß läuft, wir machen viele kurze Pausen, wo immer wir einen Schattenfleck finden, und trinken immer wieder einen Schluck Clipper, um uns den Berg hinaufzukatapultieren.

Die Wanderung auf La Gomera ist sehr anstrengend, aber auch sehr lohnenswert. Bisher ist La Gomera meine Lieblingsinsel auf dem GR 131. Sie fühlt sich anders an als die Inseln zuvor. Ursprünglicher, ruhiger, intensiver. Und ich freue mich darüber, noch mehr Zeit hier verbringen zu können.

Die Kilometermarkierungen zählen nun rückwärts von 42, da der GR 132 üblicherweise in die andere Richtung gelaufen wird. Wir erreichen einen Kamm, steigen ein wenig ab – nur um kurz darauf erneut anzusteigen. Ein weiterer kleiner Stausee taucht auf, der aktuell jedoch mehr einem braunen Tümpel ähnelt. Wir kommen zurück in den vertrauten Lorbeerwald, gemischt mit trockenen Pinien, wo wir einen Platz für unser Zelt finden.

Die Wolken haben uns inzwischen eingeholt, sodass es heute keinen Blick und keinen Sonnenuntergang gibt. Als es dunkel wird, werden die Vögel plötzlich sehr aktiv. Vermutlich um zu verkünden, welch hervorragende Fortpflanzungspartner sie abgeben würden.

GR 132 Tag 22 – Durch Nebel und Barrancos

La Hormiga bis Montaña Ismael: 23,5 km / 1.155 hm / 5,75 h

Die Nacht ist klar und voller Sterne, doch am Morgen wachen wir mitten in den Wolken auf. Wir starten noch vor Sonnenaufgang, eigentlich um der Hitze zu entgehen, doch das erweist sich heute als unnötig. Der Nebel hängt dicht zwischen den Bäumen. Ich verwende das rote Licht meiner Stirnlampe, denn das normale Licht reflektiert an den feinen Wassertröpfchen in der Luft und macht den Weg eher schwerer erkennbar.

Der Vormittag bleibt grau und wolkenverhangen. Keine idealen Bedingungen für Fotos, aber dafür deutlich angenehmer zum Wandern, denn vor uns liegt wieder ein längerer Anstieg. Zunächst geht es jedoch erst mal bergab. Der Weg führt durch den Wald und anschließend über die Straße durch eine kleine Siedlung. Kurz darauf treffen wir Kristina wieder, denn auch sie hat sich entschieden, dem GR 132 zu folgen. Sie plant jedoch, von hier aus eine etwas andere Route zu nehmen. Wir verabschieden uns hier, denn vielleicht werden wir uns nicht mehr sehen.

Ein kurzer Abstecher vom GR 132 führt uns zur Cañada Grande: viel rote Erde, nur vereinzelte Büsche und ein freier Blick hinunter nach Agulo, das direkt unter uns an der Küste liegt. Der Sonnenaufgang bleibt hinter den Wolken verborgen, taucht die Landschaft nicht wie erhofft in warmes Licht, aber der Himmel hat trotzdem etwas Dramatisches mit dem diffusen Glühen der Sonne.

Es folgt ein extrem steiler Abstieg entlang einer Felswand hinunter nach Agulo. Von oben betrachtet wirkt es fast unmöglich, dass hier überhaupt ein Wanderweg verläuft. Und doch schlängelt sich der Trail in engen Serpentinen nach unten.

In Agulo erledigen wir schnell einen Resupply im kleinen Supermarkt: Brot, Kekse, ein Apfel, zwei Mandarinen und natürlich Clipper. Anschließend gehen wir an der Straße entlang nach Hermigua, die uns am Strand von Santa Catalina entlangführt. Unterwegs fährt ein blaues Auto langsam an uns vorbei, neben ihm läuft ein Golden Retriever fröhlich mit. Offenbar eine bequeme Art, den Hund spazierenzuführen. Ein Bild, das ich bisher nur aus den USA kenne.

Am Ende der Bucht machen wir eine Pause an einem Rastplatz. Der Wasserhahn hier funktioniert zwar zunächst nicht, wir finden aber einen anderen, um unsere Wasserkapazitäten voll aufzufüllen. Denn bis San Sebastián liegen etwa 26 Kilometer ohne sichere Wasserquelle vor uns. Wir essen Sandwiches mit Salami und Mandarinen. Treibstoff für das, was jetzt kommt.

Wir schauen uns an. Sind wir bereit für den Anstieg? Nein. Wir gehen trotzdem, so wie wir es immer tun.

Der erste Abschnitt ist steil. Ein zotteliger Hund taucht vor uns auf, läuft ein Stück voraus und bellt immer wieder zurück, als wollte er sagen: „Kommt schon, nicht so langsam!“ Die Wolken halten sich noch, was zumindest die Hitze erträglicher macht. Mit jedem Höhenmeter öffnen sich die Blicke zurück zur Küste.

Wir erreichen ein paar verlassene Gebäude und entscheiden uns für eine Abkürzung: ein direkter Pfad statt der sanft ansteigenden Forststraße. Dieser ist jedoch überwuchert und etwas verursacht einen juckenden Ausschlag an meinem Arm. Doch der direkte Weg spart Zeit, und der Juckreiz verschwindet bald wieder.

Zurück auf der Forststraße ist der Anstieg sanft und gleichmäßig und bringt uns entspannt bis zum höchsten Punkt. Oben legen wir eine weitere Pause ein, essen noch ein Sandwich und genießen die Aussicht über die Küste, die wir gerade unter uns zurückgelassen haben.

Danach wird das Wandern fast meditativ. Die relativ ebene Forststraße schlängelt sich durch die Landschaft, die Kilometermarkierungen fliegen an uns vorbei. Links von uns fallen tiefe, grüne, palmengesäumte Täler ab. Die Sonne kommt inzwischen durch, stört uns jetzt aber kaum. Wir kommen in einen ruhigen, gleichmäßigen Flow.

Ein kurzer Anstieg führt uns schließlich hinauf auf einen Grat, von dem aus wir bereits San Sebastián in der Ferne erkennen können. Wir beschließen, hier zu bleiben. Mit nur noch acht Kilometern bis in die Stadt und der einzigen direkten Fähre nach La Palma am Abend können wir uns Zeit lassen und die letzte Nacht auf La Gomera genießen. Wir werfen unsere Isomatten in den Dreck und essen cold-soaked Linsensalat, dazu ein weiteres Sandwich und einen Apfel als Nachtisch, während wir der untergehenden Sonne zusehen. Die blasse Sichel des zunehmenden Mondes hängt am Himmel.

Dann taucht Kristina auf – erschöpft, aber glücklich. Es war ihr längster Wandertag bisher und sie war sich nicht sicher, ob sie es schaffen würde. Gestern Abend habe ich ihr geraten, einfach früh loszugehen und es zu versuchen. Der Trick ist nicht, schneller zu gehen, sondern mehr Zeit zu haben, die geplante Strecke zu schaffen. Sie hat den Rat angenommen und es geschafft. Wir geben ihr High Fives und feiern sie.

Und dann fragt sie, ob wir Tee möchten. Was für ein wohliges Gefühl ein unerwartetes Heißgetränk auslösen kann. Ich bin ihr unendlich dankbar. Wir haben auf dem GR 131 keine Kochausrüstung dabei, sondern essen nur Sandwiches oder kalt eingeweichtes. Es gibt so viele Restaurants auf dem Weg und es ist grundsätzlich warm, daher haben wir darauf verzichtet. So ist diese freundliche Geste etwas ein ganz besonderes Geschenk.

GR 132 Tag 23 – Zurück nach San Sebastián und weiter nach La Palma

Montaña Ismael bis San Sebastián: 9,5 km / 180 hm / 2,25 h

Unser Zeltplatz war nicht ideal. Als wir uns hier niederließen, war es windstill, aber wie so oft wurde es in der Nacht sehr windig. Irgendwann reicht es Ryan, und er verzieht sich nach draußen. Trotz des starken Windes ist die Kondensation jedoch extrem. Nicht nur ein bisschen feucht, sondern richtig nass. Am Morgen ist sein Quilt durchnässt, Teile seiner Kleidung ebenfalls.

Am Morgen lassen wir uns Zeit. Kristina bietet mir noch einmal Tee an, und ich sage natürlich nicht nein. Es gibt kaum etwas Tröstlicheres als ein heißes Getränk in einer kalten Welt. Wir packen unsere nassen Sachen zusammen, bedanken uns bei ihr und machen uns auf den Weg.

Es sind nur noch neun Kilometer bis in die Stadt. Zunächst ist es kalt im Schatten des Berges, doch als wir um eine Kurve kommen, trifft uns die Sonne und wir rufen „Fotosynthese!“, während die Wärme langsam in unsere kalten Körper zurückkehrt.

Kurz darauf begegnen wir einer Ziegenfamilie. Mutter und ein Jungtier flüchten den Hang hinauf, während das zweite zögert. Für einen Moment steht es unschlüssig da, dann merkt es, dass es allein zurückgelassen wurde, und beginnt lautstark zu protestieren, bevor es hinterherläuft. Das wird wohl eines Tages zum Inhalt von Gesprächen mit seinem Ziegen-Therapeuten werden.

Der weitere Anstieg ist windig. So windig, dass wir unsere Caps in der Hand tragen müssen, damit sie nicht davongeweht und zu möglichem Ziegenfrühstück werden. Oben angekommen eröffnet sich der Blick auf Teide, der über einem Meer aus weißen Wolken aufragt, als würde er in der Luft schweben. Es wirkt unwirklich, wie ein in der Luft schwebender Berg, der nicht zur Erde gehört.

Der GR 132 folgt dem schmalen Grat wie eine Achterbahn und ich lasse Ryan die Kilometermarkierungen auf Deutsch vorlesen – neun, acht, sieben, sechs. Der Countdown läuft.

Mit jedem Schritt Richtung Stadt werden wir uns darüber bewusster, wie wir riechen müssen. Und dass es dort unten keinen Waschsalon geben wird. Dann muss ein Bad im Meer eben reichen.

Der Abstieg erinnert mich an das Ende auf Gran Canaria – wie ein botanischer Garten aus Kakteen, Blumen und Palmen. Wir passieren drei große Windräder, und dann haben wir wieder Asphalt unter den Füßen. Zivilisation.

Auf der Suche nach neuen Schuhen, idealerweise Salomons, schauen wir kurz in einem Outdoorladen vorbei. Die einzigen Trailrunner, die der Laden im Angebot hat, sind jedoch Hokas.

Die Suche nach einer Toilette endet in einer Schlange, dann ein kurzer Besuch im Supermarkt. Das alles wird mir schnell zu viel – zu laut, zu eng. Das Meer ist genau das, was wir brauchen, also gehen wir schnurstracks zum Strand. Wir setzen uns ans Wasser, lassen den Tag kurz stillstehen, trinken unsere Clipper. Wenig später kommt auch Kristina dazu.

Zur Feier des Tages gehen wir gemeinsam essen. Burger, Papas Locas und frischer Mango-Saft. Wir lernen, wie man auf Tschechisch „Prost“ sagt, machen ein letztes Foto zusammen und verabschieden uns. Für sie geht es zurück – mit neuer Arbeit in Prag, die schon auf sie wartet.

Im Park trocknen wir anschließend unsere Ausrüstung. Dort treffen wir noch einen weiteren Wanderer aus Tschechien und unterhalten uns mit ihm. Winziger Rucksack, perfekt abgestimmte minimale Ausrüstung. Einer von denen, bei denen man sofort sieht, dass sie Erfahrung haben. Er hat gerade seine Wanderung auf La Gomera abgeschlossen.

Zum Abendessen gehen wir in ein weiteres Restaurant, in dem der Besitzer in einen lautstarken Streit mit einem Mitarbeiter gerät. Keine Ahnung, worum es geht, aber es ist intensiv und dauert eine Weile. Wir fühlen uns etwas unwohl, das Essen ist auch nicht sehr gut, und wir sind froh, als es Zeit ist, zur Fähre zu gehen.

Die Fähre ist ziemlich leer am Abend, aber die Überfahrt rau. Ich lege mich auf den Boden, den Kopf auf meinem aufblasbaren Kissen, und versuche einfach nur, etwas zu ruhen. Es ist längst nach Hiker Midnight, als wir um 22:20 Uhr in Santa Cruz de La Palma ankommen. Und dort herrscht das komplette Gegenteil von Ruhe. Es findet ein großes Fest in der Innenstadt statt: Musik, Fahrgeschäfte, Menschenmengen. Ich bin hundemüde. Alles, was ich will, ist schlafen. Und das Wissen, dass unsere Unterkunft mitten in der Innenstadt ist, macht mir nicht gerade Hoffnung auf erholsamen Schlaf.

Zum Glück liegt unser Zimmer zur Rückseite hinaus und die Geräusche dringen nur gedämpft herein. Ich bin sogar zu müde, um zu duschen. Das muss bis morgen warten. Ich falle einfach ins Bett.

Herausforderungen & Höhepunkte des GR 131 auf La Gomera

Herausforderungen: Viele Höhenmeter und die Belastung durch Calima und Hitze.

Höhepunkte: Der mystische Laurisilva-Wald, die dramatischen grünen Barrancos und die außergewöhnliche Ruhe der Insel.

Lektion: Wähle deinen Zeltplatz weise, denn es ist immer mit nächtlichem Wind zu rechnen.

Kurzinfo GR 131 auf La Gomera

Dauer: 2 bis 3 Tage
Distanz: 45,5 km
Ausgangspunkt: San Sebastián, La Gomera
Endpunkt: Playa de Vallehermoso, La Gomera
Gesamtanstieg: 2.380 hm
Schwierigkeit: einfach – bis T2 (Bergwandern)

Kurzinfo GR 132 auf La Gomera (Küstenrundweg)

Dauer: 5 bis 7 Tage
Distanz: 120 km
Ausgangs- und Endpunkt: San Sebastián, La Gomera
Gesamtanstieg: 7.400 hm
Schwierigkeit: einfach – bis T2 (Bergwandern), einzelne Stellen T3 (anspruchsvolles Bergwandern) zwischen Alojera und Vallehermoso sowie zwischen Benchijigua und Playa Santiago

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