Grat zum Archtalkopf

Überschreitung Estergebirge: Neun Gipfel zwischen Eschenlohe und Garmisch

Zwischen Wetterstein, Karwendel und den Ammergauer Alpen fristet das Estergebirge eher ein Schattendasein. Während sich an Zugspitze, Herzogstand oder Karwendel die Wanderer drängen, bleibt es hier erstaunlich ruhig. Dabei bietet eine Überschreitung des gesamten Gebirgszugs alles, was eine anspruchsvolle Bergtour ausmacht: abwechslungsreiche Wege, aussichtsreiche Gipfel, einsame Grate und sogar einige weglose Passagen. An zwei Tagen überschreiten wir das Estergebirge von Eschenlohe bis Garmisch-Partenkirchen über insgesamt neun Gipfel. 

Von Eschenlohe auf die Hohe Kisten

Unsere Tour beginnt am Bahnhof Eschenlohe, wo wir den Van abstellen. Hoch über dem Ort erhebt sich die Hohe Kisten. Ihr Gipfelkreuz ist selbst von hier unten gut zu erkennen, während die steilen Nordflanken fast uneinnehmbar wirken.

Zunächst folgen wir der schattigen Forststraße oberhalb der Asamklamm. Nach einiger Zeit zweigt ein schmaler Steig ab und führt stetig bergauf. Schon bald erreichen wir die Pustertal-Jagdhütten, eine idyllische Lichtung mit schöner Aussicht, die sich hervorragend für eine erste Pause eignet.

Hinter den Hütten wird der Weg alpiner. Er führt zunächst durch Latschenfelder, anschließend immer steiler durch ein Kar hinauf zum Grat. Von dort folgen wir dem aussichtsreichen Rücken bis unter den Gipfel der Hohen Kisten. Die letzten Meter verlaufen über einen unmarkierten, leicht kraxeligen Steig. Wenig später stehen wir auf 1.922 Metern Höhe am Gipfel und schauen tief ins Loisachtal herab. Hinter den schroffen Nordflanken öffnet sich überraschend eine weite, karstige Hochfläche. Das Michelfeld breitet sich vor uns aus, dahinter ragt das Karwendel empor. Auf dem Sattel vor uns liegt die Weilheimer Hütte mit dem Krottenkopf, dahinter reihen sich die weiteren Gipfel des Estergebirges auf, die noch vor uns liegen.

Sonnenuntergang am Archtalkopf

Von der Hohen Kisten ist es nur noch ein kurzer Weg zum Archtalkopf (1.927 m). Sein kleines Gipfelkreuz wirkt beinahe unscheinbar, doch pünktlich zum Abend färbt die untergehende Sonne die umliegenden Berge in warmes Licht. Da stabiles Wetter angekündigt ist, verbringen wir die Nacht im Cowboycamp unter freiem Himmel.

Krottenkopf, der höchste Gipfel des Estergebirges

Am Morgen treten wir den sanft ansteigenden Weg zur Weilheimer Hütte an, vorbei an grasenden Schäfchen. Das Michelfeld liegt noch im Schatten, während die ersten Sonnenstrahlen bereits die Gipfel über uns erreichen. Direkt hinter der Hütte beginnt der Anstieg zum Krottenkopf (2.086 m), dem höchsten Gipfel des Estergebirges. In engen Serpentinen gewinnt der Steig rasch an Höhe. Bei Gipfelfrühstück genießen wir den Blick auf Wetterstein mit der Zugspitze und zahlreiche weitere Gipfel. Dann steigen wir wieder zur Hütte ab, füllen unsere Wasservorräte auf und gönnen uns eine Spezi.

Weglos über Rißkopf und Kareck

Vor der Weilheimer Hütte verlassen wir erneut die markierten Wege. Ein deutlicher Trampelpfad führt hinauf zum Oberen Rißkopf (2.049 m). Von hier oben entdecken wir unterhalb des Gipfels die dicht beieinanderliegende Schafherde, die sich zu einer einzigen flauschigen weißen Wolke zusammengelegt hat. Zwischen den weißen Tieren stehen vereinzelt auch schwarze Schafe.

Von hier setzen wir unsere Überschreitung weglos in Richtung Kareck fort. Orientierungsschwierigkeiten gibt es kaum, lediglich beim Abstieg zum Sattel versperrt ein felsiger Abbruch den direkten Weiterweg. Anstatt die Felsstufe abzuklettern, umgehen wir sie einfach über das Geröll auf der linken Seite und gelangen problemlos zurück auf den Grat und dann steil hinauf über Gras- und Schrofengelände zum Gipfel des Karecks (2.046 m). Nach dem Kareck steigen wir wieder zum grasigen Übergang ab, der tiefsten Stelle zwischen beiden Gipfeln, und queren auf den markierten Wanderweg, der sich unterhalb der zwei Gipfel von der Weilheimer Hütte entlangzieht.

Über Bischof und Hohen Fricken

Wir gelangen zu einem Sattel, von dem es noch einmal steil hinauf zum Bischof (2.033 m) geht, bevor der Grat deutlich einfacher wird. Über aussichtsame Höhen erreichen wir schließlich den Hohen Fricken (1.940 m), den letzten hohen Gipfel unserer Überschreitung. Die Aussicht öffnet sich hier in die Ammergauer Alpen mit dem Kloster Ettal und dem markanten Felszacken des Kofels. Bis hierher sind wir nur wenigen Menschen begegnet, das Estergebirge bleibt angenehm ruhig, was ein deutlicher Kontrast zu den umliegenden Gebirgen ist.

Der letzte Anstieg zum Wank

Es folgt der lange Abstieg zur Esterbergalm. Dort scheint die eigentliche Tour fast beendet zu sein, wären da nicht noch rund 500 Höhenmeter bis zum Wank, dem letzten Gipfel des Estergebirges und Tor zu Garmisch-Partenkirchen. Während sich am Hauptkamm ein Gipfel an den anderen reiht, steht der Wank etwas abseits und erfordert einen letzten, langen Gegenanstieg zum Schluss.

Über angenehm angelegte Serpentinen gewinnen wir mühelos an Höhe. Nach den vielen bereits absolvierten Kilometern fühlt sich dieser Schlussanstieg deutlich leichter an als erwartet. Am Gipfel bleibt kaum Zeit für mehr als ein schnelles Foto, denn unser Blick richtet sich bereits auf das Wankhaus, dessen Küche in wenigen Minuten schließen wird. Wir schaffen es gerade noch rechtzeitig. Käsespätzle, Chili con Carne, Apfelstrudel und zwei eiskalte Colas sind innerhalb weniger Minuten restlos verputzt. Nach längerer Zeit in den Bergen schmeckt wohl kaum eine Mahlzeit besser. Während auf dem Wank durch den Gondelbetrieb reger Ausflugsbetrieb herrscht, denken wir an die vielen einsamen Stunden zurück, die wir zuvor auf der Überschreitung verbracht haben.

Abstieg nach Garmisch

Über den Eckenberg steigen wir schließlich steil nach Garmisch-Partenkirchen ab. Unsere Knie geben uns deutlich zu verstehen, dass es bald reicht. Wir erreichen die Wallfahrtskirche St. Anton und dann die Stadt. Nach anderthalb Tagen in der Stille der Berge wirkt der Marsch durch die Straßen ungewohnt. Am Bahnhof endet unsere Überschreitung, zumindest zu Fuß. Mit dem übervollen Zug fahren wir die drei Stationen zurück nach Eschenlohe, wo unser Van auf uns wartet.

Fazit

Die Überschreitung des Estergebirges hat uns positiv überrascht. Kaum ein anderer Gebirgszug in den Bayerischen Alpen verbindet auf vergleichsweise kurzer Distanz so viele unterschiedliche Landschaften: schroffe Nordflanken, weite Hochflächen, aussichtsreiche Grate, weglose Gipfel und zum Abschluss einen der bekanntesten Aussichtsgipfel der Region.

Vielleicht hat uns die Tour deshalb so gut gefallen. Sie hatte weniger den Charakter einer klassischen Gipfelbesteigung als den einer kleinen Trekkingtour. Jeden Tag ein Stück weiter, abends draußen, morgens wieder los, und am Ende nicht zum Ausgangspunkt zurückzukehren, sondern an einem ganz anderen Ort anzukommen. Genau dieses Gefühl macht für uns den Reiz von Thru-Hikes aus.

Mit rund 31 Kilometern und knapp 2.900 Höhenmetern ist die Tour konditionell anspruchsvoll. Technisch bewegt sie sich überwiegend im Bereich SAC T3, mit kurzen T4-Passagen im weglosen Gelände. Wer eine lange, abwechslungsreiche und vergleichsweise einsame Überschreitung sucht, findet im Estergebirge eine der abwechslungsreichsten Überschreitungen der Bayerischen Alpen.

Kurzinfo Überschreitung Estergebirge

Dauer: 10 Stunden
Distanz: ca. 31 km
Ausgangspunkt: Bahnhof Eschenlohe (640 m)
Endpunkt: Bahnhof Garmisch-Partenkirchen (708 m)
Gesamtanstieg: 2.860 hm
Schwierigkeit: SAC T3 mit kurzen T4-Passagen im weglosen Gelände
Einkehrmöglichkeiten: Weilheimer Hütte, Almgasthof Esterberg, Wank Haus

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Vielleicht gefällt dir auch

Suche

Die Weltwanderin

Bild von Annika
Annika

Ich bin verliebt in die Welt, ihre Berge und das Abenteuer. Auf Fernwanderungen wie dem Te Araroa, PCT und CDT habe ich inzwischen über 16.000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Wandern bedeutet für mich Freiheit, Glück und ein Leben im Hier und Jetzt. Hier teile ich meine Abenteuer aus der ganzen Welt.

Mein erstes Buch

Leise Schritte in einer lauten Welt
Über 4000 Kilometer auf dem
Continental Divide Trail

Erscheint voraussichtlich Herbst 2026

Beliebte Beiträge

Archiv

Bevor sich Weltwanderin voll auf Thru-Hiking fokussierte, habe ich auch über meine Reisen und alpinen Bergsport geschrieben. Diese Artikel findet ihr hier: