Auf dem Weg zum Illvatnet

Massiv Trail: Zwischen Gletschern und Blockfeldern im Breheimen Nationalpark

Der Massiv Trail beginnt mitten in einer der wildesten Berglandschaften Südnorwegens. Von Sota Sæter führt uns der erste Abschnitt durch den Breheimen Nationalpark, vorbei an Gletschern, Bergseen und wilden Flusstälern. Doch die ersten Kilometer machen schnell deutlich, dass der Massiv Trail es einem nicht immer leicht macht: Blockfelder, Sümpfe und kaum erkennbare Pfade bremsen unser Vorankommen, während sich Sonne, Regen, Wind und sogar Schnee abwechseln. Es ist ein anspruchsvoller, aber spektakulärer Auftakt für unsere 360 Kilometer lange Wanderung durch Norwegen.

Massiv Trail Tag 1: Durch das Felsenlabyrinth am Illvatnet

Sota Sæter bis 1 km vor Fivlemyrane See
21 km / 1.400 hm / 8,5 h

Um sechs Uhr morgens packen wir unsere Sachen auf dem Campingplatz in Bismo und machen uns auf den Weg zur Bushaltestelle, von der uns ein Rufbus nach Sota Sæter bringen soll. Dort beginnt für uns der Massiv Trail. Es ist kalt heute Morgen und ich stehe eingemummelt in Daunenjacke, Beanie und Leggings an der Haltestelle.

Eigentlich ist der Rufbus eher ein Taxi: Statt für die wenigen Fahrgäste einen ganzen Bus auf die Strecke zu schicken, bezahlt die Verkehrsgesellschaft Innlandstrafikk einen Taxifahrer dafür, die Verbindung auf Bestellung zu bedienen. Dreimal pro Woche fährt er nach Sota Sæter, 110 NOK kostet die Fahrt pro Person.

Pünktlich um acht Uhr steht unser Fahrer vor uns. Während der Fahrt kommen wir ins Gespräch. Zwei richtig heiße Tage habe es diesen Sommer gegeben, erzählt er, mit Temperaturen von über 37 Grad. Ihm seien die kühleren Temperaturen deutlich lieber. Wir fragen ihn auch nach den Klimaanlagen, die uns an erstaunlich vielen Häusern aufgefallen sind. Bei den hiesigen Temperaturen wirken sie schließlich nicht unbedingt notwendig. Die Erklärung ist simpel: Die Geräte dienen gleichzeitig als Wärmepumpen und werden im Winter zum Heizen genutzt.

Unterwegs sammeln wir noch Daniela ein, die ebenfalls aus Deutschland ist. Auch sie will den Massiv Trail wandern. Ihr Bus aus Oslo ist allerdings bereits um vier Uhr morgens angekommen und seitdem hat sie vier Stunden in der Kälte auf ihre Weiterfahrt gewartet. Entsprechend übermüdet sei sie.

Nach etwa 45 Minuten erreichen wir Sota Sæter. Vor der Hütte haben es sich einige Schafe gemütlich gemacht. Wir gehen zunächst hinein, denn uns fehlt noch ein DNT-Schlüssel für die Selbstversorgerhütten. Als DNT-Mitglied kann man ihn gegen 100 NOK Pfand ausleihen. Leider gibt es hier nur einen einzigen Schlüssel, den sie nicht herausgeben können. Die ersten Hütten auf unserer Route sind allerdings ohnehin bewirtschaftet. Also hoffen wir einfach, unterwegs noch einen zu bekommen.

Bevor wir aufbrechen, bekommt die flauschige orangefarbene Hauskatze noch ein paar Streicheleinheiten. So viel Zeit muss sein. Daniela bleibt dagegen erst einmal hier und will ihren fehlenden Schlaf nachholen.

Wir wollen das gute Wetter nutzen. Seit Wochen verfolge ich die Vorhersage für den Massiv Trail und sehe dabei vor allem eines: Regen und niedrige Temperaturen. Heute soll es dagegen trocken bleiben. Unser Wetterfenster ist vielleicht nur kurz, also wollen wir möglichst viel daraus machen.

Von Sota Sæter geht es direkt bergauf. Schon bald öffnet sich hinter uns der Blick auf den See Liavatnet und die umliegenden Berge. Der Anstieg ist gleichmäßig und unkompliziert, und als schließlich auch noch die Sonne herauskommt, wird uns schnell warm.

Zwischen den Schafen am Wegesrand fällt mir eines auf, das mindestens genauso neugierig auf mich ist wie ich auf es. Eine Weile starren wir uns einfach nur an. Dann kommt es vorsichtig näher, schnuppert an mir und leckt schließlich sogar meine Hand ab, vermutlich auf der Suche nach Salz. Anfassen lässt es sich allerdings nicht.

Während des Aufstiegs verschwinden nach und nach die warmen Kleidungsschichten im Rucksack, bis ich nur noch in Leggings und Shirt unterwegs bin. Ryan trägt ohnehin Shorts, wie immer. Wobei selbst er heute kurz einräumt, dass eine lange Hose vielleicht keine schlechte Idee gewesen wäre. Je höher wir kommen, desto kälter wird der Wind. Die gerade ausgezogenen Schichten wandern wieder an den Körper, schließlich sogar die Handschuhe. Als wir den ersten Pass erreichen, hängen Wolken über den Bergen und es ist empfindlich kalt.

Dafür ist die Landschaft spektakulär. Vor uns erhebt sich die steile Fels- und Eiswand der Tundradalskyrkja, unter uns liegt der See Sottjønnin. Zwischen den Felsen am Ufer entdecken wir zwei kleine Zelte. Bei diesem Wind wirkt ihr Standort nicht gerade gemütlich.

Wir kämpfen uns noch eine Weile durch die Kälte und über ein paar einfache Schneefelder, bevor es im Abstieg endlich wieder etwas angenehmer wird und wir eine Pause für unsere Sandwiches einlegen. Ein einzelner Wanderer zieht an uns vorbei. Es wird der einzige andere Wanderer bleiben, den wir heute auf dem Trail sehen.

Es folgt ein weiterer kurzer Anstieg durch Blockfelder und anschließend die erste Flussquerung. Wir laufen zunächst flussaufwärts und suchen nach einer Stelle, an der wir über die Steine kommen. Den ersten Arm könnten wir tatsächlich trockenen Fußes schaffen, beim zweiten ist allerdings Schluss. Also wieder zurück. Auch flussabwärts finden wir keine bessere Möglichkeit. Also gebe ich auf und laufe einfach mit Schuhen durchs Wasser. Ryan zieht seine aus und watet barfuß hindurch.

Kurz darauf erreichen wir den Illvatnet-See. Und damit beginnt der anstrengendste Teil des Tages. Das Ufer besteht aus einem einzigen riesigen Blockfeld. Zwischen den Felsen weisen Steinmännchen mit den typischen roten T-Markierungen den Weg, doch selbst ihnen zu folgen, ist nicht immer einfach. Immer wieder müssen wir stehen bleiben und nach der nächsten Markierung suchen, während wir uns vorsichtig von Fels zu Fels bewegen. „Wofür steht eigentlich das T?“, frage ich mich. Ich beschließe, dass es für „T-errific“ steht. Tatsächlich steht es aber für „Turistforeningen“ – der DNT, Den Norske Turistforening, ist der norwegische Wanderverein.

Unser Tempo fällt auf etwa 1,5 Kilometer pro Stunde. Jeder Schritt verlangt Aufmerksamkeit. Das ständige Balancieren und die Suche nach dem nächsten gangbaren Weg sind nicht nur körperlich, sondern auch mental anstrengend. Und der See scheint einfach kein Ende zu nehmen.

Immerhin wird das Wetter immer besser. Die Wolkendecke reißt auf, die Sonne kommt heraus und plötzlich wird es sogar richtig warm. Die Landschaft ist wunderschön – nur fehlt mir langsam die Energie, sie entsprechend zu würdigen. Wir versuchen, uns zunächst mit Spielen abzulenken. Irgendwann ist mein Kopf aber selbst dafür zu müde und wir wechseln zu einem Hörbuch.

Am See legen wir noch einmal eine längere Pause ein. Mittlerweile ist es so warm geworden, dass Ryan tatsächlich kurz ins eiskalte Wasser springt, während ich vor allem damit beschäftigt bin, möglichst viel Essen in mich hineinzubekommen. Meine Energie ist komplett im Keller und am liebsten würde ich mich einfach hinlegen, aber das gute Wetter wollen wir nicht verschwenden.

Zum Glück endet kurz darauf endlich das Blockfeld. Plötzlich liegt wieder ein richtiger Wanderweg vor uns. Was für eine Erleichterung. Fast augenblicklich kehrt meine Energie zurück und wir kommen wieder problemlos voran. Auch der Himmel ist inzwischen fast vollständig blau. Zum ersten Mal auf dieser Tour hole ich sogar die Sonnenbrille aus dem Rucksack.

Die nächsten Kilometer machen all die Mühen am Illvatnet beinahe wieder wett. Wir passieren einen kleinen Bergsee nach dem anderen, dessen Wasser in der Nachmittagssonne glitzert. Dazwischen warten zwar immer wieder Schlamm und sumpfige Stellen, durch die wir uns irgendwie hindurchmanövrieren müssen, aber nach den endlosen Felsblöcken nehme ich selbst die gerne in Kauf.

Schließlich führt uns der Trail hinunter in ein breites Flusstal. Auf der gegenüberliegenden Seite hängen Gletscher an den Bergen, von einem davon schießt ein wilder Schmelzwasserfluss ins Tal. Da der nächste See bereits im Schatten der Berge liegt, beschließen wir, nicht mehr ganz bis dorthin zu laufen, sondern unser Zelt etwas früher aufzuschlagen. Hier erreichen uns noch die letzten warmen Sonnenstrahlen des Tages.

Der Boden ist mit großen weißen Flechtenpolstern bedeckt, die sich unter unseren Füßen weich und federnd anfühlen. Ein perfekter Platz für unser Zelt. Direkt vor uns rauscht der Gletscherfluss durch das Tal. Ein paar Mücken leisten uns beim Abendessen Gesellschaft, doch es hält sich in Grenzen. Und kaum verschwindet die Sonne hinter den Bergen, erledigt sich auch dieses Problem von selbst. Allerdings wird es innerhalb kürzester Zeit bitterkalt. Willkommen auf dem Massiv Trail.

Massiv Trail Tag 2: Schlamm, Schnee und norwegischer Sommer

1 km before Fivlemyrane See bis Storevatnet
23,8 km / 1.360 hm / 8,5 h

Am nächsten Morgen führt uns der Trail zunächst weiter durch das Tal. Bei einem Wasserkraftwerk zwingt uns eine Umleitung vom eigentlichen Weg. Wegen möglicher Sprengungen ist der direkte Durchgang gesperrt und stattdessen schlagen wir uns durch sumpfiges Gelände, während unter uns eine breite Schotterstraße verläuft. Glatt, eben und wunderbar einfach sieht sie von hier oben aus. Als wir sie endlich erreichen, fühlt sich das Laufen beinahe absurd leicht an. Keine Felsen, auf denen jeder Schritt sorgfältig platziert werden muss. Kein Schlamm, dessen Tiefe wir vorher abschätzen müssen. Keine Steinmännchen, nach denen wir Ausschau halten müssen. Einfach einen Fuß vor den anderen setzen und den Kopf ausschalten. Fast hätte ich vergessen, wie sich das anfühlt. Himmlisch.

Für jene, die den Massiv Trail von Hütte zu Hütte gehen, ist das ein langer, anstrengender erster Tag: Zwar nur 24 km, aber mit 1.690 Höhenmetern. Ich denke darüber nach, wie sich das anfühlen muss, am Ende des Tages vor diesem matschigen PUD (pointless up and down) zu stehen, und kann mir vorstellen, dass es Flüche und vielleicht sogar Tränen hervorruft. Das Schild, das vor dem Wasserkraftwerk steht, spricht jedenfalls Bände: „In case of injury, chafing/blisters, late arrival or similar issues, please call for transportation to Nørdstedalseter (available until 22:30)“ Ich bin jedenfalls froh, dass wir das Zelt dabei haben und es demnach genauso flexibel angehen können, wie wir es brauchen.

Über die Schotterstraße erreichen wir schließlich die Nørdstedalseter-Hütte. Einen DNT-Schlüssel bekommen wir auch hier nicht, dafür gibt es Waffeln und Tee. Noch besser ist allerdings die warme, gemütliche Stube und ein Platz direkt am Feuer. Nach der Kälte draußen fällt es schwer, wieder aufzustehen. Hier lernen wir Solveig kennen, eine Norwegerin, die gerade ihren Master in Meeresbiologie in Australien abgeschlossen hat und nun ihre Ferien in der Heimat verbringt. Sie hat sich gestern am Knöchel verletzt und ruht sich heute Vormittag aus. Sie bestätigt meine Vermutung wie hart es gewesen sein muss, sich gestern Abend nach einem ohnehin langen Tag noch diesem PUD gegenüberzusehen.

Irgendwann müssen wir trotzdem weiter. Vor der Hütte liegen Schafe im Gras, während wir noch eine Weile der Schotterstraße folgen. Doch natürlich hält der Luxus nicht lange an. Bald zweigt der Massiv Trail wieder auf einen schmalen, matschigen und sumpfigen Pfad ab. Immerhin verwöhnt uns Norwegen heute mit gleich drei Brücken. Wir fühlen uns beinahe ein wenig verhätschelt.

Dann geht es bergauf. Und weiter bergauf. Und noch ein bisschen bergauf. Ein leichter Nieselregen setzt ein, doch beim Aufstieg wird uns trotzdem warm. Eine Schicht nach der anderen verschwindet im Rucksack. Ryan schafft es sogar, sich trotz der niedrigen Temperaturen komplett vollzuschwitzen. Wie er das macht, ist mir ein Rätsel. Der Mann ist ein Hochofen. Dass er weit und breit der Einzige ist, der hier in Shorts herumläuft, dürfte einiges erklären.

Während ich durch den nächsten Sumpf stapfe, beginne ich, über die verschiedenen Arten von Schlamm nachzudenken. Es gibt den eher festen, bei dem der Schuh nur ein wenig einsinkt. Und dann gibt es jene Stellen, deren Oberfläche genauso harmlos aussieht, bis der Fuß plötzlich knöcheltief darin verschwindet. Welche Variante man erwischt hat, erfährt man erst, wenn man drauftritt. Eigentlich ist es wie Postholing im Schnee, nur mit Schlamm. Mudholing?

Für unsere Mittagspause finden wir einen großen Felsen, der uns zumindest etwas vor dem kalten Wind schützt. Lange sitzen bleiben können wir trotzdem nicht, denn sobald wir aufhören, uns zu bewegen, kriecht die Kälte schnell zurück in den Körper.

Kurz darauf kommen uns zwei Wanderinnen entgegen: Lizette und Iris aus den Niederlanden. Auch sie sind auf dem Massiv Trail unterwegs. „It’s cold“, stellt Ryan fest. „It’s Norway!“, antworten die beiden nüchtern. Nun ja. Stimmt auch wieder.

Die Landschaft wird zunehmend alpiner. Vor uns liegt ein wunderschöner Bergsee, dahinter erhebt sich ein teilweise vergletscherter Berg. Direkt am Ufer entdecken wir kleine Höhlen im Eis. Es ist mein Lieblingsblick des Tages.

Wenig später landen wir allerdings wieder mitten in einem Labyrinth aus Felsblöcken und unser Tempo bricht erneut ein. Wir orientieren uns an den Steinmännchen mit ihren roten Ts, doch selbst das ist nicht immer so einfach, wie es klingt. Manchmal stehen die Markierungen oben auf einem großen Felsen, damit sie schon aus der Entfernung sichtbar sind. Das bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass der Weg tatsächlich über diesen Felsen führt. Was wir manchmal erst herausfinden, nachdem wir hinaufgeklettert sind.

Bei der nächsten Flussquerung haben wir dafür mehr Glück. Dieses Mal schaffen wir es tatsächlich mit trockenen Füßen auf die andere Seite – wenn auch nur, indem wir an einem Felsen entlangkraxeln. Inzwischen fällt etwas Schnee. Kleine, harte Körner treiben durch die Luft. Es ist Anfang September.

Von einer Anhöhe sehen wir tief unter uns einen großen See, den Storevatnet. Dahinter ragen hohe, vergletscherte Gipfel auf. Auf den dunklen Felsen liegt eine dünne Schicht frischen Schnees, als hätte jemand sie mit Puderzucker bestäubt. Unser Ziel liegt dort unten. Was auf den ersten Blick erfreulich nah aussieht, entpuppt sich allerdings als ziemlich langer Weg. Der Trail zieht in einem weiten Bogen um die Landschaft herum, und langsam werden meine Beine wieder schwer.

Ich schalte auf Autopilot. Von Steinmännchen zu Steinmännchen, um Pfützen herum, durch Schlamm hindurch und über Felsen hinweg. Nebenbei spielen wir wieder irgendwelche Spiele, um den Kopf zu beschäftigen. Dabei versuche ich, den Trail nicht zu verlieren. Manchmal verliert der Trail allerdings mich.

Unterwegs treffen wir noch einen deutschen Massiv-Trail-Wanderer. Er läuft in die entgegengesetzte Richtung und hat damit den größten Teil seiner Tour bereits hinter sich. Es sei hart gewesen, erzählt er uns. Vor allem das Wetter. Nach dem, was ich in den vergangenen Wochen in der Vorhersage gesehen habe, glaube ich ihm das sofort.

Ein letzter Anstieg wartet noch auf uns. Dann taucht endlich wieder der See auf und wir erkennen die Staumauer sowie eine Schotterstraße, auf der zwei Camper stehen. Kurz davor finden wir einen ebenen Platz für unser Zelt. Für heute reicht es. Wir kriechen in die warmen Schlafsäcke und füllen anschließend auch unsere Mägen mit warmem Essen.

Damit könnte der Tag eigentlich friedlich enden. Stattdessen macht es plötzlich laut „Pfffft!“ und Ryan entdeckt ein großes Loch in seiner Isomatte. Seit Neuestem benutzt er seinen Essensbeutel als Kopfkissen, um das Gewicht eines richtigen Kissens zu sparen. Irgendetwas darin hat sich nun durch den Beutel direkt in die Matte gebohrt. Die Möglichkeit, dass genau das passieren könnte, hatte ich übrigens kurz zuvor erwähnt. Dass wir müde sind, trägt auch nicht gerade zur Effizienz der Reparatur bei: Der erste Reparaturversuch misslingt, beim zweiten hält der Flicken zumindest fürs Erste.

Massiv Trail Tag 3: Endspurt durch Breheimen

Storevatnet bis Sognefjellshytta
6,9 km / 300 hm / 2 h

Um sieben Uhr morgens ziehen Lizette und Iris an unserem Zelt vorbei. Wenig später kommt Lizette allerdings wieder in die andere Richtung zurück. Offenbar hat sie etwas verloren.

Auch wir haben es heute Morgen eilig. Vor uns liegt ein ungewöhnlicher Abschnitt des Massiv Trails: Die offizielle Route führt über den Fannaråkbreen. Wer den Gletscher selbstständig überqueren möchte, braucht entsprechende Erfahrung und Ausrüstung wie Seil und Steigeisen, was wohl die wenigsten für eine gerade einmal 45-minütige Gletscherquerung über den gesamten Trail mitschleppen. Für die meisten Massiv-Trail-Wanderer ist daher die geführte Gletscherquerung die naheliegende Option. Sie startet zu einer festen Uhrzeit am Gletscherrand und muss im Voraus gebucht werden.

Genau an dieser Buchung mangelt es uns allerdings noch. Eigentlich wollte ich mich gestern Abend darum kümmern, doch an unserem Zeltplatz gab es keinen Empfang. Also wollen wir so schnell wie möglich zur Sognefjellshytta. Dort gibt es hoffentlich Empfang und eine Möglichkeit, noch zwei Plätze für die heutige Führung zu bekommen.

Zunächst müssen wir allerdings noch den letzten Anstieg durch Breheimen hinter uns bringen. Während der ersten halben Stunde werden wir von Mücken begleitet, die sich vor allem für Ryan interessieren. Mich lassen sie weitgehend in Ruhe. Dafür versenke ich meinen linken Fuß so tief im Schlamm, dass ich kurz fürchte, meinen Schuh darin zurückzulassen.

Ansonsten meint es der Trail heute überraschend gut mit uns. Noch immer liegen zahlreiche kleine Seen zwischen den Bergen, doch der Weg ist deutlich einfacher zu laufen als an den vergangenen beiden Tagen. Keine endlosen Blockfelder, kein ständiges Balancieren von Fels zu Fels. Wir kommen endlich wieder schneller voran.

Schließlich taucht vor uns die Sognefjellshytta auf. Nach zwei Tagen in den Bergen stehen wir plötzlich wieder an einer Straße. Drinnen ist es warm und gemütlich. Wir erkundigen uns sofort nach der Gletscherwanderung. Direkt buchen können wir sie hier zwar nicht, aber wir bekommen eine Telefonnummer. Ein Anruf später steht fest: Wir können mit.

Normalerweise sollte man die Tour offenbar zwei Tage vorher über die Website des DNT reservieren. Unsere spontane Variante funktioniert zum Glück trotzdem. Bis zum Treffpunkt am Rand des Fannaråkbreen sind es allerdings noch sechs Kilometer und um 12:30 Uhr müssen wir dort sein. Am liebsten würden wir uns hinsetzen und erst einmal eine Weile bleiben, gerne mit Waffeln, aber dazu bleibt keine Zeit. Also verlassen wir die warme Hütte schon wieder und machen uns auf den Weg.

Damit endet für uns nach gut zwei Tagen der erste Abschnitt des Massiv Trails durch Breheimen. Vor uns liegt Jotunheimen und wenn alles nach Plan läuft, zunächst einmal ein Gletscher.

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Die Weltwanderin

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Annika

Ich bin verliebt in die Welt, ihre Berge und das Abenteuer. Auf Fernwanderungen wie dem Te Araroa, PCT und CDT habe ich inzwischen über 16.000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Wandern bedeutet für mich Freiheit, Glück und ein Leben im Hier und Jetzt. Hier teile ich meine Abenteuer aus der ganzen Welt.

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Bevor sich Weltwanderin voll auf Thru-Hiking fokussierte, habe ich auch über meine Reisen und alpinen Bergsport geschrieben. Diese Artikel findet ihr hier: