Liqeni i Zemrës

Peaks of the Balkans: Durch die verfluchten Berge des Balkans

Der Teufel soll sie erschaffen haben, doch für uns sind sie ein Wanderparadies: die „verfluchten Berge“ im Dreiländereck zwischen Albanien, Kosovo und Montenegro. Hier führt der rund 190 Kilometer lange Peaks of the Balkans Trail durch schroffe Gebirgslandschaften, grüne Täler und abgelegene Bergdörfer. Wir verlängern die Runde um mehrere Gipfelabstecher und kommen am Ende auf 263 Kilometer. Unterwegs erwarten uns nicht nur spektakuläre Landschaften und wechselhaftes Herbstwetter, sondern herzliche Begegnungen mit den freundlichen Menschen der Region und zahlreiche Hunde, die sich uns bereitwillig anschließen. Einen vierbeinigen Wanderbegleiter gibt es hier offenbar schon für ein paar Streicheleinheiten und etwas Erdnussbutter.

Dieser grenzüberschreitende Trail ist etwas Besonderes: Die Region war historisch ein zusammenhängender Lebens- und Wirtschaftsraum. Die heutigen Staatsgrenzen haben traditionelle Handelsbeziehungen und familiäre Verbindungen teilweise zerschnitten. Der Peaks of the Balkans Trail wurde nicht nur geschaffen, um Wanderern die Bergwelt des Prokletije zugänglich zu machen. Die Route soll auch den Tourismus in der wirtschaftlich schwachen Region fördern und zur Verständigung zwischen den drei Ländern beitragen.

Anreise

Als Rundwanderweg lässt sich der Peaks of the Balkans Trail an verschiedenen Orten beginnen. Für uns bietet sich Theth als Ausgangspunkt an, da wir von München direkt nach Tirana fliegen können und von dort über Shkodër weiterreisen.

Am Morgen fällt in unserer Unterkunft in Shkodër der Strom aus. Wie wir später erfahren, ist gleich der ganze Häuserblock betroffen. Auf der Straße läuft bereits ein Generator, der ein Restaurant mit Strom versorgt. Offenbar ist man solche Ausfälle hier gewohnt.

Um 7:30 Uhr steigen wir in den Bus nach Theth. Die Fahrt führt uns aus Shkodër hinaus und immer weiter hinein in die Albanischen Alpen. Unterwegs fallen mir erstaunlich viele Anhalter auf, darunter auch ältere Menschen, die ordentlich gekleidet am Straßenrand stehen. Angesichts der Spritpreise wundert mich das allerdings kaum: Ein Liter kostet hier umgerechnet etwa 2,15 Euro, fast so viel wie in München. Für ein Land mit einem wesentlich niedrigeren Einkommensniveau erscheint mir das absurd teuer.

Wir passieren zahlreiche verlassene Autowaschanlagen und das Gefängnis von Reç, dessen Mauern mit allerlei Motivationssprüchen über zweite Chancen geschmückt sind. Ein wenig „Live, Laugh, Love“ für Gefängnisinsassen. Je weiter wir in die Berge kommen, desto schmaler werden die Straßen. Gelegentlich müssen wir uns die Fahrbahn mit Hirten und ihren Schafen oder Kühen teilen.

Unser Bus hat etwas Verspätung, sehr zum Missfallen mindestens einer deutschen Mitreisenden. Als wir in Theth ankommen und unsere Rucksäcke schultern, ist es bereits nach 10 Uhr.

Peaks of the Balkans Tag 1: Über den Valbona-Pass in die verfluchten Berge

Theth → Valbona-Pass → Valbona
19 km / 1290 hm / 6 h

Im Ort herrscht reger Betrieb und wir haben es ziemlich eilig, dem Trubel zu entkommen. Mittlerweile ist es ordentlich warm geworden, doch ein Großteil des Aufstiegs führt durch schattigen Wald. Der Valbona-Pass gehört zu den beliebtesten Wanderzielen der Region, und entsprechend viele Tageswanderer sind unterwegs. Aber nach dem Trubel der Städte ist selbst ein gut besuchter Wanderweg eine willkommene Abwechslung.

Entlang des Aufstiegs gibt es immer wieder kleine Cafés, die zu einer Pause bei Kaffee oder kalten Getränken einladen. Zunächst ignorieren wir sie, doch beim letzten vor dem Pass können wir nicht widerstehen und bestellen zwei Colas. Wenn ich bei warmem Wetter wandere, entwickelt mein Körper ein geradezu unstillbares Verlangen nach zuckersüßen Getränken mit Kohlensäure. Und nichts befriedigt dieses Bedürfnis so zuverlässig wie eine Cola.

Während unseres Aufstiegs kommt Ryan mit verschiedenen US-Amerikanern ins Gespräch. Darunter ist eine ältere Mormonin aus Montana, die in der Nähe des Glacier-Nationalparks wohnt. Schwester Fisher verbringt anderthalb Jahre auf Mission in Albanien und kümmert sich hier um die Fahrzeugkoordination. Außerdem treffen wir eine Gruppe aus Indiana. Als Ryan erzählt, dass wir in München wohnen, berichtet einer der Männer, dass er eigentlich lieber zum Oktoberfest gefahren wäre, das gerade stattfindet. Er wurde jedoch vom Rest der Gruppe überstimmt. Ich kann die anderen verstehen.

Neben den vielen Wanderern begegnen uns auch zahlreiche Hunde, auf der Suche nach Streicheleinheiten und vermutlich auch nach etwas Essbarem. Ersteres können wir ihnen bieten. Einer der Hunde schließt sich uns sogar an und begleitet uns ein Stück den Berg hinauf.

Wir erreichen den Valbona-Pass, auf dem eine große albanische Flagge im Wind weht. Der schwarze Doppeladler auf blutrotem Grund wirkt auf mich ziemlich martialisch. Mit seinen ausgebreiteten Flügeln und scharfen Krallen könnte ich mir dieses Symbol gut auf einem mittelalterlichen Schlachtfeld vorstellen. Tatsächlich geht die Flagge auf den albanischen Nationalhelden Skanderbeg zurück, der im 15. Jahrhundert den Widerstand gegen das Osmanische Reich anführte und den schwarzen Doppeladler auf rotem Grund als Wappen führte. Als Albanien 1912 seine Unabhängigkeit erklärte, griff man das historische Symbol wieder auf. Von hier blicken wir auf die Täler von Valbona und Theth sowie auf den höchsten Gipfel des Prokletije, die 2.694 Meter hohe Jezerca. Schon lange bevor die ersten Wanderer hier unterwegs waren, nutzten die Bewohner der beiden Täler den Pass, um Waren auszutauschen.

Am Aussichtspunkt oberhalb des Passes liegen gleich drei Hunde mitten auf dem Weg, schlafend. Dass ständig Menschen über sie hinwegsteigen müssen, scheint sie nicht im Geringsten zu interessieren. So entspannte Hunde sind sogar mir sympathisch.

Hinter dem Pass wird es zunächst deutlich ruhiger. Endlich lassen wir die lautstarken Tageswanderer hinter uns, von denen einige ihre Umgebung mit Musik aus Lautsprechern beschallen. Der Weg führt unterhalb einer beeindruckenden, steil aufragenden Felswand entlang. Hier höre ich sogar wieder Vögel zwitschern. So hatte ich mir das vorgestellt.

Beim Abstieg in Richtung Valbona nimmt der Betrieb allerdings wieder zu. An einem weiteren kleinen Café legen wir eine Pause ein. Hier werden Bier und Softdrinks ganz unkompliziert in wassergefüllten Trögen gekühlt. Wir gönnen uns noch eine Cola, bevor wir weiter ins Tal absteigen.

Dann erreichen wir eine breite Schotterstraße. Die meisten Wanderer legen die letzten sieben Kilometer nach Valbona mit einem Shuttle zurück. Entsprechend viele Kleinbusse überholen uns, einige mit viel zu hoher Geschwindigkeit, und hüllen uns dabei in Staubwolken, aber die Landschaft ist spektakulär. Rund um uns erheben sich gewaltige, schroffe Felsgipfel, die das Tal wie ein riesiger Kessel umschließen. Bei diesem Panorama lässt sich selbst eine staubige Schotterstraße gut ertragen. Die letzten vier Kilometer bis Valbona verlaufen auf Asphalt, aber es gibt einen separaten Fußgänger- und Fahrradweg.

Erst hier fällt mir auf, dass ich heute kaum etwas gegessen habe und mittlerweile ziemlich hungrig bin. Also marschieren wir zielstrebig auf ein Restaurant zu und setzen uns an einen Tisch. Eine Katze leistet uns Gesellschaft.

Wir fragen den Kellner nach einer Empfehlung. Er bietet an, uns sein persönliches Lieblingsgericht zuzubereiten: Byrek mit Zwiebeln und Käse. Was auf unseren Tellern landet, ist köstlich. Knuspriger, dünn geschichteter Teig, gefüllt mit Zwiebeln und einem salzigen, leicht krümeligen Käse, der an Feta erinnert. Der leicht säuerliche Käse bildet einen perfekten Kontrast zu den reichhaltigen Zwiebeln und dem Buttergeschmack des Teigs. Eine Art albanische Pizza, wenn man so will. Ich bin kulinarisch ziemlich anspruchslos. Gebt mir etwas Einfaches und Herzhaftes, und ich bin zufrieden.

Sobald die Sonne hinter den Bergen verschwindet, wird es empfindlich kalt. Wir ziehen deshalb vom Außenbereich ins Restaurant um, wo bereits ein großes Feuer im Kamin brennt. Der Kellner trägt gewaltige, meterlange Holzpfosten auf der Schulter hinein und legt sie ins Feuer.

Während wir uns aufwärmen, stellen wir fest, dass die Sonne hier bereits gegen 18:30 Uhr untergeht. Viel Zeit bleibt uns also nicht mehr, um noch ein paar Kilometer auf dem nächsten Aufstieg zurückzulegen. Wir sind allerdings keine großen Freunde von Übernachtungen in Ortschaften, also schultern wir nach dem Essen wieder unsere Rucksäcke und machen uns auf den Weg.

Wir gehen noch ein Stück bergauf, bis wir einen geeigneten Platz für unser Zelt entdecken, und schlagen unser Nachtlager auf. Hinter uns liegt ein langer erster Wandertag, der uns von den geschäftigen Straßen Theths über einen belebten Bergpass bis ins eindrucksvolle Valbona-Tal geführt hat. Endlich sind wir wieder draußen, haben alles dabei, was wir brauchen, und können morgen einfach weiterlaufen. Das Leben ist schön.

 

Peaks of the Balkans Tag 2: Durststrecke und ein vierbeiniger Begleiter

Valbona → Prosllopit-Pass → Borit-Pass → Çeremi → Aljuci-Pass
21 km / 2.000 hm / 8 h

Die Nacht war kalt, und auch am Morgen ist es noch ziemlich frisch. Wir starten um 8:15 Uhr, dick eingepackt in mehrere Kleidungsschichten. Doch kaum erreichen uns die ersten Sonnenstrahlen, wird es so warm, dass wir eine Schicht nach der anderen wieder ausziehen.

Heute nehmen wir die alternative Route über den Prosllopit-Pass, die uns einige zusätzliche Höhenmeter beschert. Gleich zu Beginn geht es steil bergauf und wir haben unsere Wasservorräte nicht besonders gut geplant, denn auf dem gesamten Aufstieg ist absolut kein Tropfen zu finden. Auch in der sogenannten „Eishöhle“, die auch im Sommer mit Schnee gefüllt sein soll, ist alles trocken. Immerhin führt der erste Teil des Weges größtenteils durch Wald, was uns Schatten spendet. Sobald wir wieder in der Sonne unterwegs sind, macht sich der Durst zunehmend bemerkbar.

Wir gelangen in eine beeindruckende Karstlandschaft, aus der sich die 2.534 Meter hohe Zla Kolata erhebt, der höchste Berg Montenegros. Am Prosllopit-Pass überschreiten wir das erste Mal kurzzeitig die Grenze nach Montenegro. Von hier könnte man auch den Gipfel mit rund 500 zusätzlichen Höhenmetern besteigen. Doch angesichts unserer inzwischen leeren Wasserflaschen kommt das für uns heute nicht infrage.

Die nächste Wasserquelle soll sich erst hinter einem weiteren Pass befinden, etwa drei Kilometer entfernt. Dazwischen erwartet uns eine kurze Kraxelpassage, bevor wir auf einem vergleichsweise einfachen Weg wieder bergauf steigen. Zahlreiche Tageswanderer auf dem Weg zum Gipfel kommen uns von der anderen Seite entgegen.

Kurz vor dem nächsten Pass entdecken wir mitten im Nirgendwo einen Jungen und seine Mutter, die Getränke, Blaubeeren und Schmuck verkaufen. Was für ein Anblick! Wir sind heilfroh, die beiden zu sehen, und kaufen uns eine Cola.

Hier begegnet uns außerdem ein Hund, der offenbar beschlossen hat, sich uns anzuschließen. Wir erreichen den Qafa-Borit-Pass und überqueren damit erneut die Grenze nach Albanien. Dahinter soll sich endlich die ersehnte Wasserquelle befinden. Doch zunächst ist davon weit und breit nichts zu sehen. Laut meiner Karte müssten wir sie bereits passiert haben, und langsam kommen Zweifel auf, ob die Quelle überhaupt existiert. Dann entdecken wir doch noch ein kleines Rohr, aus dem Wasser fließt. Was für ein wunderbarer Anblick!

Der Wasserfluss ist zwar ziemlich dürftig, aber er ist vorhanden. Es dauert eine ganze Weile, bis wir sämtliche Flaschen aufgefüllt und auch selbst ausgiebig getrunken haben. Der Hund ist immer noch bei uns. Sein helles, weizenfarbenes Fell erinnert mich an Weetabix, die britischen Frühstücksflocken, und so bekommt er kurzerhand diesen Namen.

Die Überlebensstrategie der hiesigen herumstreunenden Berghunde scheint ziemlich einfach zu sein: Man schließt sich vorbeikommenden Wanderern an und hofft darauf, dass gelegentlich etwas Essbares abfällt. Wer sich spendabel zeigt, darf sich dafür über mehrstündige vierbeinige Gesellschaft freuen. Wir sind offenbar geeignete Kandidaten. Weetabix bekommt etwas Aufschnitt, den wir aus Deutschland mitgebracht haben, und einen Löffel Erdnussbutter. Damit scheint unsere Trail-Freundschaft besiegelt.

Gemeinsam steigen wir durch den Wald ab und legen eine Mittagspause ein. Dabei stellt sich heraus, dass Weetabix eigene Vorstellungen davon hat, wie unsere Lebensmittel verteilt werden sollten. Mehrmals muss ich laut „Jo!“ rufen, das albanische Wort für „Nein“, wenn er allzu aufdringlich wird. Er versteht schnell und wartet anschließend geduldig auf den nächsten Löffel Erdnussbutter.

Wir wandern weiter bergab bis nach Çeremi, wo gleich zwei Männer versuchen, uns für ihre Gästehäuser zu gewinnen. Doch für uns ist es noch viel zu früh, um den Wandertag zu beenden. Wir lehnen freundlich ab und laufen weiter.

An einem Fluss im Wald legen wir einen kurzen Stopp ein, um unsere Wasservorräte erneut aufzufüllen. In diesem Moment kommt ein anderes Wanderpaar den Weg hinunter in Richtung Dorf. Weetabix bleibt stehen und scheint seine Möglichkeiten sorgfältig abzuwägen. Bei welchen Wanderern sind die Aussichten auf weitere Leckereien wohl besser?

Schließlich fällt seine Entscheidung zugunsten der Neuankömmlinge aus. Ohne große Abschiedszeremonie schließt er sich ihnen an und lässt uns zurück. Ich kann es ihm nicht verdenken. Auf uns wartet wieder ein steiler Aufstieg. Am Ende gibt es eine kleine Bar, in der wir uns mit einer Runde Softdrinks versorgen können. Dabei probieren wir zum ersten Mal Bravo-Pfirsichsaft, der ausgezeichnet schmeckt.

Anschließend folgen wir einer Schotterstraße, deren deutlich angenehmere Steigung eine willkommene Abwechslung ist. Dabei überqueren wir erneut die Grenze nach Montenegro. Ein schmaler Pfad zweigt in den Wald ab und es geht wieder ordentlich bergauf. Nach einer Weile wird das Gelände endlich flacher und an einer Quelle füllen wir noch einmal unsere Wasserflaschen auf. Wir wandern den letzten Kilometer bis zu einem ebenen Platz, der sich gut zum Zelten eignet.

Kaum verschwindet die Sonne hinter den Bergen, wird es bitterkalt. Nach über 2.000 Höhenmetern Aufstieg und einem langen Tag zwischen Pässen, Wäldern und Karstlandschaften sind wir froh, endlich in unsere Schlafsäcke kriechen zu können.

Peaks of the Balkans Tag 3: Ein Abstecher auf den höchsten Berg des Kosovo

Aljuci-Pass → Dobërdol → Ali Peja-Pass → Gjeravica → Ali Peja-Pass
23,4 km / 1.455 hm / 7,5 h

Auch die Nacht war eisig und als wir morgens aus dem Zelt kriechen, sind der Boden und unsere Zeltwände von einer dünnen Frostschicht überzogen. Das ist der Preis dafür, im Oktober in den Bergen unterwegs zu sein.

Ryan erzählt mir, dass er nachts eine „big scary creature“ gehört habe, die schnüffelnd und grunzend um unser Zelt geschlichen sei. Zwar gibt es in den Albanischen Alpen auch Bären, aber ein hungriger Hund erscheint mir doch wesentlich wahrscheinlicher.

Heute kommen wir zunächst schnell voran. Die ersten zehn Kilometer sind angenehm zu wandern, lediglich kurz vor Dobërdol erwartet uns ein steiler Anstieg. Schon bald erreichen wir die kleine Bergsiedlung, die idyllischer kaum liegen könnte. Zwischen den Häusern streifen Schafe mit besonders dickem, zotteligem Fell umher, kleine Bäche plätschern durch das Tal und ringsum erheben sich die Berge. Es ist wunderbar ruhig und friedlich.

Für heute haben wir uns noch etwas Besonderes vorgenommen: einen Abstecher auf die Gjeravica, mit 2.656 Metern der höchste Berg des Kosovo. Schon der Aufstieg aus Dobërdol ist wunderschön. Die Berghänge leuchten in kräftigen Rottönen, überzogen von herbstlich verfärbten Sträuchern. Mit jedem Höhenmeter öffnet sich der Blick weiter über das Tal.

Der letzte Abschnitt zum Ali Peja-Pass ist ziemlich steil. Doch oben angekommen, eröffnet sich uns auf der anderen Seite eine fantastische Aussicht: Vor uns breitet sich eine weite Berglandschaft aus, über der sich bereits unser heutiges Gipfelziel erhebt. Gleichzeitig überschreiten wir die Grenze zum Kosovo.

Kurz darauf finden wir einen geeigneten Platz für unser Zelt, unweit der Abzweigung zur Via Dinarica, über die wir morgen wieder auf den Peaks of the Balkans Trail zurückkehren wollen. Hier richten wir unser Basislager ein.

Nach einer Mittagspause lassen wir einen Großteil unserer Ausrüstung im Zelt zurück. Nur unsere Lebensmittel nehmen wir vorsichtshalber mit. Schließlich möchten wir nicht, dass sich während unserer Abwesenheit neugierige Hunde oder gar Bären an unseren Vorräten bedienen.

Der Weg zum Gipfel ist wunderschön und den zusätzlichen Aufwand definitiv wert. Meist führt er mit moderater Steigung an den Berghängen entlang, allerdings mit ständigem Auf und Ab. Während die sonnenbeschienenen Hänge in warmen Herbstfarben leuchten, sind die schattigen Bereiche noch immer von Frost überzogen. Lange Spinnfäden schweben durch die Luft, die von Spinnen stammen, die sich mithilfe ihrer Seidenfäden vom Wind forttragen lassen, um neue Lebensräume zu besiedeln. Dieses Phänomen nennt sich Ballooning und ist besonders im Spätsommer zu beobachten. Daher auch der Begriff „Altweibersommer“, da die Fäden an graues Haar erinnern.

Heute sind wir bisher kaum jemandem begegnet. Erst an einem glitzernden Bergsee treffen wir auf eine französische Wandergruppe, die gerade vom Gipfel zurückkommt. Hier füllen wir an einem Bach noch einmal unsere Wasserflaschen auf, bevor wir den nächsten Anstieg in Angriff nehmen.

In angenehmen Serpentinen geht es hinauf zum nächsten Pass. Dahinter folgt eine weitere kleine Senke, bevor der letzte Anstieg beginnt. Die letzten Meter zur 2.656 Meter hohen Gjeravica sind noch einmal richtig steil. An einigen Hängen liegt sogar noch etwas Schnee.

Oben angekommen werden wir mit einer großartigen Aussicht belohnt. Die umliegenden Berge erstrecken sich bis zum Horizont, und das warme Herbstlicht taucht die Landschaft in eine ganz besondere Stimmung. Ich liebe es, im Herbst zu wandern. Das Licht hat zu dieser Jahreszeit einfach etwas, das sich nur schwer beschreiben lässt.

Auf dem Gipfel treffen wir eine weitere Wandergruppe. Wir fotografieren einander vor der Bergkulisse und kommen kurz ins Gespräch. Die anderen müssen heute noch den gesamten Weg zurück nach Dobërdol laufen. Angesichts der fortgeschrittenen Stunde vermute ich, dass sie die letzten Kilometer im Schein ihrer Stirnlampen zurücklegen werden.

Wir machen uns auf den Rückweg zu unserem Basislager. An dem Bach unterhalb des Bergsees füllen wir erneut unsere Wasserflaschen auf, für die Nacht und den nächsten Morgen. Während wir zurückwandern, verschwindet die Sonne langsam hinter den Bergen und kaum liegen die Hänge im Schatten, wird es wieder empfindlich kalt.

Wir erreichen unser Zelt gerade noch rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit. Während wir uns für die Nacht einrichten, zieht die Wandergruppe vom Gipfel an uns vorbei. Sie haben noch ein gutes Stück Weg vor sich.

Peaks of the Balkans Tag 4: Am Dreiländereck von Albanien, Kosovo und Montenegro

Ali Peja-Pass → Tromedja → Roshkodol-Pass → Zavoj-Pass → Jelenka-Pass → Rugova
27,5 km / 940 hm / 8,5 h

Die vergangene Nacht war die bisher wärmste auf unserer Herbstwanderung auf dem Peaks of the Balkans Trail. Trotzdem habe ich nicht besonders gut geschlafen. Meine Hüften schmerzen, weshalb ich mich die ganze Nacht wie ein Brathähnchen am Spieß von einer Seite auf die andere drehe. Zwischendurch versuche ich es auf dem Bauch, doch dabei schlafen mir regelmäßig die Hände ein.

Ryan hat derweil ganz andere Probleme. Seiner Meinung nach ist der Boden auf seiner Zeltseite zu abschüssig. Mitten in der Nacht hat er genug und zieht kurzerhand nach draußen um, wo er unter freiem Himmel weiterschläft.

Am Morgen werden wir vom Sonnenaufgang begrüßt. Die ersten Sonnenstrahlen erreichen unser Zelt und wärmen uns angenehm auf. Nach den ersten zwei frostigen Morgen ist das eine willkommene Abwechslung. So lässt es sich doch gleich viel leichter in den Tag starten.

Zunächst steigen wir zum Trekufiri auf, auch Tromeđa genannt, wo die Grenzen von Albanien, Kosovo und Montenegro aufeinandertreffen. Für diesen kurzen Abstecher haben wir freiwillig ein paar zusätzliche Höhenmeter in Kauf genommen. Ob wir uns angesichts dessen, was uns heute noch erwartet, wieder so entscheiden würden?

Wir folgen dem Bergrücken bergab und bleiben nun für die nächsten Tage im Kosovo. Unterwegs begegnen wir einer Frau, die in die entgegengesetzte Richtung wandert und gleich zwei Berghunde im Schlepptau hat. Sie muss eine Menge Erdnussbutter dabeihaben.

Etwas später passieren wir einen Betonmischer und einen Bagger, die hier oben offenbar an etwas arbeiten. Was genau entstehen soll, ist nicht ersichtlich. Vielleicht ein Verkaufsstand, an dem es Bravo-Pfirsichgetränke gibt.

Wir kommen auch an einer Gedenkstätte für einen Dichter vorbei, der 1997 während des Krieges in dieser Region ums Leben gekommen sein soll. Es ist ein seltsamer Gedanke, dass an einem so wunderschönen Ort vor nicht allzu langer Zeit so viel Leid und Gewalt herrschten.

Nach einem weiteren Anstieg finden wir einen schönen Platz für unsere Mittagspause. Heute haben wir beide besonders großen Hunger und lassen uns unsere Wraps mit Salami und Schafskäse schmecken. Leider sind damit auch die letzten Vorräte von beidem aufgebraucht.

Während wir weiterwandern, entdecken wir einen beeindruckenden Greifvogel, den ich allerdings nicht bestimmen kann. Außerdem beobachten wir einen großen Vogelschwarm, dessen Mitglieder scheinbar chaotisch durcheinanderfliegen und dabei doch perfekt aufeinander abgestimmt sind. In einem Baum entdecken wir einen weiteren auffälligen Vogel mit glänzend schwarz-weißem Gefieder, der hoch oben auf einem Ast sitzt und uns beobachtet.

Wir steigen ab und stoßen auf eine weitere Quelle, an der Wasser aus einem Rohr fließt. Nach unserer Durststrecke am Prosllopit-Pass vor zwei Tagen sind wir bei der Wasserversorgung inzwischen etwas paranoid geworden. Wir trinken jeder erst einmal einen ganzen Liter und füllen anschließend sämtliche Flaschen auf. Diesen Fehler wollen wir nicht noch einmal machen.

Danach geht es weiter wie bisher: bergauf, bergab, ein Snack, bergauf, bergab. Büsche zerkratzen unsere Beine, und zwischendurch müssen wir anhalten, um Kletten aus unseren Socken zu ziehen. Wir bleiben auf dem Grenzgrat zwischen Montenegro und Kosovo, folgen ihm über den Zavoj- und den Jelenka-Pass und umgehen damit die Ortschaft Milishevc.

Beim finalen langen Abstieg überholen wir drei Frauen mit einem niedlichen Berghund. Er beschließt, sich uns anzuschließen, stellt aber schnell fest, dass wir offenbar nicht seinen Vorstellungen von einem angemessenen Wandertempo entsprechen. Höflich überholt er uns beide und saust den Berg allein hinunter. Der Pfad ist steil, matschig und teilweise zugewachsen und unsere Knie melden sich lautstark zu Wort.

Heute entdecken wir außerdem erstaunlich viele Hinterlassenschaften von Tieren, in allen erdenklichen Formen und Größen. Von den dazugehörigen Tieren fehlt allerdings jede Spur. Abgesehen von den Vögeln und den allgegenwärtigen Hunden bekommen wir kaum etwas zu Gesicht.

Der Weg geht in eine steile, steinige Schotterpiste über, an deren Rand erschreckend viel Müll liegt. Anschließend folgt noch ein steiler Waldpfad. Unsere Knie finden das alles wenig erfreulich.

Mittlerweile fantasieren wir vom Abendessen auf dem Campingplatz, den wir für heute angepeilt haben. Dann entdecken wir ein Schild: nur noch 800 Meter! Endlich erreichen wir den Campingplatz, gerade noch rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit. Halleluja!

Wir treffen auf Blendy und erklären ihm, dass wir gerne zelten und duschen würden. Duschen gibt es leider nicht. Na gut. Wie steht’s mit Essen? Dann spricht Blendy die zwei Worte aus, die wir nach diesem langen Wandertag am allerwenigsten hören wollen: „Kitchen closed.“ Eine Tragödie.

Immerhin können wir ihm noch zwei Dosen Fanta abkaufen. Drei Euro kosten die beiden Getränke, weitere fünf Euro der Zeltplatz. Blendy zeigt uns alles: die Steckdose, an der wir über Nacht unsere Powerbanks aufladen können, die Toilette und die große Wiese, auf der wir unser Zelt aufstellen können. Einfach, aber zweckmäßig.

Es gibt Nudeln mit Erdnusssauce aus unserer eigenen Campingküche, dazu die heiß ersehnten Fantas. Und nachdem meine Knie eine Weile Pause hatten, fühlen sie sich auch wieder normal an. Ende gut, alles gut.

Peaks of the Balkans Tag 5: Straßenkilometer und ein Hund namens Peanut

Rugova → Rekë e Allagës → Qafa e Hajles → Drelaj → Dugaivë → Pushimore Tini
23,6 km / 1.360 hm / 6,5 h

Heute steht uns vorwiegend Road Walking bevor. Zunächst folgen wir 1,6 Kilometer der Hauptstraße. An einer Abzweigung kommen drei bellende Hunde auf uns zugerannt. Für einen Moment bekomme ich es mit der Angst zu tun, doch die drei stellen sich als freundlich heraus.

Ein Autofahrer hält neben uns an und bietet uns mit einem breiten Lächeln an, uns mitzunehmen, aber wir lehnen dankend ab. Die nächsten vier Kilometer führen uns auf einer Nebenstraße bergauf nach Rekë e Allagës. Sie verläuft durch eine Schlucht, in die offenbar den ganzen Tag kaum Sonnenlicht fällt. Entsprechend kalt ist es hier.

Entlang des Weges zeigt sich der Herbst in all seinen Facetten. Vertrocknete Farne stehen neben krokusähnlichen Blüten, Grashüpfer springen durchs Gras und die Blätter leuchten in warmen Herbstfarben.

Weniger erfreulich ist der allgegenwärtige Müll. Am Straßenrand und im Fluss liegen Bier- und Getränkedosen, Chipstüten, Einweg-Kaffeebecher, Fast-Food-Verpackungen, Plastikflaschen, Schuhe, Kleidungsstücke und sogar leere CD-Hüllen sowie Farb- und Öldosen. Es scheint kaum etwas zu geben, das hier nicht einfach in der Natur entsorgt wird.

Unterwegs entdecken wir einen kurzen Abstecher zu einem Wasserfall, der durch eine kleine Schlucht führt. Natürlich lassen wir uns das nicht entgehen. Am Wasserfall scherze ich, dass Ryan hier endlich seine ersehnte Dusche bekommen könnte. Er nimmt mich beim Wort und stellt sich tatsächlich unter das eiskalte Wasser. Unsere drei neuen Hundefreunde folgen uns zunächst, doch zwei von ihnen verlieren auf halber Strecke das Interesse und drehen um. Der dritte bleibt bei uns. Er ist angenehm: kein Bellen, kein Betteln, kein aufdringliches Verhalten. Er hält respektvoll Abstand und begleitet uns einfach. Selbst ich habe nichts gegen seine Gesellschaft und Ryan ist längst verliebt.

Hinter der kleinen Ortschaft Rekë e Allagës verlassen wir endlich die Straße. Ein steiler Pfad führt uns durch den Wald bergauf. Die Bäume spenden angenehmen Schatten, was den Aufstieg trotz der Steigung recht angenehm macht. Am Waldrand öffnet sich die Landschaft, und über uns erhebt sich die Felswand des Hajla.

Am höchsten Punkt legen wir unter einem Unterstand eine Pause ein und überlegen, wie wir weitergehen wollen. Wir könnten noch einen Abstecher auf den Berg unternehmen oder weiter dem Trail folgen. Wir entscheiden uns für Letzteres. Zusätzliche Gipfel müssen heute nicht unbedingt sein. Ein etwas entspannterer Tag kommt uns gerade recht.

Wir folgen einer Schotterstraße bergab und begegnen einigen Hirten mit ihren Schafen. Wir grüßen sie freundlich, woraufhin sie etwas erwidern, das wir leider nicht verstehen. Also lächeln wir einfach, und sie lächeln zurück. Unterwegs entdecken wir kleine rote und gelbe Pflaumen, kaum größer als Murmeln, aber unglaublich lecker.

Unser vierbeiniger Begleiter ist noch immer bei uns und hat inzwischen einen Namen: Peanut, denn er teilt Ryans Vorliebe für Erdnussbutter. Dieser versorgt den Hund großzügig damit, wobei regelmäßig etwas davon in seinem Bart hängen bleibt. Er ist ein freundlicher Hund mit etwas zerzaustem Fell und von einem seiner Ohren fehlt etwa die Hälfte, weshalb eines immer aufrecht steht, während das andere herunterhängt. Gemeinsam steigen wir durch den Wald nach Drelaj ab. Unterwegs stellen wir fest, dass Peanut bei seiner Wasserversorgung etwas andere Prioritäten setzt als wir. Klares Wasser scheint ihn nicht zu interessieren. Stattdessen trinkt er mit Vorliebe aus den schlammigsten Pfützen, die er finden kann.

Ab Drelaj folgt ein Abschnitt, den viele Wanderer überspringen und stattdessen mit einem Shuttle zum Hotel Guri i Kuq fahren. Der Grund ist einfach: Der Weg verläuft ausschließlich auf Straßen. Wir entscheiden uns trotzdem dafür, die gesamte Strecke zu Fuß zurückzulegen. Denn wir wollen den Trail vollständig wandern. Besonders reizvoll ist dieser Abschnitt allerdings nicht, denn wieder begleiten uns große Mengen Müll. Die Straße führt durch eine weitere Schlucht, in der sich warme und empfindlich kalte Abschnitte abwechseln.

Auf der anderen Seite des fast ausgetrockneten Flussbetts neben der Straße entdecken wir einen Picknicktisch, versteckt im Dickicht von Bäumen und Sträuchern. Perfekt für eine Mittagspause. Peanut bekommt etwas Erdnussbutter und ein paar Löffel von unserem Mittagessen. Damit scheint er zufrieden zu sein. Anschließend geht es weiter auf der Straße, aber langsam haben wir genug davon.

Unser nächstes Ziel ist eine kleine Siedlung, in der es beim Sun Castle Getränkeautomaten geben soll. Nach den vielen Straßenkilometern freuen wir uns auf eine Cola oder Fanta. Doch als wir endlich ankommen, folgt zunächst eine Enttäuschung: Der erste Automat hat keine mehr. Aber dann entdecken wir kurz darauf einen zweiten Automaten, der vollständig bestückt ist. Hier treffen wir auch Andy aus Österreich, der den Peaks of the Balkans Trail in entgegengesetzter Richtung wandert.

Etwa einen Kilometer weiter soll es bei einem Restaurant die Möglichkeit geben, zu zelten. Da die Gegend stark von Privatgrundstücken geprägt ist, gestaltet sich die Suche nach einem geeigneten Wildzeltplatz schwierig. Um wieder in unbesiedeltes Gelände zu gelangen, müssten wir noch ein gutes Stück weiterwandern und dann erneut bergauf steigen.

Also beschließen wir, den Tag hier zu beenden. Auch Andy taucht wieder auf und bleibt hier. Und das Beste: Im Restaurant gibt es sogar Abendessen. Wir kommen ins Gespräch mit dem Besitzer und erfahren, dass seine Schwester in New Jersey lebt. Er mag die USA, und wir unterhalten uns darüber, wie teuer das Leben dort inzwischen geworden ist. Er erwähnt auch den Kosovo-Krieg. Sein Blick schweift dabei in die Ferne, und ich frage mich, welche traumatischen Erlebnisse wohl damit verknüpft sein mögen. Nachfragen möchte ich nicht. Der Cousin des Besitzers, der für uns kocht, spricht Deutsch, was in der Gegend recht verbreitet ist, was vor allem an der jahrzehntelangen Arbeitsmigration nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz liegt. Während der Jugoslawienkriege kamen zudem viele Geflüchtete aus dem Kosovo in den deutschsprachigen Raum.

Während wir essen, kommt ein weiterer Mann herein, bestellt ein Bier und beginnt eine offenbar ziemlich hitzige Diskussion mit unseren Gastgebern. Worum es geht, verstehen wir nicht. Schließlich verlässt er das Restaurant und steigt in sein Auto. Ryan fragt sich, ob es hier eigentlich Gesetze gegen Alkohol am Steuer gäbe. „Bestimmt“, antworte ich. „Aber wer soll sie hier draußen kontrollieren?“

Unsere Gastgeber bieten uns noch Bier und Schnaps an, doch wir lehnen dankend ab, bezahlen und machen uns auf den Weg zu unserem Zeltplatz. Andy scheint dem Angebot gegenüber etwas aufgeschlossener zu sein.

Draußen wartet Peanut bereits auf uns und als er uns wiedersieht, freut er sich überschwänglich. Vielleicht hatte er schon befürchtet, dass wir ihn zurückgelassen hätten. Wir schlagen unser Zelt auf der Wiese gegenüber dem Restaurant auf und Peanut legt sich vor unserem Zelt auf Ryans Tyvek zur Ruhe. Offenbar haben wir für heute einen weiteren Mitbewohner.

Peaks of the Balkans Tag 6: Wolken, Regen und der nächste Hund

Pushimore Tini → Kuqishtë → Hotel Guri i Kuq → Jelenka-Pass → Babino Polje → Hridsko Jezero
29,8 km / 1.870 hm / 8,5 h

Die vergangene Nacht war die bisher wärmste auf unserer Wanderung. Zum ersten Mal ist mir im Schlafsack sogar so warm, dass ich meine Daunenjacke ausziehen muss. Besonders erholsam ist die Nacht trotzdem nicht. Peanut weckt uns gleich dreimal mit lautem Gebell, weil er offenbar etwas gehört oder gesehen hat. Was genau, werden wir wohl nie erfahren. Die beiden ziemlich furchteinflößenden Hunde, die in einem Zwinger in der Nähe untergebracht sind, stimmen jedenfalls jedes Mal begeistert mit ein.

Am Morgen ist Peanut dafür umso verschmuster. Wir verabschieden uns von unserem Gastgeber und bitten ihn noch um Wasser. Statt unsere Flaschen aufzufüllen, bringt er uns Wasserflaschen für jeweils einen Euro. Wenigstens müssen wir uns keine Gedanken um die Verunreinigungen machen.

Dann machen wir uns auf den Weg. Zunächst geht es noch ein paar Kilometer bergab zur Hauptstraße, wo wir Peanut gestern aufgelesen haben. Auf der anderen Seite beginnt direkt der nächste Anstieg, zunächst auf Asphalt in Richtung Hotel Guri i Kuq. Unterwegs entfernt sich Peanut, um die Umgebung zu erkunden, und dieses Mal kommt er nicht zurück. Offenbar ist unsere gemeinsame Wanderung damit beendet.

Am Hotel gönne ich mir die Cola, die ich gestern am Getränkeautomaten gekauft und für heute aufgehoben habe. Gerade verlassen zwei andere Wanderer ihre Unterkunft, um ebenfalls in den Tag zu starten. Wenig später kommen wir auf dem Weg miteinander ins Gespräch. Die beiden stammen aus Israel und wandern ebenfalls den Peaks of the Balkans Trail. Allerdings haben sie ihre Runde in Plav in Montenegro begonnen und sind deshalb schon fast am Ende ihrer Wanderung angelangt.

Wir unterhalten uns über alles Mögliche, vom Wandern übers Essen bis zu den Kriegen in der Region. Besonders bemerkenswert finde ich, wie beiläufig die beiden davon erzählen, dass in der Nähe ihres Wohnortes gelegentlich Raketen einschlagen und sie Schutz suchen müssen. Ich vermute, dass selbst solche außergewöhnlichen Umstände zu einer Art Normalität werden, wenn man lange genug mit ihnen lebt.

Der Weg führt uns steil bergauf, und ich schwitze mehr als an allen bisherigen Tagen auf dem Peaks of the Balkans Trail. Dabei ist es heute gar nicht besonders warm. Im Gegenteil: Der Himmel ist bedeckt, und die Temperaturen sind eher kühl. Allerdings ist die Luft extrem feucht. Für morgen ist schlechtes Wetter angekündigt, möglicherweise mit Gewittern. Schon heute habe ich das Gefühl, dass sich etwas zusammenbraut.

Wir erreichen einen grünen Bergsee, an dem wir eine kurze Pause einlegen. Ich nutze die Gelegenheit, um unseren Kochtopf auszuwaschen. Doch sobald wir stehen bleiben, wird uns kalt, also ziehen wir bald weiter.

Unser nächstes Ziel ist der Jelenka-Pass, den wir bereits vor zwei Tagen aus der entgegengesetzten Richtung überquert haben. Damals konnten wir die umliegende Berglandschaft noch in ihrer ganzen Pracht bewundern. Heute verschwinden die Gipfel dagegen in dichten Wolken. Ich bin froh, dass wir die Aussicht wenigstens beim ersten Mal genießen konnten.

Als wir den Wald erreichen, beginnt es zu regnen. Immerhin haben wir damit ein gutes Timing erwischt, denn die Bäume bieten uns etwas Schutz. Ich erinnere mich an einen Unterstand am Zavoj-Pass und hoffe, dass wir dort unsere Mittagspause verbringen können. Doch als wir ankommen, pfeift ein unangenehm kalter Wind durch die offene Konstruktion und treibt den Regen einfach hindurch. Von Schutz kann keine Rede sein. Also laufen wir weiter bergab in Richtung Babino Polje und überqueren dabei erneut die Grenze nach Montenegro.

Mittlerweile stecken wir vollständig in den Wolken. An einer Weggabelung nehmen wir versehentlich die falsche Abzweigung, bemerken unseren Fehler aber rechtzeitig und kehren um. Wir steigen weiter ab, bis wir unter die Wolkendecke gelangen und die ersten Häuser von Babino Polje unter uns erkennen können.

Kurz darauf verlaufen wir uns erneut. Dieses Mal bemerken wir den Fehler allerdings erst, als wir schon ein gutes Stück abgestiegen sind. Den steilen Weg wieder hinaufzulaufen, erscheint uns wenig verlockend. Also entscheiden wir uns für einen Umweg. Aber die Sache hat auch etwas Gutes: Unterwegs entdecken wir einen Feuersalamander, schwarz mit leuchtend gelben Flecken. Ich habe noch nie zuvor einen gesehen und freue mich entsprechend über die Begegnung. Dafür hat sich der Umweg gelohnt.

Schließlich erreichen wir einen Fluss, den wir überqueren, bevor uns ein kurzer, steiler und ziemlich zugewachsener Pfad auf die Schotterstraße führt, die uns nach Babino Polje bringt. Beim ersten Gästehaus, an dem wir vorbeikommen, läuft uns ein junger Hund entgegen und beschließt kurzerhand, uns zu begleiten. Dieses Mal ist es eine cremefarbene Hündin mit langen Beinen und großen Pfoten, in die sie offensichtlich erst noch hineinwachsen muss. Gelegentlich stolpert sie sogar über ihre eigenen Füße. Ziemlich niedlich.

Es regnet weiterhin immer wieder, doch meistens sind wir unter Bäumen unterwegs, sodass ich meine Regenjacke nicht einmal auspacken muss. Eigentlich haben wir vor, heute im Samel’s Guesthouse oberhalb der kleinen Siedlung zu übernachten. Wir haben Gutes darüber gehört und möchten uns angesichts der schlechten Wettervorhersage für morgen einen Ruhetag gönnen. Außerdem wäre eine Dusche inzwischen dringend nötig.

Also folgen wir der angenehm ansteigenden Schotterstraße weiter bergauf. Unsere neue Begleiterin ist nach wie vor dabei. Selbst als wir einer Gruppe begegnen, die sie offenbar kennt und überschwänglich begrüßt, bleibt sie bei uns. Ich versuche, ihr zu erklären, dass es dort, wo wir hingehen, nichts für sie gibt. Im Dorf hätte sie vermutlich bessere Chancen auf etwas zu essen und einen trockenen Schlafplatz. Doch meine Argumente scheinen sie wenig zu beeindrucken.

Als wir schließlich das Gästehaus erreichen, bin ich begeistert. Die Aussicht auf das herbstlich gefärbte Tal, über dem die Wolken hängen, ist wunderschön. Dazu kommen zwei entzückende Katzen, eine dreifarbige und eine schwarze, die mich schnurrend begrüßen. Hier könnte ich es gut aushalten. Leider hat das Gästehaus heute geschlossen.

Da es sich um die letzte Unterkunft von Babino Polje handelt, müssen wir umplanen. Umdrehen wollen wir nicht und das Wetter hält sich bislang noch einigermaßen, also beschließen wir, weiter bergauf zu einem See zu wandern und dort zu zelten. Morgen könnten wir dann eine kürzere Etappe nach Plav zurücklegen und uns dort ein Zimmer nehmen. Der weitere Weg führt größtenteils durch Wald und über Schotterstraßen. Das sollte selbst bei schlechtem Wetter machbar sein.

Also schultern wir wieder unsere Rucksäcke und folgen der Fahrstraße bergauf. Unterwegs werden wir von einigen ziemlich großen Hunden angebellt, die auch unserer kleinen Begleiterin offenbar nicht ganz geheuer sind. Doch sie bleibt tapfer bei uns. Die Fahrstraße geht in einen Waldpfad über, der uns bis zum Hridsko Jezero führt. Hier finden wir einen geeigneten Platz und schlagen unser Zelt auf.

Kaum sind wir fertig, beginnt es kräftig zu regnen. Unsere kleine Begleiterin darf deshalb unter dem Vorzelt Schutz suchen. Ryan hat ihr ein Bett aus seiner Tyvek-Unterlage zurechtgemacht. Sie ist zunächst etwas skeptisch und scheint mit dem ungewohnten Luxus wenig anfangen zu können. Lieber legt sie sich direkt auf den Boden. Na gut. Ryan kümmert sich rührend um sie. Es ist erstaunlich, wie schnell er sich an diese Hunde gewöhnt und wie sehr ihm ihr Wohlergehen am Herzen liegt. Die Strategie der Berghunde, sich wandernden Menschen anzuschließen, scheint bei ihm jedenfalls hervorragend zu funktionieren.

Während der Nacht regnet es immer wieder heftig und die Hündin nimmt nun auch ein Nest aus Ryans Tyvek und Regenjacke dankend in Anspruch. Auch ein leichtes Gewitter zieht über uns hinweg, aber wir sind alle im Trockenen.

Peaks of the Balkans Tag 7: Vom Bergidyll ins Stadtchaos

Hridsko Jezero → Katun Treskavička → Plav
14,5 km / 160 hm / 4 h

Unsere neue vierbeinige Begleiterin hat inzwischen einen Namen bekommen: Tortilla. Wir benennen unsere Hunde einfach nach dem, was wir ihnen zu fressen geben. In der Nacht hat sie sich jedenfalls vorbildlich benommen. Abgesehen von gelegentlichem Rascheln und Herumtrippeln rund um unser Zelt hat sie die meiste Zeit geschlafen.

Regen klopft leise auf unser Zelt, Nebelschwaden ziehen über den See und die gesamte Landschaft ist in ein sattes, nasses Grün getaucht. Aber wir haben heute nur eine kurze Etappe vor uns. Zunächst müssen wir noch ein kleines Stück bergauf. Der Weg führt uns über einige größere Felsblöcke, zwischen denen wir uns hindurchmanövrieren, und anschließend durch den Wald zu einem Sattel. Dort öffnet sich die Landschaft, und während sich die Wolken langsam verziehen, kommen die umliegenden Gipfel zum Vorschein.

Von hier an geht es praktisch nur noch bergab. Sobald ich Handyempfang habe, buche ich uns eine Unterkunft in Plav. Also für zwei von uns.

Das Wetter entwickelt sich derweil besser als erwartet. Der Regen hört auf, und zwischendurch lässt sich sogar die Sonne blicken. Unterwegs passieren wir einen Schafpferch, neben dem ein riesiger Hirtenhund angekettet ist. Er nimmt seine Aufgabe offensichtlich sehr ernst und macht unmissverständlich klar, dass wir seinen Schafen nicht zu nahekommen sollen. Als wir ihn genauer betrachten, fällt uns auf, wie ähnlich er Tortilla sieht. Gleiche Fellfarbe, ähnlicher Körperbau, nur in deutlich größer. Offenbar bekommen wir hier eine Vorstellung davon, wie unsere kleine Begleiterin einmal aussehen könnte, wenn sie ausgewachsen ist.

Ein Stück weiter kommen wir an einem Gästehaus vorbei, aus dem uns laute, fröhliche Popmusik entgegenschallt. Eine Frau entdeckt uns und ruft uns begeistert zu, wir sollten doch hereinkommen. Es gäbe Kuchen! Da lassen wir uns natürlich nicht zweimal bitten. Wir setzen uns auf die Terrasse und bekommen gleich mehrere Stücke selbst gebackenen Kuchen serviert, dazu eine köstliche Marmelade aus saisonalen Früchten. Außerdem gibt es Fanta und Kaffee. Während wir essen, genießen wir die Aussicht und die wenigen Sonnenstrahlen, die sich inzwischen durch die Wolken kämpfen.

Unsere Gastgeberin ist ausgesprochen gesprächig und freut sich sichtlich über unseren Besuch. Wir seien heute ihre ersten Gäste. Begeistert zeigt sie uns Fotos ihrer Familie und erzählt uns allerlei Dinge, von denen wir allerdings nur einen Bruchteil verstehen. Sie spricht kaum Englisch, aber das scheint niemanden besonders zu stören.

Wir setzen unseren Abstieg fort und bald öffnet sich vor uns der erste Blick auf Plav und den See. Als wir die ersten Häuser von Plav erreichen, ist es mit der Ruhe allerdings schlagartig vorbei. Auf der Hauptstraße in den Ort findet heute ein Markt statt. Überall drängen sich Menschen zwischen Autos und Verkaufsständen. Auf den Gehwegen sind Waren aller Art ausgebreitet, Fahrzeuge schieben sich hupend durch die Menge, und die Luft ist voller Abgase. Dazu kommen weitere Hunde.

Nach den stillen Tagen in den Bergen ist das ein ziemlicher Kontrast. Tortilla ist von dem Trubel ebenso überfordert wie wir. Ich schalte auf meine bewährte Strategie um: möglichst zügig durch und raus aus dem Chaos. Dabei verlieren wir Tortilla aus den Augen, aber wir hätten sie ohnehin nicht mit in unsere Unterkunft nehmen können.

Unsere Unterkunft finden wir in einer der ruhigeren Straßen. Wie so oft handelt es sich um ein Privathaus ohne erkennbare Beschilderung, aber der Besitzer entdeckt uns bereits von seinem Friseursalon aus und begrüßt uns freundlich.

Endlich können wir duschen, was nach einer Woche Wandern dringend nötig ist. Dann machen wir uns auf die Suche nach etwas zu essen. Inzwischen ist es auf den Straßen etwas ruhiger geworden, auch wenn noch immer viele Autos unterwegs sind und ständig gehupt wird.

Zunächst erledigen wir unseren Resupply in den örtlichen Supermärkten. Plav ist der einzige Ort auf dem Peaks of the Balkans Trail mit Supermärkten. Unterwegs begegnen uns Katzen und noch mehr Hunde. Anschließend steuern wir ein Restaurant an, das uns wegen seiner Kohlrouladen aufgefallen ist. Die schmecken hervorragend, und auch unser Kellner ist sehr nett.

Und dann entdecken wir Tortilla wieder! Offenbar hat ihr jemand Essensreste gegeben. Sie scheint inzwischen wieder ganz in ihrem Element zu sein und sich auf das Leben als Straßenhund eingestellt zu haben. Wir kaufen ihr zwei Dosen Hundefutter, die sie begeistert verschlingt. Leider müssen wir sie anschließend vor unserer Unterkunft zurücklassen. Sie winselt, als wir hineingehen, und das macht die Sache nicht gerade leichter, aber wir können sie nun einmal nicht mitnehmen.

Den Rest des Nachmittags verbringen wir in unserer Unterkunft. Wir lassen unsere Wäsche waschen, hängen sie auf und genießen es, zur Abwechslung einmal nicht laufen zu müssen. Am Abend machen wir uns erneut auf den Weg, um Ćevapi-Sandwiches zu holen.

Und wer sitzt noch immer vor unserer Unterkunft? Tortilla. Sie freut sich riesig, uns wiederzusehen, und begleitet uns direkt zum Restaurant, wo wir wieder sehr freundlich bedient werden. Während wir drinnen auf unser Essen warten, schaut sie von draußen durchs Fenster zu uns herein. Natürlich können wir da nicht anders, als ihr noch eine Dose Hundefutter zu kaufen.

Peaks of the Balkans Tag 8: Über aussichtsreiche Grate

Plav → Bajrak → Vrh Bora → Katun Grlata
15,8 km / 1.200 hm / 4,5 h

Am Morgen sind wir noch immer unschlüssig, ob wir eine weitere Nacht in Plav verbringen oder wieder aufbrechen sollen. Eigentlich hatten wir vor, das angekündigte schlechte Wetter in der Stadt auszusitzen. Doch als wir aus dem Fenster schauen, sehen wir blauen Himmel, weshalb die Lust aufs Wandern siegt. Wir beschließen, einfach loszugehen und zu schauen, wie weit wir kommen. Schließlich sind wir keine Stadtmenschen, sondern Bergmenschen.

Bevor wir aufbrechen, halten wir noch einmal nach Tortilla Ausschau. Doch von unserer kleinen Begleiterin fehlt jede Spur. Hoffentlich hat sie inzwischen andere Wanderer gefunden, denen sie sich anschließen kann.

Die ersten zehn Kilometer geht es auf Asphalt- und Schotterstraßen allmählich bergauf. Besonders aufregend ist das nicht, aber wir werden mit schönen Ausblicken auf Plav, den See und die umliegenden Berge belohnt.

Weniger erfreulich ist der Geruch meines frisch gewaschenen Shirts. Offenbar wurde unsere Wäsche mit einem besonders intensiv parfümierten Waschmittel gewaschen. Der penetrante Duft steigt mir bei jedem Schritt in die Nase und geht mir zunehmend auf die Nerven.

Entlang der Straße stehen immer wieder Bänke, die dazu einladen, eine Pause einzulegen. Wir lassen uns nicht lange bitten, setzen uns und ich gönne mir ein paar Schlucke von der Cola, die ich aus Plav mitgenommen habe.

Wir folgen einem schmalen Pfad durch den Wald. Die Bäume leuchten in kräftigen Rot- und Gelbtönen. Wenig später erreichen wir die offenen Weideflächen von Katun Paljivukaj, wo ein leerer Schafpferch, ein geschlossenes Café und ein als Toilette gekennzeichneter Holzverschlag stehen, der über einer Wasserquelle errichtet wurde.

Hinter der Alm beginnt ein steiler Anstieg zu einem Sattel und der anschließende Aufstieg zum Gipfel des Bajrak ist sogar noch steiler und bringt mich ordentlich ins Schnaufen. Oben werden wir dafür mit einer großartigen Aussicht belohnt. Auf der einen Seite blicken wir weit hinunter nach Plav und auf den See, auf der anderen erheben sich die schroffen, zerklüfteten Gipfel der Grbaja-Berge.

Obwohl die Sonne scheint, weht ein unangenehm kalter Wind. Also ziehen wir uns ein Stück zurück zu einigen Bäumen, wo wir etwas geschützter sitzen können und die Reste der Ćevapi-Sandwiches von gestern verputzen. Dazu haben wir noch etwas aus der Bäckerei in Plav mitgebracht, das aussieht wie ein Stapel kleiner Pfannkuchen. Was genau es ist, wissen wir nicht, aber es schmeckt hervorragend. Mit etwas Nutella oder Marmelade wäre es vermutlich noch besser.

Anschließend folgen wir dem Bergrücken weiter zum Vrh Bora. Besonders spannend ist der Blick zurück auf die Berge, durch die wir vor einigen Tagen gewandert sind. Wir erkennen deutlich den Prosllopit-Pass und die Zla Kolata. Dort waren wir bereits am zweiten Tag unterwegs, mussten den Aufstieg zum höchsten Gipfel Montenegros aber wegen Wassermangels ausfallen lassen. Morgen wollen wir einen neuen Versuch unternehmen, sofern das Wetter mitspielt.

Inzwischen ziehen immer mehr dunkle Wolken auf. Einige Sonnenstrahlen brechen hindurch und tauchen die schroffen Gipfel in ein dramatisches Licht. Die Landschaft sieht wunderschön aus, aber auch ein wenig bedrohlich. Es bleibt vorerst trocken, aber der kalte Wind erinnert uns daran, dass das Wetter jederzeit umschlagen könnte. Wir sind jedenfalls froh, dass wir uns heute Morgen fürs Weiterwandern entschieden haben. Selbst wenn uns noch ein ordentliches Unwetter erwarten sollte, haben sich die Ausblicke hier oben bereits gelohnt.

Wir folgen dem Grat bergab und kurz darauf erreichen wir die Weggabelung, an der der Abstecher zur Zla Kolata beginnt. Und direkt daneben entdecken wir einen nahezu perfekten Zeltplatz. Der Boden ist eben, einige Felsen bieten Schutz vor dem Wind, eine weitere Quelle befindet sich ganz in der Nähe, und die Aussicht ist großartig. Wasser, Windschutz, Aussicht und ein flacher Zeltplatz? Alle Wünsche erfüllt.

Direkt vor uns erhebt sich die mächtige Nordwand der Zla Kolata. Wenn das Wetter morgen ein ausreichend großes Zeitfenster bietet, wollen wir endlich auf ihren Gipfel steigen.

Wir machen es uns gemütlich und kaum liegen wir in unseren Schlafsäcken, beginnt es zu regnen. Aus dem anfänglichen Regen wird bald ein kräftiger Schauer, begleitet von Windböen, die unser Zelt ordentlich durchschütteln. Für solche Abende haben wir ein bewährtes Unterhaltungsprogramm: Filmabend im Zelt. Wir schauen einen Film, essen Chips und saure Fruchtgummiwürmer und hoffen, dass sich das Wetter bis morgen wieder beruhigt.

Peaks of the Balkans Tag 9: Zweite Chance für Zla Kolata

Katun Grlata → Prosllopit-Pass → Zla Kolata → Prosllopit-Pass → Vusanje
15,3 km / 800 hm / 5,5 h

Die ganze Nacht hat es geregnet, doch am Morgen entdecken wir zwischen den Wolken tatsächlich ein paar blaue Flecken am Himmel. Bis wir den Pass erreichen, haben sich die Wolken vielleicht verzogen.

Wir lassen unser Zelt stehen und nehmen nur das Nötigste für den Gipfelaufstieg zur Zla Kolata mit. Zunächst führt uns der Weg zu der Eishöhle, die wir uns dieses Mal genauer ansehen. Hier legen wir eine längere Pause ein, essen ein Sandwich mit Salami und Käse und warten darauf, dass die Wolken aufreißen. Wir versuchen es sogar mit einem Sonnentanz und für einen Moment scheint es tatsächlich etwas heller zu werden. Vielleicht funktioniert das ja?

Leider nicht. Stattdessen beginnt es zu regnen. Da uns vom Herumsitzen kalt wird, beschließen wir, trotzdem weiterzugehen. Der anschließende Aufstieg vom Pass ist sehr steil. Inzwischen regnet es kräftig, und die Wolken nehmen uns jede Aussicht. Ich frage mich ernsthaft, wozu Regenkleidung eigentlich gut sein soll, wenn am Ende trotzdem alles nass wird. Selbst unsere angeblich wasserdichten Handschuhe geben auf.

Immerhin bleiben die Felsen erstaunlich griffig. Obwohl sie nass und stellenweise ziemlich glatt aussehen, finden unsere Schuhe darauf guten Halt. Problematischer sind die erdigen Abschnitte, die sich inzwischen in rutschigen Matsch verwandelt haben.

So arbeiten wir uns Stück für Stück bergauf. Der Weg ist abwechslungsreich und erfordert immer wieder unsere Aufmerksamkeit. Bei schönem Wetter wäre das vermutlich eine fantastische Bergtour. Heute können wir nur erahnen, wie beeindruckend die Landschaft um uns herum sein muss.

Schließlich stehen wir tatsächlich auf dem Gipfel der Zla Kolata. Die Aussicht beschränkt sich jedoch auf ein 360-Grad-Panorama von Grau. Von den umliegenden Bergen ist absolut nichts zu erkennen. Ich hole die Cola hervor, die ich für diesen Moment aufgehoben habe, und trinke sie auf dem höchsten Punkt Montenegros. Ryan hat seine bereits gestern ausgetrunken, noch bevor wir Plav überhaupt richtig verlassen hatten. Impulskontrolle gehört nicht unbedingt zu seinen größten Stärken.

Lange halten wir uns auf dem Gipfel nicht auf. Dafür ist es zu nass und ungemütlich. Also machen wir uns wieder an den Abstieg. Wir haben unser Ziel erreicht und vielleicht wird uns diese Tour gerade wegen des miserablen Wetters besonders in Erinnerung bleiben. Type-2-Fun, würde ich sagen.

Der Abstieg verläuft problemlos. Die Felsen bieten weiterhin guten Halt, und solange wir auf den matschigen Abschnitten aufpassen, kommen wir gut voran. Kurz bevor wir unser Zelt erreichen, hört es sogar auf zu regnen.

Wir begegnen einer Gruppe von vier Wanderern, die gerade auf ihren Kochern warme Getränke zubereiten. Wir kommen ins Gespräch und tauschen unsere bisherigen Erlebnisse auf dem Peaks of the Balkans Trail aus. Auch sie haben sich unterwegs in einige der vielen Berghunde verliebt und mussten sich wieder von ihnen verabschieden. Offenbar sind wir mit diesem Problem nicht allein.

Wir verschwinden im Zelt und schälen uns aus unserer nassen Kleidung. Wir kochen uns eine Suppe und machen es uns in unseren Schlafsäcken gemütlich, während es draußen erneut beginnt zu regnen. Allerdings lässt sich die Feuchtigkeit kaum ignorieren. Selbst meine Daunenjacke hat etwas abbekommen, obwohl ich sie im Nyloflume-Beutel verstaut hatte.

Nun stehen wir vor einer Entscheidung: Sollen wir hierbleiben oder noch bis Vusanje absteigen? Die Vorstellung, in einem warmen Zimmer eines Guesthouses zu sitzen, heiß zu duschen und unsere gesamte Ausrüstung trocknen zu können, ist verlockend. Allerdings müssten wir dafür zunächst aus unseren warmen Schlafsäcken kriechen, die nassen Sachen anziehen, unser triefendes Zelt zusammenpacken und noch einmal mehrere Kilometer durch den Regen wandern. Unsere Motivation hält sich entsprechend in Grenzen.

Wir diskutieren eine Weile hin und her und entscheiden uns doch fürs Weiterlaufen. Wenn wir unsere Ausrüstung vor der nächsten Etappe einigermaßen trocken bekommen wollen, ist eine Unterkunft vermutlich die beste Lösung.

Also beginnt die unangenehmste Prozedur des Tages: die nassen Sachen wieder anziehen. Besonders schlimm finde ich meine kalten, nassen Socken. Aber ich habe nur ein trockenes Paar, und das möchte ich auf keinen Fall ebenfalls durchnässen. Meine Oberbekleidung habe ich gar nicht erst ausgezogen. Sie ist zwar feucht, aber durch die Körperwärme besteht zumindest die Chance, dass sie trocknet. Meine Leggings sind unter der Regenhose immerhin weitgehend trocken geblieben. Ryan dagegen hat sein nasses Shirt ausgezogen und muss es sich nun wieder überziehen. Besonders angenehm sieht das nicht aus.

Anschließend stopfen wir unser nasses Zelt in den Rucksack. Hoffentlich bekommen wir in Vusanje tatsächlich ein Zimmer. Das Zelt heute Abend noch einmal aufbauen zu müssen, wäre schlimmer, als einfach hier oben geblieben zu sein.

Der Abstieg ist überraschend einfach, denn der Boden nimmt das viele Regenwasser kaum auf, sodass es größtenteils den Weg hinunterfließt, ohne ihn rutschig zu machen. Doch schon bald beginnt es wieder kräftiger zu regnen. Wir stapfen bergab, während das Wasser an uns herunterläuft. Anfangs versuche ich noch, mich zusammenzureißen, aber mir ist kalt und ich bin nass.

Außerdem muss ich dringend pinkeln, aber dafür müsste ich anhalten, den Rucksack absetzen, meine Regenhose herunterziehen und meinen nackten Hintern dem strömenden Regen aussetzen. Manchmal ist die weibliche Anatomie beim Wandern wirklich unpraktisch. Also laufe ich weiter und beschwere mich ausgiebig über meine Situation.

Wir versuchen, uns mit dem Alphabetspiel abzulenken. Wir gehen verschiedene Kategorien durch und suchen zu jedem Buchstaben ein passendes Wort. Das funktioniert immerhin so gut, dass wir bis Vusanje zwei komplette Runden schaffen.

Als wir endlich Vusanje erreichen, steuern wir das nächstbeste Gästehaus an. Und tatsächlich: Sie haben ein Zimmer frei. Für 40 Euro pro Person bekommen wir eine Übernachtung inklusive Abendessen und Frühstück. Sogar ein eigenes Badezimmer gehört dazu. Ja, bitte! Ein Junge namens Adin, der vielleicht zwölf Jahre alt ist und gut Englisch spricht, übernimmt die Verhandlungen und zeigt uns unser Zimmer.

Kaum sind wir allein, beginnt die große Trockenlegungsaktion. Wir schälen uns aus unserer nassen Kleidung und verteilen anschließend unsere gesamte Ausrüstung im Zimmer. Kleidung, Schuhe, Zelt – alles wird aufgehängt, wo sich Platz findet. Innerhalb kürzester Zeit sieht der Raum aus wie eine Mischung aus Wäscherei und Ausrüstungslager.

Wir drehen die Heizung auf und verschwinden nacheinander unter der heißen Dusche. Was für ein Gefühl. Die Welt ist wieder in Ordnung.

Wenig später klopft Adin an unsere Tür und teilt uns mit, dass das Abendessen fertig ist. Wir gehen hinüber ins Haupthaus und stehen zunächst etwas unschlüssig herum, bis uns seine Mutter ins Wohnzimmer führt. Dort sitzt praktisch die gesamte Familie, mehrere Generationen, auf den Sofas. Zwei Fernseher laufen gleichzeitig, während die meisten auf ihre Handys schauen. Wir nehmen am Esstisch Platz, direkt neben dem Familiengeschehen. Ein bisschen seltsam fühlt sich das schon an.

Dann wird das Essen aufgetragen. Und zwar reichlich. Es gibt ein Reisgericht, Gurkensalat, große luftige Brötchen, Spaghetti, Fleischstücke, eingelegte gefüllte Paprika und Käse. Während wir essen, wird nebenan auf dem Herd Popcorn in einem Topf zubereitet, von dem alle etwas bekommen. Der Großvater fragt uns, woher wir kommen, doch die Verständigung gestaltet sich aufgrund der Sprachbarriere etwas schwierig.

Zum Abschluss bekommen wir Tee, der in winzigen Gläsern serviert wird. Dabei stehen zwei Kannen auf dem Tisch: eine mit starkem Tee und eine mit heißem Wasser, mit dem man ihn nach Belieben verdünnen kann. Wir bedanken uns und wünschen der Familie ein „Laku noć“ – gute Nacht.

Peaks of the Balkans Tag 10: Side Quest zur Jezerca

Vusanje → Vusanjski Zastan → Liqenet e Jezercës → Kar unterhalb Jezerca
13,7 km / 1.130 hm / 4,5 h

Heute lassen wir uns mit dem Aufbruch etwas Zeit, denn wir haben keine besonders lange Etappe vor uns. Die Nacht im Gästehaus hat sich jedenfalls gelohnt: Der Großteil unserer Ausrüstung ist inzwischen wieder trocken.

Zum Frühstück gehen wir noch einmal ins Haupthaus. Dieses Mal sitzen nur die beiden älteren Familienmitglieder im Wohnzimmer. Auf dem Tisch stehen Rührei, eine Nudelsuppe und die inzwischen vertrauten großen Brötchen mit verschiedenen Aufstrichen, dazu Tee.

Draußen erwartet uns ein bildschöner Morgen. Zwischen den Bergen ziehen Wolkenfetzen umher, während darüber blauer Himmel zu sehen ist und die Sonne scheint. Nach dem gestrigen Dauerregen ist das ein sehr willkommener Anblick.

Zunächst wollen wir uns den Grla-Wasserfall ansehen. Wir können ihn zwar deutlich hören, bekommen ihn aber leider nicht zu Gesicht. In der Nähe sitzt eine Gruppe Wanderer in einem Pavillon und breitet ihre nasse Ausrüstung zum Trocknen aus. Ich erinnere mich daran, dass wir gestern Abend im strömenden Regen an ihren Zelten vorbeigelaufen sind. Offenbar haben sie die Nacht dort verbracht und frühstücken jetzt gemütlich. Eine Katze versucht derweil, etwas von ihrem Essen abzubekommen, und natürlich möchte ich sie streicheln. Also gehe ich hinüber, begrüße die Wanderer und unterhalte mich ein wenig mit ihnen. Normalerweise bin ich kein großer Fan von Small Talk, aber wenn eine Katze involviert ist, mache ich gerne eine Ausnahme. Sowohl die Katze als auch das Gespräch erweisen sich als angenehm.

Anschließend folgen wir einer Schotterstraße aus Vusanje hinaus ins Ropojana-Tal. Es verdankt seine Form einem gewaltigen eiszeitlichen Gletscher, der sich einst vom Jezerca-Massiv bis nach Vusanje erstreckte. Mit einer Länge von rund zwölf Kilometern gehörte er zu den größten Gletschern der Region.

Ein kleiner Pfad zweigt zu einer weiteren Sehenswürdigkeit ab. Wir folgen dem schmalen Weg hinunter zum Bach und erreichen das Oko Skakavice, eine Karstquelle, deren Wasser in einem kleinen Becken von geradezu unwirklichem Blau schimmert. Das Wasser ist so klar, dass man bis auf den Grund sehen kann. Zusammen mit den leuchtenden Herbstfarben der umliegenden Bäume ergibt sich ein wunderschöner Anblick.

Hier begegnen wir einer niederländischen Familie mit zwei kleinen Kindern. Sie sind bereits seit Mitte August unterwegs und reisen mit ihrem Auto und einem Zelt durch die Gegend. Ein ziemlich großes Abenteuer mit zwei kleinen Kindern, finde ich.

Wenig später verlassen wir den eigentlichen Peaks of the Balkans Trail. Würden wir ihm weiter folgen, könnten wir unsere Rundwanderung heute bereits in Theth beenden. Doch wir haben noch etwas anderes vor: Wir wollen die Jezerca (2.694 m) besteigen, den höchsten Gipfel der Albanischen Alpen. Nachdem wir bereits auf der Gjeravica, dem höchsten Berg des Kosovo, und gestern auf der Zla Kolata, dem höchsten Berg Montenegros, standen, soll die Jezerca den Abschluss unserer kleinen Gipfelsammlung bilden. Allerdings gilt sie als die anspruchsvollste der drei Besteigungen.

Zunächst führt uns der Weg steiler durch einen hübschen Wald bergauf. Überall liegen moosbewachsene Felsen zwischen den Bäumen, deren Blätter in kräftigen Herbstfarben leuchten. Der Boden ist mit Laub bedeckt, das unsere Schritte angenehm dämpft.

Dann lichtet sich der Wald, wir überqueren erneut die Grenze nach Albanien und stehen vor einem gewaltigen Amphitheater aus Fels. Unter uns liegen kleine Bergseen, während sich vor uns das mächtige Massiv der Jezerca erhebt. Ihr Gipfel versteckt sich zwar in den Wolken, doch rechts von uns ragen die steilen Felswände der Maja e Bojës und der Maja e Kolajet auf. Immer wieder geben die Wolken den Blick auf ihre schroffen Gipfel frei. Wir entdecken auch unsere ersten Gämsen auf dieser Wanderung.

Der Weg führt uns weiter über eine Gletschermoräne und zu einer Quelle, die einen kleinen See speist. Hier füllen wir unsere Wasservorräte auf. Dabei entdecken wir winzige Bergmolche. Die kleinen Tiere sehen aus wie Miniaturausgaben ihrer erwachsenen Artgenossen.

Der letzte Abschnitt führt uns entlang eines Berghangs bergauf Richtung des Kars auf der Nordseite der Jezerca. Auch hier begegnen uns immer wieder dunkelgrau-marmorierte Bergmolche mit ihren leuchtend orangefarbenen Bäuchen. Wir müssen regelrecht aufpassen, wo wir hintreten, weil so viele der kleinen Tiere auf dem Weg unterwegs sind.

Auf einem felsigen Absatz finden wir eine ausreichend ebene Stelle für unser Zelt. Über uns erhebt sich die Jezerca, deren Gipfel weiterhin von Wolken umhüllt ist. Morgen wollen wir den Aufstieg versuchen und hoffen darauf, dass das Wetter mitspielt.

Peaks of the Balkans Tag 11: Der Winter naht

Kar unterhalb Jezerca → Leqeni i Pejës
7,2 km / 370 hm / 2,5 h

Als wir am Morgen aufwachen, stecken wir mitten in den Wolken. Von den umliegenden Bergen ist absolut nichts zu sehen und es sieht auch nicht danach aus, als würde sich das in absehbarer Zeit ändern.

Was die aufregenden Bergsteigerdokumentationen im Fernsehen oft nicht zeigen, ist das mitunter lange Herumliegen im Zelt, während man auf ein geeignetes Wetterfenster wartet. Genau damit verbringen wir heute unseren Vormittag. Wir beschließen, dem Wetter bis zwölf Uhr eine Chance zu geben. Vielleicht reißen die Wolken ja doch noch auf und ermöglichen uns den Aufstieg zur Jezerca.

Bis dahin hören wir Hörbücher, dösen zwischendurch immer wieder ein und essen dann zu Mittag. Doch draußen verändert sich nichts. Im Gegenteil: Es beginnt sogar leicht zu schneien. Damit ist die Entscheidung gefallen. Wir werden die Jezerca heute nicht besteigen.

Natürlich ist das schade, aber bei dieser Sicht wäre der Aufstieg ohnehin wenig reizvoll, und die Wetterbedingungen werden zunehmend ungemütlich. Trotzdem bereuen wir unseren Abstecher nicht. Allein die großartigen Ausblicke auf das gewaltige Felsmassiv und die umliegenden Gipfel gestern waren den zusätzlichen Weg wert. Ich würde die Alternativroute sogar dann empfehlen, wenn man überhaupt nicht vorhat, die Jezerca zu besteigen.

Also packen wir unsere Sachen zusammen und machen uns auf den Weg. Während wir zum nächsten Pass hinaufsteigen, empfängt uns ein eisiger Wind. Das Gras um uns herum ist mit einer dünnen Frostschicht überzogen, und die Landschaft wirkt plötzlich winterlich. Brrr. Noch immer hängen wir mitten in den Wolken und können kaum mehr als dreißig Meter weit sehen. Erst als wir auf ungefähr 1.800 Meter abgestiegen sind, lichtet sich der Nebel endlich und öffnet den Blick weit hinunter zum Talboden und auf die mächtigen Felswände auf der gegenüberliegenden Seite. Der Wind weht hier unten allerdings unangenehm kräftig.

Unterwegs begegnen wir einer Wanderin aus Finnland, die in die entgegengesetzte Richtung unterwegs ist. Sie möchte dorthin aufsteigen, wo wir gerade herkommen, und fragt nach geeigneten Zeltplätzen und Wasserquellen. Wir erzählen ihr von unserem Lagerplatz unterhalb der Jezerca. So schwer es bei diesem Wind auch zu glauben ist: Dort oben war es vollkommen windstill, weil die umliegenden Berge den Platz hervorragend abschirmen.

Da sie noch nicht weiß, wie weit sie heute kommen wird, geben wir ihr außerdem etwas von unserem Wasser ab. Eigentlich hatte sie vor, die Jezerca zu überschreiten und anschließend nach Valbona abzusteigen. Vielleicht hat sie morgen mehr Glück mit dem Wetter. Die Vorhersage verspricht zumindest bessere Sicht, allerdings auch eisige Temperaturen. Durch den Wind soll sich die Luft oben wie minus zehn Grad anfühlen. Uns ist es hier unten schon kalt genug.

Wir erreichen den Talboden und beginnen den Anstieg zum nächsten und zugleich letzten Pass auf dem Peaks of the Balkans Trail, der Qafa e Pejës. Unterwegs kommen wir an mehreren kleinen Betonbunkern vorbei, die zwischen den Felsen und Wiesen stehen. Sie stammen aus der Zeit der kommunistischen Diktatur unter Enver Hoxha. Zwischen den späten 1960er- und den 1980er-Jahren ließ er in ganz Albanien Hunderttausende solcher Bunker errichten. Sie sollten das Land gegen eine mögliche Invasion verteidigen, die jedoch nie stattfand.

Kurz vor dem letzten Pass erreichen wir den Leqeni i Pejës. In der Nähe des Sees entdecken wir zwischen einigen großen Felsen einen einigermaßen windgeschützten Platz für unser Zelt. Bei diesem Wetter können wir wohl kaum auf einen besseren Zeltplatz hoffen.

Es gibt in der Gegend noch einen weiteren interessanten Gipfel: die Maja e Arapit, deren gewaltige Südwand über uns aufragt. Rund 800 Meter fällt sie nahezu senkrecht ab und hat dem Berg unter westlichen Bergsteigern den Beinamen „Matterhorn Albaniens“ eingebracht. Die Einheimischen nennen ihn dagegen auch „den Dunklen“. Ein passender Name für einen Berg in den sogenannten verfluchten Bergen. Unterhalb der eindrucksvollen Felswand befindet sich außerdem die längste bekannte Höhle Albaniens. Sie erstreckt sich über rund 2.585 Meter und weist an einer Stelle einen Höhenunterschied von beeindruckenden 320 Metern auf.

Wenn das Wetter morgen mitspielt, wollen wir statt der Jezerca diesen Berg besteigen. Plan B also.

Peaks of the Balkans Tag 12: Ende mit Schleife

Leqeni i Pejës → Pejë-Pass → Theth → Zorzit → Theth
19,7 km / 1.180 hm / 7 h

Leider wird auch aus dieser Bergbesteigung nichts. Schon bei unserem Aufstieg zum Pass ist der eiskalte Wind so stark, dass ich kaum geradeaus laufen kann. Immer wieder werde ich von den Böen aus dem Gleichgewicht gebracht. Bei solchen Bedingungen über Felsen zu kraxeln, wäre schlichtweg gefährlich. Ich muss an den Glacier National Park auf dem Continental Divide Trail denken, wo ich bei extremem Wind zeitweise auf allen vieren kriechen musste, um nicht umgeweht zu werden. Eine Wiederholung brauche ich wirklich nicht.

Ich bin sehr enttäuscht. Mit der verpassten Jezerca-Besteigung konnte ich mich noch einigermaßen abfinden, weil wir mit dem Arapi einen vielversprechenden Plan B hatten. Dass nun auch dieser Gipfel ausfällt, ärgert mich deutlich mehr. Aber es hilft nichts. Bei diesem Wind ist an eine Besteigung nicht zu denken.

Also machen wir uns an den Abstieg. In scheinbar endlosen Serpentinen führt der Weg hinunter ins Tal, wo wir auf eine Schotterstraße treffen, die uns zurück nach Theth bringt. Unterwegs kommen uns immer wieder größere Wandergruppen auf dem Weg zum Pass entgegen. Noch lächeln sie, aber sie werden sich wundern, wie kalt und windig es dort oben ist. Sogar Andy begegnen wir wieder, dem Österreicher, den wir vor einigen Tagen im Kosovo kennengelernt haben. Mit seiner auffälligen Elefantenhose ist er kaum zu übersehen.

Je weiter wir absteigen, desto angenehmer wird das Wetter. Unten im Tal scheint die Sonne, es ist deutlich wärmer und der Wind hat spürbar nachgelassen. Kaum zu glauben, dass wir noch vor wenigen Stunden oben auf dem Pass kaum geradeaus laufen konnten.

Wir erreichen die Stelle, an der sich unsere Rundwanderung auf dem Peaks of the Balkans Trail schließt. Geschafft! Wir setzen uns in ein Café und stoßen mit einer Cola auf unsere erfolgreiche Wanderung an. Hinter uns liegen fast zwei Wochen in den Bergen Albaniens, Kosovos und Montenegros, zahlreiche Höhenmeter, viele Hunde und zwei zusätzliche Gipfelbesteigungen.

Dann suchen wir uns ein Restaurant zum Mittagessen. Das Hauptgericht kann uns zwar nicht besonders begeistern, dafür sind die verschiedenen Vorspeisen umso besser. Ich habe mich alleine daran bereits sattgegessen. Auch die Bedienung ist ausgesprochen freundlich.

Natürlich gibt es auch hier wieder tierische Gesellschaft: einen niedlichen Welpen und zwei Katzen. Die Katzen haben allerdings wenig Interesse daran, gestreichelt zu werden, und deutlich mehr an unserem Essen. Als ich ihnen etwas Fleisch abgebe, ist es mit der Zurückhaltung endgültig vorbei. Fortan sitzen sie neben uns und fordern lautstark Nachschub.

Während wir essen, überlegen wir, was wir mit dem restlichen Tag anfangen sollen. Für die Jezerca war das Wetter zu schlecht, für den Arapi der Wind zu stark. Aber inzwischen scheint die Sonne, und wir haben noch einige Stunden Tageslicht. Warum also nicht doch noch einen Gipfel mitnehmen? Wir beschließen, auf den Zorzit zu steigen, der oberhalb von Theth aufragt. Plan C sozusagen.

Als wir das Restaurant verlassen, schließt sich uns der kleine Hund an. Eine Weile wandert er fröhlich mit uns bergauf. Doch dann kommt uns eine Gruppe Wanderer mit einem weiteren Hund entgegen und unser Begleiter entscheidet spontan, dass diese Gesellschaft offenbar interessanter ist, und schließt sich ihnen an.

Der Weg führt steil und scheinbar endlos bergauf, und ich beginne, mich zu fragen, warum wir uns das nach den vergangenen zwölf Tagen eigentlich noch antun. Aber natürlich steigen wir trotzdem weiter.

Schließlich erreichen wir den Gipfel des Zorzit. Und dieses Mal werden wir tatsächlich mit einer Aussicht belohnt! Die tief stehende Sonne taucht die umliegenden Berge in warmes, goldenes Licht. Nach all den Wolken und dem Regen der vergangenen Tage ist das ein krönender Abschluss unserer Wanderung.

Kalt ist es hier oben zwar ebenfalls, aber der Wind weht längst nicht so heftig wie heute Morgen am Arapi. Wir genießen die Aussicht, bevor wir uns an den Abstieg machen, der auf dieser Seite sogar noch steiler sein soll als unser Aufstieg. Kaum vorstellbar, aber tatsächlich verlieren wir auf gerade einmal drei Kilometern mehr als 900 Höhenmeter. Inzwischen steht die Sonne schon ziemlich tief, und wir müssen uns beeilen, wenn wir Theth noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wollen.

Wir schaffen es rechtzeitig zurück nach Theth. Allerdings haben wir noch keine Unterkunft gebucht. Nach den vielen Entscheidungen der vergangenen Tage habe ich heute schlichtweg keine Lust mehr gehabt, mich auch noch durch die verschiedenen Gästehäuser zu arbeiten.

Also stehen wir unschlüssig herum und fragen beim erstbesten Gästehaus nach. Tatsächlich bekommen wir ein Zimmer. Leider stellt sich heraus, dass es keine Heizung gibt, und inzwischen ist es draußen ziemlich kalt geworden. Nach einer heißen Dusche fühlt sich das ungeheizte Zimmer sogar noch kälter an.

Zum Abendessen laufen wir ein paar Häuser weiter die inzwischen dunkle Straße entlang. Wir bestellen Würstchen, Maisbrot in Joghurt, eine cremige Gemüsesuppe und Kartoffeln in geschmolzenem Käse. Alles ist warm, herzhaft und genau das Richtige nach diesem langen Tag. Anschließend kehren wir in unser kaltes Zimmer zurück und verkriechen uns unter den Decken.

Wir haben noch zwei Tage übrig, die wir in Theth verbringen und für weitere Tageswanderungen zum Wasserfall, zum Blue Eye und zur Fusha e Dënellit nutzen. Die eigentliche Rundwanderung ist rund 190 Kilometer lang, aber mit all unseren Abstechern, Gipfelbesteigungen und zusätzlichen Wanderungen kommen wir am Ende auf stolze 263 Kilometer. Und genau diese Art zu wandern macht mir am meisten Spaß: nicht einfach nur einer vorgegebenen Route folgen, sondern unterwegs immer wieder schauen, welche interessanten Wege und Gipfel sich noch anbieten.

Andere haben da einen etwas anderen Ansatz. Während wir fast zwei Wochen auf dem Peaks of the Balkans Trail verbringen, ist auch Paulina Zäck unterwegs, die bereits mehrere Fastest Known Times auf Fernwanderwegen aufgestellt hat, darunter auf dem Te Araroa, Kungsleden, AhrSteig und GR 221. Sie möchte den gesamten Peaks of the Balkans Trail in gerade einmal zweieinhalb Tagen zurücklegen. Eigentlich hatten wir gehofft, uns an unserem letzten Tag noch mit ihr zu treffen. Doch leider hat sie sich in der Nacht zuvor einen Magen-Darm-Infekt eingefangen, der sie ausbremst. So verpassen wir uns knapp.

Als wir zwei Tage später Theth mit dem Bus verlassen, führt uns die Straße noch einmal hoch hinauf in die Berge. Im warmen Licht der tief stehenden Sonne leuchten die Gipfel, die uns in den vergangenen zwei Wochen so vertraut geworden sind. Ich schaue aus dem Fenster und bin ein bisschen traurig, dieses wunderschöne Fleckchen Erde zu verlassen. Ich könnte problemlos noch viel länger hierbleiben und einfach weiterwandern.

Herausforderungen & Höhepunkte des Peaks of the Balkans

Herausforderungen: wechselhaftes Herbstwetter, viele Höhenmeter

Höhepunkte: Gipfelbesteigungen der Gjeravica (2.656 m) und der Zla Kolata (2.534 m), abwechslungsreiche Landschaft, gastfreundliche Menschen und vierbeinige Wanderbegleiter, drei Länder auf einer Wanderung

Lektion: Wer im Herbst in den Bergen unterwegs ist, hat sie oft fast für sich allein, muss dafür aber besonders flexibel bleiben. Wir konnten die herbstliche Landschaft genießen und waren häufig weit und breit die einzigen Wanderer. Gleichzeitig erschwerten das Wetter, die kurzen Tage und die geschlossenen Einkehrmöglichkeiten unsere Wanderung. Letztlich verhinderten die Bedingungen sogar zwei geplante Gipfelbesteigungen.

Kurzinfo Peaks of the Balkans

Dauer: 8 bis 10 Tage
Distanz: 190 km
Ausgangs- und Endpunkt: Frei wählbar, beispielsweise Theth (Albanien), Valbona (Albanien) oder Plav (Montenegro)
Gesamtanstieg: ca. 10.000 hm
Schwierigkeit: bis SAC T3+

Grenz-Permits

Um auf dem Peaks of the Balkans Trail die sogenannten „grünen Grenzen“ zwischen Albanien, Kosovo und Montenegro zu überschreiten, benötigt man entsprechende Grenzübertrittsgenehmigungen. Diese können direkt bei den zuständigen Behörden der jeweiligen Länder beantragt werden, was allerdings mit einigem bürokratischem Aufwand verbunden ist. Einfacher geht es online über die lokale Tourismusagentur Zbulo, die die Beantragung gegen eine Gebühr übernimmt. Die Beantragung über Zbulo sollte mindestens zwei Wochen vor Wanderbeginn erfolgen. Bei uns dauerte es eine Woche, bis die Permits ausgestellt waren.

Der Peaks of the Balkans Trail überschreitet folgende Grenzen:
Dobërdol, Albanien → Milishevc, Kosovo
Liqenat, Kosovo → Babino Polje, Montenegro
Vusanje, Montenegro → Theth, Albanien

Wer zusätzliche Grenzübertritte oder alternative Routen plant, muss diese ebenfalls bei der Beantragung berücksichtigen.

Bei der Beantragung müssen die geplanten Grenzübertritte mit konkretem Datum angegeben werden. In der Praxis scheint es allerdings einen gewissen Spielraum zu geben, wenn sich die Wanderung beispielsweise wetterbedingt um einen Tag verschiebt. Verlassen sollte man sich darauf jedoch nicht, da die Genehmigungen offiziell für die angegebenen Daten gelten.

Resupply

Die einzige größere Einkaufsmöglichkeit entlang der Route gibt es in Plav, wo mehrere Supermärkte vorhanden sind. In Theth gibt es kleinere Läden. Wer in Gästehäusern übernachtet, kann sich dort in der Regel auch verpflegen und häufig Proviant für unterwegs bekommen.

Wasser

Die Wasserversorgung auf dem Peaks of the Balkans Trail ist grundsätzlich gut, erfordert stellenweise aber etwas Vorausplanung – insbesondere auf den Alternativrouten über den Prosllopit-Pass und zur Jezerca. Obwohl die Region reich an Niederschlägen ist, versickert ein großer Teil des Wassers im verkarsteten Kalkgestein. Deshalb können Quellen und Bäche besonders im Herbst trockenfallen.

Alternativen

Es gibt einige lohnenswerte Alternativen und Abstecher vom Peaks of the Balkans.

Prosllopit-Pass zwischen Valbona und Çeremi
Besteigung Zla Kolata (2.534 m) vom Prosllopit-Pass
Besteigung Gjeravica (2.656 m) bei Dobërdol
Besteigung Hajla (2.403 m) bei Rekë e Allagës
Liqenet e Jezercës zwischen Vusanje und Theth mit oder ohne Besteigung der Jezerca (2.694 m)
Tagestouren im Grbaja-Tal (bei Plav) und rund um Theth

Einige dieser Varianten sind deutlich anspruchsvoller als der reguläre Peaks of the Balkans Trail und erfordern alpine Erfahrung und entsprechende Wetterbedingungen.

Einreise

Staatsangehörige der Schengenstaaten benötigen für touristische Kurzaufenthalte in Albanien, Kosovo und Montenegro kein Visum. Für die Einreise genügt ein gültiger Personalausweis.

Sprache

In Albanien und im Kosovo wird überwiegend Albanisch gesprochen, in Montenegro Montenegrinisch. In den Grenzregionen um Plav ist allerdings ebenfalls Albanisch verbreitet. Grundsätzlich kann man sich mit Englisch gut verständigen.

Geld

Die Zahlung erfolgt fast ausschließlich mit Bargeld. In Montenegro und Kosovo wird mit Euro bezahlt, in Albanien mit Lek. Allerdings kann man auch in Albanien meistens mit Euro bezahlen, wenn auch nicht immer zu einem günstigen Wechselkurs.

Entlang der regulären Route gibt es Geldautomaten in Theth und Plav. Geldautomaten verlangen teilweise hohe Gebühren (bei uns beispielsweise 8 € pro Abhebung). Es empfiehlt sich deshalb, bereits vor der Wanderung ausreichend Bargeld mitzunehmen.

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Die Weltwanderin

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Annika

Ich bin verliebt in die Welt, ihre Berge und das Abenteuer. Auf Fernwanderungen wie dem Te Araroa, PCT und CDT habe ich inzwischen über 16.000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Wandern bedeutet für mich Freiheit, Glück und ein Leben im Hier und Jetzt. Hier teile ich meine Abenteuer aus der ganzen Welt.

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Bevor sich Weltwanderin voll auf Thru-Hiking fokussierte, habe ich auch über meine Reisen und alpinen Bergsport geschrieben. Diese Artikel findet ihr hier: