Mit der Querung des Fannaråkbreen führt uns der Massiv Trail mitten hinein nach Jotunheimen. Zwischen Gletschern, Bergseen und kargen Hochflächen wandern wir durch eine der spektakulärsten Berglandschaften Norwegens. Doch das Wetter macht es uns nicht leicht: Regen verwandelt die Wege in Schlamm und Sumpf, während nasse Felsen jeden Schritt zur Rutschpartie machen. Immerhin zeigen sich zwischen den Wolken zunehmend auch Sonne – und die ersten Rentiere.
Massiv Trail Tag 3: Über den Fannaråkbreen Gletscher
Sognefjellshytta bis Skogadalsbøen
18,8 km / 750 hm / 7 h
Viel Zeit bleibt uns in der warmen Sognefjellshytta nicht. Bis zum Treffpunkt für die Gletscherquerung sind es noch sechs Kilometer und um 12:30 Uhr müssen wir dort sein. Immerhin kommen wir heute deutlich schneller voran als an den vergangenen Tagen. Noch immer führt der Weg an zahlreichen Bergseen vorbei, doch der Trail ist erstaunlich gut begehbar. Keine endlosen Blockfelder bremsen uns aus und so schaffen wir die sechs Kilometer rechtzeitig, zusammen mit Lizette und Iris.
Kurz bevor wir den Fannaråkbreen erreichen, beginnt es zu regnen. Wir ziehen unsere Regenkleidung an und laufen weiter, bis schließlich eine große blaue Tonne zwischen den Felsen auftaucht. Darin lagert die Ausrüstung für die Gletscherquerung und hier befindet sich auch unser Treffpunkt. In der Ferne erkennen wir eine kleine Gruppe, die gerade vom Gletscher herunterkommt. Wir haben es geschafft. Jetzt müssen wir nur noch warten.
Leider ist Warten bei diesen Temperaturen keine besonders angenehme Beschäftigung. Wir essen einen Snack und versuchen, nicht zu sehr auszukühlen, bis uns die Guides schließlich zu sich winken. Wir bekommen Klettergurte und Steigeisen und legen die Ausrüstung an. Immerhin hat der Regen inzwischen wieder aufgehört, nur der Gipfel des Fannaråki steckt weiterhin tief in den Wolken. Ryan stellt währenddessen fest, dass seine Handschuhe verschwunden sind. Er läuft ein Stück zurück und sucht den Weg ab, bis sie schließlich wieder auftauchen – in seiner Frogg-Toggs-Regenhose.
Zwei weitere Wanderer treffen etwas verspätet ein, dann ist unsere Gruppe komplett. Wir werden ins Seil eingebunden und machen uns langsam auf den Weg über den Fannaråkbreen. Vorn führt uns einer der Guides über den Gletscher, am anderen Ende sichert seine Kollegin die Gruppe. Dazwischen gehen wir sechs Wanderer. Die Herausforderung besteht vor allem darin, im gleichen Tempo aufzusteigen, damit das Seil weder zu straff noch zu locker ist. Für Ryan ist es das erste Mal auf einem Gletscher. Nach wenigen Minuten verkündet er, dass er sich jetzt bereit für den Mount Everest fühlt.
Das Eis schimmert hellblau unter unseren Füßen und ist von kleinen Rinnen überzogen, in denen Schmelzwasser über den Gletscher läuft. Immer wieder steigen wir darüber hinweg. An anderen Stellen ist die Oberfläche uneben und aufgeraut, durchsetzt von feinem dunklen Gesteinsstaub. In der Ferne ziehen sich große bogenförmige Strukturen über das Eis, die durch die Bewegung und Verformung des Gletschers entstanden sind und durch Schmutz und Gesteinsmaterial besonders deutlich hervortreten.
Über uns verschwindet der schwarze Fels des Fannaråki in den Wolken. Hinter uns fällt der Blick über den Gletscher hinaus auf eine fast vollkommen kahle Landschaft aus grauen Felsen und Seen. Nur weit entfernt schimmern erste grüne Flächen zwischen dem Grau. Je höher wir steigen, desto weiter öffnet sich der Blick – zumindest dort, wo die Wolken ihn freigeben.
Neben Eis und Schnee begegnen uns unterwegs erstaunlich viele tote Lemminge. Offenbar war ihre Reise über den Gletscher weniger erfolgreich. Die Hypothese unseres Guides ist, dass die Tiere sich für die Überwinterung im Schnee eingraben, ohne zu wissen, dass sie sich auf einem Gletscher befinden. Die wahrscheinlichste Erklärung ist jedoch, dass sich die Tiere bei ihren Wanderungen auf den Gletscher verirren und nicht immer wieder herunterfinden. Zwischen Eis und Schnee gibt es weder Nahrung noch Schutz und für einige endet der Ausflug entsprechend schlecht. Das passt auch zur Ökologie des Norwegischen Lemmings. In Jahren mit hoher Populationsdichte wandern die Tiere verstärkt und breiten sich dabei auch in ungeeignete Lebensräume außerhalb ihres normalen Habitats aus.
Nach etwa 45 Minuten erreichen wir das andere Ende des Gletschers und legen die Steigeisen wieder ab. Von hier quert der Weg den Berghang unterhalb des Fannaråki, bis wir schließlich die Abzweigung zur Fannaråkhytta erreichen. Wer zum Gipfel möchte, muss von hier einen Abstecher hinauf und anschließend auf demselben Weg zurück zum Massiv Trail.
Eigentlich wäre der Gipfel durchaus verlockend, ist er mit 2.068 Metern doch der höchste Punkt auf dem Massiv Trail. Auf dem Gipfel findet sich zudem die höchstgelegene Berghütte Norwegens. Doch er steckt weiterhin vollständig im Nebel und für den Abend ist heftiger Regen vorhergesagt, gefolgt von noch mehr Regen am nächsten Tag. Wir entscheiden uns deshalb gegen den zusätzlichen Aufstieg und folgen stattdessen weiter dem Massiv Trail in Richtung Skogadalsbøen.
Aber zunächst gibt es Mittagessen. Wraps mit Salami und Käse. Und nicht mit irgendeiner Salami. Es handelt sich um eine 18-Euro-Salami, und sie ist jeden einzelnen Cent wert. Zusammen mit dem Käse ist sie geradezu eine Offenbarung. Für einen kurzen Moment ist alles richtig in dieser ungastlich-kalten Welt.
Lizette und Iris haben dagegen eine Übernachtung in der Fannaråkhytta gebucht und steigen weiter zum Gipfel auf. Wir verabschieden uns, tauschen Nummern aus und die beiden sind sogar so nett, unsere Klettergurte mit zur Hütte zu nehmen. Für uns geht es hinunter.
Wir steigen steil hinab, queren ein Schneefeld und schon bald öffnet sich vor uns ein wunderschönes Tal. An seinem Ende schiebt sich der Gjertvassbreen zwischen den Bergen hinab, darunter stürzt ein gewaltiger Wasserfall ins Tal. Und tatsächlich schafft es sogar die Sonne für ungefähr fünf Minuten durch die Wolken. Natürlich gibt es auch Schafe.
Wir verlieren immer weiter an Höhe und erreichen schließlich den tiefsten Punkt des gesamten Massiv Trails. Nach den kargen Bergen der vergangenen Tage wachsen plötzlich wieder Bäume um uns herum. Mit ihnen kehren allerdings auch Schlamm und Sumpf zurück. Wir überqueren eine Hängebrücke und folgen anschließend einem matschigen Pfad durch den Wald. Von Stein zu Stein hüpfen wir um die größten Schlammlöcher herum und versuchen, unsere Füße möglichst trocken zu halten. Es beginnt wieder zu nieseln, doch unter den Bäumen bekommen wir davon kaum etwas ab.
Etwa 500 Meter vor Skogadalsbøen rieche ich plötzlich Kaminrauch und 100 Meter davor rieche ich Essen und das gibt mir einen Boost. Shut up and take my money! Wenig später stehen wir in der warmen, gemütlichen Hütte. Und nach drei Tagen Suche passiert endlich das beinahe Unvorstellbare: Wir bekommen einen DNT-Schlüssel für die Selbstversorgerhütten.
Wir buchen uns für das Abendessen ein, bezahlen einen Zeltplatz und gönnen uns zwei Limonaden. Obwohl wir draußen schlafen, dürfen wir sämtliche Einrichtungen der Hütte benutzen – inklusive der Duschen. So sitzen wir erst einmal mit unseren Getränken im warmen Aufenthaltsraum. In einem der Bücher entdecke ich ein Foto vom Gipfel des Fannaråki bei gutem Wetter. Die Aussicht wäre tatsächlich spektakulär gewesen. Wir können nur hoffen, dass sich die Wolken für Lizette und Iris noch öffnen und sich ihr Aufstieg lohnt. Danach duschen wir und waschen unsere dreckigen Socken aus. Egal wie oft ich sie ausspüle und auswringe, das Wasser bleibt braun. Irgendwann gebe ich auf.
Bis zum Abendessen machen wir es uns wieder in der Hütte gemütlich und lernen Mark aus Deutschland kennen, der ebenfalls auf dem Massiv Trail unterwegs ist. Anders als wir wandert er von Hütte zu Hütte. Seine ersten beiden Etappen haben jeweils rund elf Stunden gedauert. Dafür wartet jeden Abend ein Drei-Gänge-Menü auf ihn.
Heute gönnen auch wir uns diesen Luxus. Um 20 Uhr sitzen wir gemeinsam mit einer Gruppe Norweger am Tisch. Was folgt, ist vermutlich das luxuriöseste Essen, das ich jemals auf einer Berghütte bekommen habe. Den Anfang macht selbstgebackenes Sauerteigbrot mit einer reichhaltigen Knoblauchbutter. Als uns gesagt wird, dass wir davon jederzeit Nachschlag bekommen können, fühlt es sich an, als hätten wir zwei Plätze im Himmel reserviert. Darauf folgt eine cremige Lauch-Zitronen-Suppe. Sie ist so gut, dass ich am liebsten eine Badewanne damit füllen und mich hineinlegen würde, mit einem Eimer Knoblauchbutter daneben. Als Hauptgang gibt es geschmorte Lammrippchen mit Ofenkartoffeln, Gemüse und Preiselbeeren. Zum Abschluss folgt Schokoladenkuchen. Ich bereue nichts.
Als wir später zu unserem Zelt gehen, setzt der angekündigte Starkregen ein. Wir sind die einzigen Gäste, die heute Nacht draußen schlafen. Wir liegen satt, trocken und warm im Schlafsack, während der Regen auf das Zelt prasselt. Es könnte uns deutlich schlechter gehen.
Massiv Trail Tag 4: Die nassen Füße einfach akzeptieren
Skogadalsbøen bis irgendwo im Øvre Mjølkedalen
15 km / 800 hm / 5 h
Die ganze Nacht prasselt der Regen auf unser Zelt, trotzdem ist es die bisher wärmste Nacht auf dem Massiv Trail. Am Morgen regnet es noch immer und wir zögern das Aufstehen hinaus, schlafen immer wieder ein. Erst gegen zehn Uhr packen wir schließlich zusammen. Das nasse Zelt hängen wir im Trockenraum von Skogadalsbøen auf und verziehen uns noch einmal in die warme Hütte. Eine Limonade geht schließlich immer.
Dort treffen wir auch einige der Norweger vom gestrigen Abendessen wieder. Sie erzählen uns, dass sie heute Morgen bereits im Fluss schwimmen waren. Natürlich. Norweger spielen einfach in einer anderen Liga. Da können wir nicht mithalten.
Unsere Motivation hält sich angesichts des Regens und der tiefhängenden Wolken dagegen ziemlich in Grenzen. Just von der Skogadalsbøen-Hütte empfiehlt uns, heute nicht dem eigentlichen Verlauf des Massiv Trails in Richtung Fondsbu zu folgen. Bei diesem Wetter seien die vielen Felsen auf der Route rutschig und unangenehm. Stattdessen schlägt er uns einen etwas längeren Weg durch das Tal vor. Der sei einfacher zu laufen, allerdings mit einem kleinen Haken: Teile des Weges verlaufen praktisch im Fluss. Sein Rat: die nassen Füße einfach akzeptieren.
Irgendwann müssen wir trotzdem hinaus. Es nieselt noch immer, aber immerhin nicht besonders stark. Kurz hinter einer Hängebrücke begegnen wir dem Hüttenwirt und Koch von gestern Abend. Auch er bestätigt Justs Empfehlung. Ryan nutzt die Gelegenheit außerdem, um ihn nach dem Rezept für die Lauch-Zitronen-Suppe zu fragen, von der ich gestern so begeistert war.
Dann beginnt der nasse Teil des Tages. Just hat nicht übertrieben. Der Weg wechselt zwischen sumpfig, schlammig und schlichtweg Fluss. Anfangs versuchen wir noch, trockene Stellen zu finden, geben das aber ziemlich schnell auf. Unsere Füße sind ohnehin nass. Also stapfen wir einfach mitten hindurch. Das ist erstaunlich befreiend und deutlich schneller.
Wir erschrecken einen Frosch und entdecken Kaulquappen in einer der zahllosen Wasserstellen. Die nassen Büsche am Wegesrand funktionieren derweil wie eine Autowaschanlage und sorgen dafür, dass nicht nur unsere Füße, sondern auch die Beine dauerhaft nass bleiben. Zum Glück ist es hier unten im Tal deutlich wärmer als in den Bergen.
Wir folgen dem Fluss durch einen üppig grünen Wald. Überall wachsen unterschiedliche Moose und Flechten, dazwischen setzt pinkfarbenes Heidekraut kleine Farbtupfer. Wenn die Wolken für einen Moment aufreißen, geben sie den Blick auf die umliegenden Berge und Wasserfälle frei. Es ist wunderschön und gleichzeitig ziemlich miserabel.
Zwischendurch wird aus dem Nieselregen richtiger Regen, aber zum Glück hält er nie lange an. Der Weg beginnt jetzt, anzusteigen, und unter der Regenkleidung schwitzen wir ohnehin schon genug. Schließlich verlassen wir den Wald und der Regen hört sogar ganz auf. Ein kurzer, steiler Anstieg bringt uns zurück in felsigeres Gelände, danach geht es deutlich sanfter bergauf. Mit den Blockfeldern der vergangenen Tage hat das allerdings wenig zu tun. Dann entdecken wir in einiger Entfernung eine Herde Rentiere – unsere ersten auf dem Massiv Trail.
Auch die Wolken heben sich zunehmend. Sie hängen noch immer tief zwischen den Bergen, doch statt die Landschaft einfach nur zu verschlucken, ziehen und wirbeln sie jetzt um die Gipfel. Ich wusste gar nicht, wie schön Wolken sein können. Abgesehen von gelegentlichem Nieselregen bleibt es jetzt trocken. Heute begegnen uns außerdem auffallend viele Wanderer. Offenbar ist diese Route deutlich beliebter als die Abschnitte des Massiv Trails, auf denen wir bisher unterwegs waren.
Wir folgen Flüssen und Seen immer weiter bergauf. Zahlreiche Wasserläufe müssen gequert werden, aber mittlerweile könnten sie uns kaum gleichgültiger sein. Unsere Füße sind sowieso nass. Problematischer sind die vom Regen glatten Felsen. Ryan rutscht zweimal aus, während ich glücklicherweise auf den Beinen bleibe. Spätestens jetzt bin ich froh, dass wir der Empfehlung gefolgt sind und uns heute die größeren Blockfelder ersparen. Ansonsten ist der Weg eine Wohltat: gut markiert, leicht zu verfolgen und schnell zu laufen. Kein ständiger Blick aufs GPS, keine Suche nach dem nächsten roten T. Wir kommen so schnell voran wie an keinem der vergangenen Tage.
Wir legen eine späte Mittagspause ein. Lange bleiben wir allerdings nicht sitzen, denn sobald wir uns nicht mehr bewegen, wird uns schnell kalt. Das ist eine der anstrengenden Seiten dieses Wetters: Pausen machen keinen Spaß, also machen wir kaum welche.
Zwei entgegenkommende Wanderer erzählen uns, dass sie von Fondsbu bis hierher etwa fünf Stunden gebraucht haben. Gleichzeitig warnen sie uns, dass geeignete Zeltplätze wegen des felsigen Geländes rar seien. Bis Fondsbu wollen wir heute ohnehin nicht mehr. Nach den langen ersten Tagen haben wir uns bewusst einen kürzeren Tag vorgenommen.
Wir passieren weitere Seen. Zwischendurch versucht sogar die Sonne, sich durch die Wolkendecke zu kämpfen, schafft es aber nie ganz. Egal. Es regnet nicht und kalt ist es auch nicht. Damit geben wir uns inzwischen zufrieden.
Gegen 17:30 Uhr entdecken wir schließlich einen schönen ebenen Platz für unser Zelt. Eigentlich ist es noch früh, außerdem ist es gerade trocken und ein Teil von mir findet es beinahe verschwenderisch, dieses Wetterfenster nicht weiter zum Wandern zu nutzen. Andererseits bin ich müde. Nicht einmal so sehr körperlich, sondern vor allem im Kopf. Und wer weiß, wann der nächste geeignete Zeltplatz kommt – oder wann es wieder anfängt zu regnen. Für heute habe ich genug, also bleiben wir.
Während wir wenig später unser Abendessen zubereiten, beginnt es wieder zu regnen. Damit wäre die Entscheidung wohl bestätigt.
Massiv Trail Tag 5: Sonne, Schlamm und schnelle Kilometer
Øvre Mjølkedalen bis 2,4 km vor Slettningsbu
31,8 km / 1.020 hm / 8,5 h
In der Nacht zerren immer wieder kräftige Windböen an unserem Zelt. Mit Ohrstöpseln bekomme ich davon zum Glück nicht allzu viel mit und schlafe erstaunlich gut. Am Morgen sind wir gerade fast fertig gepackt, als plötzlich Regen auf das Zeltdach prasselt. Wir warten noch ein wenig auf eine Pause und nutzen die erste Gelegenheit, um nach draußen zu kommen. Natürlich beginnt es ausgerechnet kurz vor unserem Aufbruch wieder zu regnen. Widerwillig ziehen wir die Regenhosen an.
Zum Glück ist der Spuk schnell vorbei. Schon bald können wir die schwitzigen Plastikhüllen wieder ausziehen und zwischen den Wolken zeigen sich sogar erste blaue Flecken. Um uns herum liegen Bergseen, in der Ferne schimmern Gletscher und tatsächlich lässt sich gelegentlich sogar die Sonne blicken.
Die letzten zehn Kilometer bis Fondsbu führen uns weiter durch das Øvre Mjølkedalen. Der Trail ist wieder ordentlich matschig und an einer besonders schlammigen Stufe rutschen wir sogar beide gleichzeitig aus. Ich versenke meinen Arm im Matsch, Ryan sein Knie. Immerhin schaffen es unsere Füße dieses Mal, nur leicht feucht zu werden.
Je näher wir Fondsbu kommen, desto idyllischer wird die Landschaft. Schwarze Holzhütten mit grasbewachsenen Dächern verteilen sich zwischen den Bergen, überall wächst Wollgras und das Wasser stürzt in kleinen Kaskaden den Hang hinunter. Als wir schließlich Fondsbu erreichen, kommt die Sonne heraus und begrüßt uns inzwischen fast wie eine alte Freundin. Ihr Licht fällt auf den See und plötzlich sieht alles noch einmal ganz anders aus.
In der Hütte bestellen wir Burger und Limonade. Wie bisher ist es auch hier so warm und gemütlich, dass man problemlos den Rest des Tages sitzen bleiben könnte. Aber draußen scheint gerade tatsächlich die Sonne und dieses seltene Gut wollen wir nicht verschwenden. Also ziehen wir weiter.
Zunächst folgen wir einer Schotterstraße: flach, einfach, schnell. Die Kilometer kommen endlich einmal fast von selbst. Als wir wieder auf einen Wanderweg abbiegen, setzt leichter Nieselregen ein. Kurz darauf kommen uns zwei Wanderer entgegen: Rick und Nancy aus den USA. Auch sie wandern den Massiv Trail, allerdings in die andere Richtung. Für sie ist es bereits Tag 15. Die beiden sind gerade in Rente gegangen und leben inzwischen in Trondheim. Nancy war Journalistin. Einen Teil des Appalachian Trails sind sie ebenfalls gewandert und haben dort die Trailnamen Big Red und Waffle bekommen. Als sie unsere Darn-Tough-Socken entdecken, erzählen sie uns, dass sie 16 Jahre lang in Vermont gelebt haben.
Natürlich nutzen wir die Gelegenheit für ein wenig Trail Intel und fragen, was in den kommenden Tagen auf uns wartet. Eine Information bleibt dabei besonders bei uns hängen. An einer Straßenquerung vor uns gebe es fantastische Pizza. „The reindeer pizza was bomb!“, sagt Nancy und ihre Augen leuchten dabei so sehr, dass wir ihr sofort glauben. Drei Tage hintereinander gutes Essen? Damit können wir arbeiten.
Kurz darauf kommen wir an einer kleinen Hütte vorbei, vor der zwei Männer mit einem Hund sitzen. Der Hund läuft zu uns und begrüßt uns vorsichtig, was ich mit meiner Angst vor Hunden sehr schätze. Die Männer trainieren ihn für die Vogeljagd. Heute waren sie auf der Suche nach Schneehühnern, allerdings ohne Erfolg. Auch beim Angeln haben sie nichts gefangen. Ryan versucht, die Stimmung zu retten, und weist darauf hin, dass immerhin das Wetter gut ist. Und tatsächlich: Wenig später kommt die Sonne wieder heraus. Es wird beinahe warm. Sogar die Sonnenbrillen kommen wieder zum Einsatz.
Der Trail wird allerdings zunehmend matschiger. Noch geben wir uns Mühe, unsere Füße trocken zu halten. Mit meinem Trekkingstock stochere ich vor jedem Schritt im Schlamm herum und suche nach versteckten Steinen oder festeren Stellen, die mein Gewicht tragen. Erstaunlich oft funktioniert das sogar. Die Mühe erweist sich später trotzdem als vollkommen sinnlos. Der Boden wird immer sumpfiger, bis endgültig keine trockene Möglichkeit mehr übrig bleibt. Also erklären wir uns geschlagen und stapfen einfach mitten hindurch. Keine Umwege mehr. Keine akrobatischen Verrenkungen am Rand des Trails. Wenn die Füße ohnehin nass werden, können sie wenigstens effizient nass werden.
An einem See tauschen wir den schlammigen Trail zeitweise gegen das felsige Ufer. Zwischen den Steinen liegen unzählige perfekt geformte flache Exemplare, die geradezu danach verlangen, sie über die Wasseroberfläche hüpfen zu lassen, und Ryan kann natürlich nicht widerstehen.
Anschließend folgen wir der Straße auf einem angenehm breiten Schotterstreifen und philosophieren darüber, eine der einsamen Hütten hier draußen zu kaufen und uns vor dem Klimawandel nach Norwegen zurückzuziehen.
Später zweigen wir auf eine Schotterstraße ab und beginnen, noch einmal aufzusteigen. Zwischen einigen Felsen finden wir schließlich einen schönen, ebenen Platz für unser Zelt. Dieses Mal sind wir deutlich besser vor möglichen nächtlichen Windböen geschützt.
Als wir unsere Tageskilometer anschauen, stellen wir fest, dass wir zum ersten Mal auf dem Massiv Trail die 30-Kilometer-Marke geknackt haben. Es war der bisher einfachste Tag: weniger Höhenmeter, gut laufbare Wege und einige Straßenkilometer haben ordentlich Strecke auf den Zähler gebracht.
Noch wichtiger ist allerdings eine andere Zahl: 13 Kilometer bis zur Pizza.
Herausforderungen & Höhepunkte des Massiv Trails in Jotunheimen
Herausforderungen:
Kälte, Nässe und rutschige Wege
Höhepunkte:
Die Querung des Fannaråkbreen, die ersten Rentiere und die norwegische Hüttenkultur
Lektion:
Flexibilität ist wichtig: Wir passen unsere Pläne ständig an das Wetter und die Bedingungen an.
























































