Abstieg von der Vorderen Grauspitze

Vordere Grauspitze: Auf den höchsten Gipfel Liechtensteins

Mit 2.599 Metern ist die Vordere Grauspitze der höchste Berg Liechtensteins. Gleichzeitig zählt sie zu den Seven Summits der Alpen und somit zu den jeweils höchsten Bergen der Alpenländer. Anders als Zugspitze oder Mont Blanc ist sie jedoch weniger bekannt und wird vergleichsweise selten bestiegen. Es gibt nur wenige Tourenberichte, nur wenige Besucher, und spätestens ab der Alpe Ijes verschwindet sogar der markierte Weg.

Die Vordere Grauspitze bildet gemeinsam mit der etwas niedrigeren Hintergrauspitze (2.574 m) einen markanten Doppelgipfel im Rätikon an der Grenze zwischen Liechtenstein und der Schweiz. Manchmal wird sie auch Vordergrauspitz oder einfach Grauspitz genannt. Für mich ist die Vordere Grauspitze nach der Zugspitze und dem Triglav bereits mein dritter Seven Summit der Alpen.

Je nachdem, von welcher Seite man sie betrachtet, wirkt sie völlig unterschiedlich. Von Norden präsentiert sie sich als schroffer Kalkfels, von Süden dagegen eher als felsdurchsetzter Schuttberg. Genau von dieser südlichen Seite steigen wir heute auf.

Aufstieg von Malans

Unser Ausgangspunkt ist Malans in der Schweiz. Alternativ lässt sich die Tour auch von Liechtenstein aus beginnen (Malbun oder Steg). Wer von dort kommt, muss jedoch entweder den anspruchsvollen Grat zwischen Hinter- und Vorderer Grauspitze mit Kletterstellen bis UIAA II hinunterkraxeln oder einen zusätzlichen Gegenanstieg in Kauf nehmen, um ihn zu umgehen.

Bereits der Zustieg ist etwas Besonderes. Die historische Älplibahn stammt noch aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und transportiert lediglich acht Personen alle 15 Minuten in kleinen Vierergondeln zur Bergstation auf 1.801 Metern. Da pro Stunde maximal 32 Personen befördert werden können, sollte die Bahn unbedingt vorab reserviert werden.

Oben angekommen werfen wir zunächst einen schnellen, neugierigen Blick auf die hausgemachten Kuchen des Bergrestaurants, bevor wir uns auf den Weg machen. Viel Zeit bleibt nicht, denn unter der Woche verkehrt die Gondel lediglich zwischen 8 und 17 Uhr. Bei einer offiziell mit 9,5 Stunden angegebenen Tour ist das Zeitfenster entsprechend knapp.

Bis zur Alpe Ijes gibt es mehrere Möglichkeiten, allen gemeinsam ist jedoch ein Gegenanstieg. Für den Hinweg entscheiden wir uns zunächst für die Route Richtung Ruhabärg. Dafür folgen wir den Wegweisern Richtung Fläscher Tal und Falknis. Wir befinden uns im sogenannten Heidiland, denn das nahe gelegene Maienfeld inspirierte Johanna Spyri zu ihren berühmten Heidi-Romanen.

Kurz vor einer Alm verlassen wir den markierten Weg, um weglos nach links über die Wiesen hinüberzuqueren. Dort erwartet uns bereits der erste Höhepunkt des Tages: Fünf winzige junge Murmeltiere tollen gemeinsam vor ihrem Bau herum, spielen miteinander und knabbern entspannt am Gras, ohne sich von unserer Anwesenheit stören zu lassen. Wir beobachten ihr Playdate eine ganze Weile.

Die Querung ist aufgrund der Weglosigkeit recht langsam. Es gibt immer mal wieder kurze Pfade, die dann im Nichts verschwinden, und wir gehen durch hohes Gras und weichen dabei Mulden und Löchern aus, die von Kühen getrampelt wurden. Schließlich erreichen wir eine Forststraße und folgen ihr stetig bergauf bis zu einem kleinen Pass mit einer Picknickbank auf 2.000 m. Hier gönnen wir uns eine kurze Snack- und Trinkpause, bevor wir wieder 300 Höhenmeter hinabgehen. Die Forstraße windet sich zwischen unbewirtschafteten Almen und grasenden Kühen, bevor der nächste Aufstieg beginnt.

Wir wandern durch zwei angenehm kühle Felstunnel, die an diesem heißen Sommertag eine willkommene Abwechslung bieten. Dahinter verändert sich die Landschaft schlagartig. Gewaltige Kalkwände ragen über uns empor, während die Wiesen dazwischen voller Wildblumen stehen. Der Weg führt durch eine beeindruckende, fast schon hochalpine Szenerie.

Vor der Alpe Ijes begegnen wir einer Herde Kühe, die neben und auf der Forstraße steht. Kurz darauf schnaubt uns ein junger Bulle an und macht unmissverständlich klar, dass ihm unsere Anwesenheit nicht gefällt. Das Gefühl beruht durchaus auf Gegenseitigkeit. Also gehen wir langsam rückwärts und schlüpfen unter dem Elektrozaun neben der Straße hindurch, um die Herde auf der Wiese zu umgehen.

An der Alpe Ijes endet schließlich der markierte Weg.

Weglos zum Gipfel der Vorderen Grauspitze

Ab der Alpe Ijes wird die Tour anspruchsvoller. Über einen steilen Grasrücken steigen wir weglos zu einem Sattel auf rund 2.300 Metern auf. Vor uns erhebt sich erstmals der Doppelgipfel der Grauspitzen und wir können das große Gipfelkreuz der Hintergrauspitze erspähen.

Von hier aus gibt es zwei Möglichkeiten: Erfahrene Alpinisten können zunächst die Hintergrauspitze besteigen und anschließend den Grat zur Vorderen Grauspitze überschreiten. Dabei müssen Kletterstellen bis UIAA II im teilweise brüchigen Fels bewältigt werden. Wir entscheiden uns gegen diese Variante. Die Gratüberschreitung ist uns zu technisch und zu ausgesetzt. Stattdessen entscheiden wir uns für die Querung des Hangs aus Geröll, Gras und Schrofen unterhalb der Hintergrauspitze.

Vom Sattel aus erscheint der Gipfelhang der Vorderen Grauspitze fast wie eine senkrechte Wand. Für einen Moment fragen wir uns, ob dort überhaupt ein Aufstieg möglich ist. Mit jedem Meter, den wir näher kommen, verändert sich dieser Eindruck jedoch. Der vermeintlich unbezwingbare Gipfelhang wird plötzlich erstaunlich moderat.

Dafür gibt es einen einfachen Grund. Aus der Entfernung werden Distanzen optisch komprimiert. Die räumliche Tiefe geht verloren und die gesamte Hangflanke ist gleichzeitig sichtbar, wodurch sie deutlich steiler erscheint. Erst aus der Nähe werden einzelne Felsbänder, Terrassen und der tatsächliche Routenverlauf erkennbar. Die Steigung hat sich natürlich nicht verändert, nur unsere Wahrnehmung.

Durch das Geröllfeld zum höchsten Punkt Liechtensteins

Zunächst steigen wir ein Stück in einen kleinen Kessel ab, wo Murmeltiere zwischen den Steinen und kleinen Schneefeldern umherflitzen und uns mit ihren schrillen Rufen erschrecken. Dann kämpfen wir uns durch das ausgedehnte Geröllfeld, wo die Orientierung schwerfällt. Der richtige Durchstieg ist auf dem Rückweg offensichtlicher als im Aufstieg.

Obwohl wir keinen Steinschlag erleben, setzen wir in diesem Abschnitt vorsorglich unsere Helme auf. Über den Querungshang ragen steile Felswände empor, aus denen sich jederzeit Steine lösen könnten.

Wir erreichen den Gipfelgrat, wo sich ein Pfad findet, dem wir steil durch die Felsen auf den Gipfel folgen.

Eine kleine Madonnenstatue markiert den höchsten Punkt Liechtensteins. Anders als auf vielen bekannten Alpengipfeln herrscht hier völlige Ruhe. Tief unter uns leuchtet der türkisfarbene Unterst See, während sich im Norden Liechtenstein und im Süden die Gipfel der Schweizer Alpen ausbreiten.

Während wir die Aussicht genießen, wird uns bewusst, wie außergewöhnlich ruhig dieser Berg ist. Seit der Bergstation sind wir keinem einzigen Wanderer mehr begegnet.

Abstieg

Der Abstieg ist problemlos, denn wir folgen dem Pfad vom Gipfel durch das Geröllfeld, bis dieser sich in jenem verliert. Dann queren wir hinüber zum Sattel und gehen dann den weglosen Teil zurück zur Alpe Ijes.

Für den weiteren Abstieg wählen wir eine etwas effizientere Variante. Hinter der Sunnaspitz folgen wir dem Pfad oberhalb des Hinteren Sees, wodurch wir die Höhe besser halten können. Außerdem kommen wir dabei an einem hübschen Bach vorbei, der sich in Kaskaden kühlen Wassers ergießt. Der Hintere See präsentiert sich bei unserem Besuch allerdings vollständig ausgetrocknet. Anschließend treffen wir wieder auf die bekannte Forststraße, passieren erneut den kleinen Pass mit der Picknickbank, die uns zu einer Pause einlädt. Wir liegen gut in der Zeit und sollten unsere reservierte Talfahrt um 16:45 Uhr problemlos erreichen. Das ist erleichternd, denn auf die zwei Stunden Abstieg zu Fuß haben wir nur wenig Lust, zumal die Hitze an diesem Sommertag mit jedem verlorenen Höhenmeter zunimmt.

Dieses Mal folgen wir der Forststraße bis zurück zur Bergstation. Diese Route erscheint uns einfacher und schneller als die weglose Querung des Aufstiegs.

Fazit

Die Vordere Grauspitze ist keine klassische Wanderung, sondern eine anspruchsvolle Bergtour für erfahrene Alpinwanderer. Ab der Alpe Ijes gibt es keine Markierungen mehr. Trittpfade sind nur abschnittsweise vorhanden und verschwinden immer wieder. Wer sich hier sicher bewegen möchte, sollte Erfahrung im weglosen Gelände sowie ein gutes Orientierungsvermögen mitbringen.

Gerade diese Einsamkeit macht jedoch den besonderen Reiz der Tour aus. Zwischen Bergseen, steilen Kalkwänden und weiten Geröllhängen fühlt sich die Besteigung wie eine kleine Expedition in eine überraschend einsame Ecke der Alpen an. Statt Menschenmassen begegnen uns Murmeltiere, Geröll, Kalkwände und stundenlang niemand außer uns. Genauso hatte ich mir die Besteigung des höchsten Berges Liechtensteins vorgestellt.

Kurzinfo Vordere Grauspitze

Dauer: 7-9,5 Stunden
Distanz: ca. 21 km
Ausgangspunkt: Bergstation Älplibahn (1.801 m), Malans, Schweiz
Gesamtanstieg: ca. 1.640 m (inklusive der Gegenanstiege auf dem Rückweg)
Schwierigkeit: SAC T4 (Variante unterhalb der Hintergrauspitze*), alternativ SAC T6 bei Überschreitung des Grats von der Hinteren zur Vorderen Grauspitze (Kletterstellen bis UIAA II)

*Obwohl diese Variante offiziell mit SAC T4 bewertet ist, erfordert sie aufgrund des weglosen Geländes, der Orientierung und ihres alpinen Charakters mehr Erfahrung als viele markierte T4-Bergwanderungen.

Bei Benutzung der Älplibahn:

Die historische Älplibahn bringt lediglich acht Personen alle 15 Minuten zur Bergstation. Da maximal 32 Personen pro Stunde transportiert werden können, sollte insbesondere an Wochenenden unbedingt reserviert werden.

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 8 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag 7 bis 18 Uhr
Fahrt alle 15 Minuten
Preis 2026 für Berg- und Talfahrt: 20 CHF

Mehr zur Älplibahn hier>>

Mögliche Routen

Orange: Route von Malans wie hier beschrieben (T4)
Türkis: Grauspitze von Steg (T6/UIAA I.-II.)
Grün: Grauspitze von Malbun (T6/UIAA I.-II.)
Blau: Grauspitze von Malbun (T6/UIAA I.-II.) mit Gondel über Pfälzerhütte
Lila: Mögliche Verbindung als Wechsel zwischen T4 und T6/I.II.-Route

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Die Weltwanderin

Bild von Annika
Annika

Ich bin verliebt in die Welt, ihre Berge und das Abenteuer. Auf Fernwanderungen wie dem Te Araroa, PCT und CDT habe ich inzwischen über 16.000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Wandern bedeutet für mich Freiheit, Glück und ein Leben im Hier und Jetzt. Hier teile ich meine Abenteuer aus der ganzen Welt.

Mein erstes Buch

Leise Schritte in einer lauten Welt
Über 4000 Kilometer auf dem
Continental Divide Trail

Erscheint voraussichtlich Herbst 2026

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Bevor sich Weltwanderin voll auf Thru-Hiking fokussierte, habe ich auch über meine Reisen und alpinen Bergsport geschrieben. Diese Artikel findet ihr hier: