Rückblick auf Suletinden und Suleskartjerni See

Massiv Trail: Zwischen Rentieren und Bergseen durch Skarvheimen

In Skarvheimen führt uns der Massiv Trail durch eine wilde Landschaft aus Bergseen, Flüssen und kargen Hochflächen. Rentiere ziehen durch die Berge, Blockfelder wechseln sich mit Matsch ab und zwischen den Wolken kommt endlich häufiger die Sonne hervor. Dazwischen bieten die Hütten des DNT Wärme, Waffeln und gelegentlich sogar Pizza.

Massiv Trail Tag 6: Nasse Socken und heiße Pizza

2,4 km vor Slettningsbu bis 3,2 km nach Sulebu
25,8 km / 1.270 hm / 7,5 h

Wie könnte es anders sein: Wir wachen vom Regen auf, der auf unser Zelt prasselt. Laut Wettervorhersage sollte es diesen Regen eigentlich gar nicht geben, aber offenbar hat das norwegische Wetter andere Pläne. Zum zweiten Mal in Folge beginnt der Tag außerdem damit, dass wir kalte, nasse Socken und Schuhe anziehen müssen. Es gibt angenehmere Arten, einen Wandertag zu beginnen.

Die ersten Schritte führen entsprechend missmutig durch die nasse Landschaft. Dann trete ich auf einen Felsen, dessen durchfeuchtete Flechten ihn spiegelglatt machen, und schon liege ich auf dem Boden. Meine linke Pobacke wird mich vermutlich noch eine Weile an diesen Sturz erinnern. Vor allem aber entwickle ich schlagartig ein tiefes Misstrauen gegenüber jedem flechtenbewachsenen Felsen. Ryan hat diese Lektion bereits vor zwei Tagen gelernt: Auf nasse Flechten sollte man möglichst nur treten, wenn man den Fuß gerade von oben aufsetzen kann.

Beim ersten Anstieg hängen die Wolken tief zwischen den Bergen und ein kalter Wind weht über die offene Landschaft. Die nassen weißen Köpfe des Wollgrases wippen darin hin und her.

Dann erreichen wir Slettningsbu, unsere erste unbewirtschaftete DNT‑Hütte. Drei Wanderer sind noch von letzter Nacht hier, als wir eintreffen. Wir inspizieren vor allem den Vorratsraum. In vielen der Selbstversorgungshütten kann man Lebensmittel kaufen und sich daraus direkt vor Ort eine Mahlzeit zubereiten.

Noch haben wir allerdings genügend Essen dabei. Immer wieder fragen wir andere Massiv-Trail-Wanderer, wie sie es mit dem Resupply handhaben, denn auf dem Weg gibt es keine Städte und Supermärkte. Viele schlafen ausschließlich in den Hütten und müssen deshalb kaum Lebensmittel mit sich herumtragen. Das Abendessen wartet somit bereits am Tagesziel.

Das klingt ziemlich angenehm. Gleichzeitig würde mich genau dieses System nervös machen. Was passiert, wenn man wegen des Wetters, einer Verletzung oder schlicht Erschöpfung die nächste Hütte nicht erreicht? Ohne Zelt gibt es kaum eine Alternative. Die zusätzliche Flexibilität, jederzeit Schluss machen zu können, möchte ich nicht missen.

Als wir Slettningsbu verlassen, schaffen wir es zunächst, den falschen Weg zu nehmen. Genau das, was die ohnehin etwas angespannte Stimmung an diesem kalten Morgen noch gebraucht hat. Immerhin haben wir ein Ziel: Pizza.

Ich fühle mich heute schwach und müde, außerdem wird mir einfach nicht warm. Mein Körper scheint noch nicht verstanden zu haben, dass wir uns keineswegs im Hungermodus befinden. Immerhin füttern wir ihn seit Tagen mit ungewöhnlich viel richtigem Essen.

Während wir weiterlaufen, kommt langsam die Sonne heraus und mit ihr steigen endlich die Temperaturen. Unterwegs überholen wir drei andere Wanderer, darunter Mark, den wir bereits vor einigen Tagen in Skogadalsbøen kennengelernt haben.

Dann erreichen wir die Straße und kurz darauf Kyrkjestølen. Vor uns steht ein kleines Café und es gibt Pizza. Die Legende ist wahr.

Wir bestellen zwei Pizzen und Limonade und können sogar draußen in der Sonne sitzen. Schuhe, Socken und Zelt kommen zum Trocknen in die Sonne, während wir drinnen unsere Elektronik laden. Vor einigen Tagen haben wir zwei Wanderer gesehen, die Solarpanels außen an ihren Rucksäcken befestigt hatten. Ob sie dieses Konzept angesichts des norwegischen Wetters wirklich bis zum Ende durchdacht haben, bezweifle ich inzwischen ein wenig.

Kurz darauf treffen auch die drei Wanderer ein, die wir zuvor überholt haben: Sally aus Oregon sowie Matthias und Mark aus Deutschland. Von Sally haben uns Lizette und Iris bereits erzählt. Zu Beginn des Massiv Trails hatte sie wegen heftigen Dauerregens 36 Stunden in ihrem Zelt ausgeharrt. Seither nennen wir sie 36-Hour-Sally.

Natürlich bestellen auch die drei Pizza. Wie sich herausstellt, haben wir gestern alle dieselbe Trail-Legende über die Pizza von Big Red und Waffle gehört. Offenbar funktioniert der Massiv-Trail-Buschfunk ausgezeichnet.

Irgendwann müssen wir uns trotzdem wieder von unserem sonnigen Platz lösen. Unser nächstes Ziel ist Sulebu, eine weitere Selbstversorgungshütte. Zunächst folgen wir einer Schotterstraße, dann geht es kurz und knackig durch den Wald bergauf und anschließend wieder an Seen und Flüssen entlang.

Kurz vor der Hütte entdecken wir zwei Rentiere am Ufer eines kleinen Sees: ein Muttertier mit seinem Jungen. Im ruhigen Wasser spiegeln sich ihre Körper, während das Jungtier immer wieder herumhüpft. Ihr Fell sieht aus, als hätte jemand Kakaopulver über ein Glas Milch gestreut und vergessen, umzurühren: weiß und braun gesprenkelt.

Wenig später erreichen wir Sulebu und können zum ersten Mal unseren DNT-Schlüssel benutzen. Drinnen kochen wir uns Tee und tragen unsere Namen ins Hüttenbuch ein. Kurz darauf kommen zwei norwegische Wanderinnen herein. Eine von ihnen erzählt uns, dass sie früher ehrenamtlich für den DNT gearbeitet hat und sogar einmal Hüttenwartin war. Dadurch kann sie heute kostenlos in den Selbstversorgungshütten übernachten.

Noch etwa drei Kilometer wollen wir hinter uns bringen, bevor der nächste größere Anstieg beginnt. Wir umrunden den großen See Sulevatnet, aber einen geeigneten Zeltplatz zu finden, erweist sich als schwierig. Der Wind fegt über die offene Landschaft und Schutz gibt es kaum.

Schließlich finden wir einen Platz zwischen einigen Felsen und bauen das Zelt auf. Kaum steht es, ist allerdings klar, dass das nicht funktionieren wird. Platz und Untergrund erlauben es uns nicht, das Zelt vernünftig abzuspannen. Also alles wieder einpacken.

Ganz in der Nähe entdecken wir eine zweite Möglichkeit. Der Boden ist etwas sumpfig, dafür haben wir mehr Platz und sind besser vor dem Wind geschützt. Also bauen wir das Zelt ein zweites Mal auf.

Ob es hier wirklich besser ist, wird die Nacht zeigen. Zumindest die Aussicht kann sich sehen lassen. Direkt vor uns liegt Sulevatnet, dahinter ragen in der Ferne hohe, schneebedeckte Berge auf. Nur warm ist es nicht, denn sobald die Sonne verschwindet, wird es wieder bitterkalt.

Massiv Trail Tag 7: Ein Tag zum Staunen

3,2 km nach Sulebu bis 2,6 km vor Bjordalsbu
26 km / 1.250 hm / 8 h

Der Tag beginnt mit einem ungewohnten Gefühl: Die Sonne scheint auf unser Zelt und wärmt uns langsam auf. Kein Regen und kein nasses Zelt, stattdessen blauer Himmel. Daran könnte ich mich gewöhnen.

Kurz nach unserem Aufbruch entdecken wir eine große Rentierherde: Rund 50 Tiere ziehen gemeinsam durch die Landschaft. Später sehen wir auch noch ein Schneehuhn. Es ist ein magischer Morgen.

Nach den vergangenen eher nasskalten grauen Tagen wirkt die Landschaft heute wie ausgewechselt. Der Himmel ist blau, das Licht wunderschön und die Berge liegen endlich einmal vollständig vor uns, anstatt in den Wolken zu verschwinden. Immer wieder bleiben wir stehen, schauen uns um und staunen einfach nur. Schnell kommen wir dadurch nicht unbedingt voran, aber heute ist das egal. Uns begegnen auch zwei weitere Rentiere, die recht nah an uns herankommen. Eine Weile stehen wir uns gegenüber und betrachten einander neugierig.

Der Trail wird zunehmend überwuchert und wir kämpfen uns durch die Vegetation zur Straße. Dort wartet eine Lodge und mit ihr die Hoffnung auf Essen, aber ein Schild weist uns darauf hin, dass die Hütte nur für Übernachtungsgäste geöffnet ist. Enttäuscht ziehen wir weiter. Offenbar können wir uns doch nicht jeden Tag auf dem Massiv Trail durchfüttern lassen.

Zunächst folgen wir einer Schotterstraße bergauf, bevor ein steiler Wanderweg übernimmt. In der Sonne kommen wir ordentlich ins Schwitzen. Spätestens jetzt wird uns auch bewusst, wie sehr wir inzwischen eine Wäsche gebrauchen könnten. Während wir uns langsam am Rand einer Schlucht nach oben arbeiten, beobachten uns auf der gegenüberliegenden Seite drei Schafe. Erst kurz vor dem höchsten Punkt wird das Gelände wieder flacher.

Als wir den nächsten See erreichen, ist die Sonne bereits wieder hinter Wolken verschwunden und der Unterschied ist sofort spürbar. Eben war uns noch heiß, jetzt ist es schlagartig wieder kalt. Der Gedanke an ein Bad in einem der vielen Seen erledigt sich damit für uns beide ziemlich schnell.

Wir passieren einen schönen Wasserfall und dann kehren alte Bekannte zurück: Blockfelder. Bis Bjordalsbu sind es nur noch etwa drei Kilometer, doch auf diesem Untergrund können drei Kilometer sehr lang werden. Immerhin gibt es noch einmal etwas zu sehen. Eine ganze Gruppe Schneehühner läuft zwischen den Felsen herum, bestimmt zehn Tiere.

Mittlerweile sind wir allerdings müde. Unsere Beine und Füße tun weh und wir haben Hunger. Als wir zwischen all den Felsen tatsächlich eine geeignete, ebene Stelle für unser Zelt entdecken, überlegen wir deshalb nicht lange. Bjordalsbu kann bis morgen warten.

Heute haben wir es geschafft, unsere Füße zumindest halbwegs trocken zu halten. Ein bisschen Sumpf und Schlamm gab es natürlich trotzdem, ebenso einige Flussquerungen. Doch meistens konnten wir von Stein zu Stein hüpfen, ohne die Schuhe komplett zu versenken.

Dass unsere Socken inzwischen trotzdem wie nasse Hunde riechen, lässt sich nicht mehr leugnen. In den vergangenen Tagen wurden sie unzählige Male durchnässt und wieder getrocknet. Der Rest von uns sieht nicht wesentlich besser aus. Meine Haare sind verfilzt und verknotet, unsere Kleidung hat schon lange bessere Tage gesehen und auch wir selbst könnten eine gründliche Reinigung gebrauchen. Im Zelt wische ich mich deshalb zumindest notdürftig mit etwas Wasser ab. Mehr Hygiene gibt es heute nicht, aber nach diesem wunderbaren Tag kann ich damit leben.

Zum ersten Mal seit Beginn des Massiv Trails hatten wir einen ganzen Tag lang gutes Wetter. Wir hatten endlich lang anhaltenden blauen Himmel über den Bergen und haben Rentiere und Schneehühner gesehen. Skarvheimen behandelt uns gut.

Massiv Trail Tag 8: Auf halber Strecke

2,6 km vor Bjordalsbu bis Austre Volavatnet (5,7 km vor Kongshelleren)
28,7 km / 1.340 hm / 8,5 h

Am Morgen setzen wir unseren Weg durch die Blockfelder fort. Erstaunlicherweise läuft es heute deutlich besser als gestern. Entweder ist das Gelände tatsächlich einfacher geworden oder unsere Beine sind einfach weniger müde.

In der Morgensonne wird uns beim ersten Anstieg schnell warm. Schließlich erreichen wir Bjordalsbu, wo uns der Geruch von Pfannkuchen aus den Fenstern entgegenweht. Auf der Veranda treffen wir einen norwegischen Wanderer. Als Ryan erzählt, dass er vor ein paar Tagen zweimal auf den nassen Felsen ausgerutscht ist, erklärt dieser uns, dass Wanderstiefel dafür natürlich besser seien. Das Thema vertiefen wir lieber nicht.

Stattdessen landen wir irgendwie bei Henrik Ibsen. Der Wanderer fragt mich, ob ich schon einmal zuvor in Norwegen gewandert bin, und ich erzähle von meiner Jotunheimen-Runde vor vielen Jahren und dem Besseggen-Grat. Er sagt, dieser sei hauptsächlich deshalb so berühmt, weil der Titelheld von Ibsens „Peer Gynt“ darauf einen stürmischen Ritt auf einem Rentierbock gewagt haben will. Ibsens Drama hat den Besseggen vielleicht berühmt gemacht, aber die spektakuläre Natur hat dafür gesorgt, dass er bis heute so beliebt ist.

Als wir Bjordalsbu hinter uns lassen, verschwindet die Sonne hinter den Wolken und innerhalb kürzester Zeit wird es wieder empfindlich kalt. Sonne und keine Sonne fühlen sich hier wie zwei verschiedene Welten an. Ohne wirkt die Landschaft rau und abweisend. Wir kämpfen gegen Wind und Kälte und wollen vor allem weiterkommen. Sobald die Sonne herauskommt, beginnen die Seen zu glitzern, das Grün leuchtet und wir machen viele Pausen, um die Landschaft zu betrachten. Beides ist auf seine Weise schön, aber nur eines davon lädt zum Verweilen ein.

Heute begegnet uns überall Wolle. Weiße Wolken ziehen über den Himmel, Wollgras bedeckt die Landschaft und dazwischen stehen die dazu passenden Schafe. Dazu sehen wir wieder einen Schwarm Schneehühner und Wildgänse über uns hinwegziehen, kurz darauf gefolgt von einem Greifvogel.

Dann verschwindet der Weg wieder zunehmend zwischen den Felsen und ich scanne ständig die Umgebung nach den roten Ts ab, die zwischen den Steinen den weiteren Verlauf markieren.

Als die Sonne wieder herauskommt, verwandelt sich die Landschaft erneut. Die Seen funkeln zwischen den Bergen und plötzlich sieht selbst das endlose Balancieren über Felsen wieder ziemlich großartig aus. Wir steigen in ein Tal hinab, wo ein gewaltiger Wasserfall von einem Gletscher herunterstürzt. Wir folgen dem Fluss, der auf seinem Weg mehrere Seen bildet, bis wir Iungsdalshytta erreichen. Zeit für ein spätes Mittagessen. Wir bestellen Limonade und belegte Brote mit Rentierfrikadellen. Dazu kaufen wir Schokolade und Chips mit Sauerrahm und Preiselbeeren, was eine Kombination ist, die überraschend gut funktioniert.

Wie alle bisherigen Hütten ist auch Iungsdalshytta ausgesprochen gemütlich. Durch die Fenster blicken wir direkt auf den See, über den ein kleines Boot langsam davonzieht. Draußen scheint die Sonne, auch wenn ein kalter Wind über das Wasser zieht, und Kühe grasen friedlich am Ufer. Hier lernen wir auch Jessi aus Kanada kennen. Sie wandert ebenfalls den Massiv Trail und ist wie wir mit Zelt unterwegs.

Wir reißen uns von der warmen Hütte los und nehmen den nächsten Anstieg in Angriff, gestärkt von der Kraft des Rentiers. Dann beginnt es zu regnen und kurz darauf wird daraus sogar Hagel. Weiter vorn sehen wir allerdings bereits wieder hellen Himmel, also laufen wir einfach weiter durch den kalten Niederschlag, um uns anschließend wieder trockenzulaufen. Der Plan funktioniert. Gegen Ende scheint bereits die Sonne auf uns, während gleichzeitig noch feine Regentropfen in der Luft funkeln. Kurz darauf erscheinen zwei Regenbögen über der Landschaft.

Wir erreichen den höchsten Punkt des Anstiegs, kämpfen uns noch einmal durch einige Blockfelder und steigen anschließend zu einem weiteren See hinab. Am Austre Volavatnet finden wir schließlich einen Platz für unser Zelt. Eigentlich hatten wir erwartet, dass es mit dem Abstieg etwas wärmer werden würde. Stattdessen fühlt es sich hier unten noch kälter an.

Nicht weit von unserem Zelt versammelt sich eine Gruppe Schafe für die Nacht. Immer wieder hören wir ihr Blöken und das Läuten ihrer Glocken. Damit haben wir für heute unsere Nachbarn gefunden. Und die Hälfte des Massiv Trails liegt hinter uns. Etwa 180 Kilometer liegen hinter uns, etwa genauso viele noch vor uns. Allerdings soll die zweite Hälfte deutlich einfacher und schneller zu laufen sein – insbesondere sobald wir die Hardangervidda erreichen.

Massiv Trail Tag 9: Ein Abend, für den wir bleiben

Austre Volavatnet bis Omnsvatnet
25 km / 870 hm / 7 h

Am Morgen werden wir kauend von unseren Schafsnachbarn beim Zusammenpacken beobachtet. Heute ist es nicht ganz so kalt, dafür bekommen wir beim Herauskriechen aus den Schlafsäcken eine ordentliche Kostprobe unseres eigenen Geruchs. Jede Nacht schmoren wir in unseren Schlafsäcken im eigenen Saft. Unsere Socken haben inzwischen so viel Schlamm, Schweiß, Nässe und erneutes Trocknen hinter sich, dass sie von allein stehen. Es wird Zeit für eine Dusche.

Zunächst müssen wir allerdings weiterwandern. Der DNT und ich haben offenbar ein etwas unterschiedliches Verständnis davon, was „leicht zu gehen“ bedeutet, denn das war die Beschreibung dieses Abschnitts. Um die Selbstversorgungshütte Kongshelleren herum kehren die üblichen Blockfelder zurück. Wir balancieren über Steine, springen von Fels zu Fels und sammeln unsere Kilometer deutlich mühsamer ein als erhofft. Der Tag ist wunderbar, voller großer, flauschiger Wolken, die über den blauen Himmel ziehen und sich in den Bergseen spiegeln.

Wir erreichen Kongshelleren, kochen Tee und machen Inventur unserer Essensvorräte: ein paar Mahlzeiten und ein paar Snacks haben wir noch übrig. Wir kaufen ein paar Kekse aus dem Vorratsraum und essen dazu unseren letzten Käse, bevor wir uns wieder auf den Weg machen.

Am Nachmittag erreichen wir Geiterygghytta und legen eine späte Mittagspause ein. Es gibt Sandwiches und zum Nachtisch Waffeln mit Erdbeermarmelade und Sauerrahm, wie die Norweger sie essen.

Vor der Hütte laufen einige Hühner herum. Ihre Beine und Füße sind dicht mit Federn bewachsen, sodass es aussieht, als würden sie kleine Hosen tragen. Besonders beim Rennen sieht das einigermaßen absurd aus. Bevor wir weiterziehen, nutzen wir den See für eine dringend notwendige Wäsche. Eine sehr kurze Wäsche für mich, denn das Wasser ist eiskalt, aber immerhin fühle ich mich danach ein kleines bisschen weniger wie eine Zumutung für meine Mitmenschen. Wenn man sich selbst schon nicht mehr riechen kann, ist das kein gutes Zeichen.

Wir nähern uns Finse und damit auch der Bahnstrecke. Von dort könnten wir mit dem Zug nach Geilo fahren – in eine richtige Stadt mit Supermärkten, Dusche und allem anderen, was uns gerade zunehmend verlockend erscheint. Bisher waren wir uns nicht sicher, ob wir dafür tatsächlich eine Pause vom Trail einlegen wollen. Heute Morgen liefern mein rechtes Knie und mein linker Fuß allerdings ziemlich überzeugende Argumente dafür. Zusammen mit unserem Geruch fällt die Entscheidung. Es wird Zeit für einen Zero. Für Freitag ist außerdem Regen vorhergesagt. Besser könnte das Timing kaum sein. Sobald wir wieder Empfang haben, buche ich zwei Nächte im Wintersportort Geilo (ausgesprochen Jeilo).

Von Geiterygghytta geht es zunächst wieder bergauf. Wir passieren Wasserfälle und Seen und entdecken am Fluss sogar eine kleine Eishöhle.

Am Abend liegt schließlich ein großer See vor uns. Die tief stehende Sonne glitzert auf dem Wasser und an den Bergen am anderen Ende klammern sich einige Gletscherreste. Hier wollen wir bleiben. Es ist unser letzter Abend in den Bergen, bevor wir morgen Finse erreichen, für unseren Zero nach Geilo fahren und anschließend die Hardangervidda betreten. Schon jetzt verändert sich die Landschaft. Die täglichen Höhenmeter werden weniger und die Berggipfel um uns herum zunehmend sanfter.

Normalerweise läuft unser Feierabend anders ab. Wir wandern, bis wir müde sind, suchen uns dann dort, wo wir gerade stehen, eine halbwegs ebene und windgeschützte Fläche und verschwinden möglichst schnell im Zelt, weil es längst kalt geworden ist.

Heute suchen wir uns unseren Zeltplatz nicht nur aus praktischen Gründen aus. Wir kochen unser Abendessen draußen in der Sonne, danach bleiben wir einfach sitzen, essen Haselnussschokolade und schauen über den See zu den Bergen. Unser Blick fällt immer wieder auf die kleinen Gletscher, die dort oben noch zwischen den Felsen liegen. Und ich frage mich, wie lange es sie wohl noch geben wird.

Massiv Trail Tag 10: Nero-Day und Abschied von Skarvheimen

Omnsvatnet bis Finse
10 km / 420 hm / 3 h

In der Nacht funkeln die Sterne über unserem Zelt, die Milchstraße spannt sich über unseren Köpfen. Am Morgen ist der Himmel noch immer vollkommen klar. Langsam schiebt sich die Sonne über die Berge, kein Windhauch bewegt die Luft und der See vor uns hat sich in einen riesigen Spiegel verwandelt. Es ist bitterkalt, aber wunderschön.

Heute haben wir es nicht eilig, denn bis Finse sind es gerade einmal zehn Kilometer. Also krieche ich für ein Foto aus dem Schlafsack, halte die spiegelglatte Wasseroberfläche im Morgenlicht fest und verschwinde anschließend wieder im Zelt.

Ryan nutzt die Zeit bereits, um eine Einkaufsliste zusammenzustellen. Nach zehn Tagen auf dem Trail und ohne Resupply nimmt die Planung unseres bevorstehenden Zeros in Geilo langsam konkrete Formen an. Vor allem die Liste der Snacks wird länger.

Dann ist es warm genug, um aufzubrechen, und beim ersten Anstieg wärmt mir die Sonne den Rücken. Den heißen Sommer in Süddeutschland gegen die kühlen Berge Norwegens einzutauschen, war eigentlich ziemlich angenehm. Nach den ersten Tagen auf dem Massiv Trail, an denen wir die Sonne kaum zu Gesicht bekommen haben, wissen wir sie inzwischen wieder deutlich mehr zu schätzen.

Wir passieren einen weiteren spiegelglatten Bergsee. Es ist vollkommen still. Keine Menschen, nur hin und wieder begegnen wir ein paar Schafen zwischen den Bergen.

Bevor wir nach Finse absteigen, wollen wir noch auf den Gipfel von Sankt Pål. Dafür verlassen wir den Trail und steigen querfeldein zum Gipfel. Oben wartet eine 360-Grad-Aussicht über Gletscher, Seen und Berge.

Nach dem Abstecher kehren wir zum Wanderweg zurück und steigen in Richtung Klemsbu ab. Hier verändert sich die Landschaft sichtbar. Auf der einen Seite liegt die graue, karge Hochgebirgslandschaft, durch die wir in den vergangenen Tagen gewandert sind. Auf der anderen beginnen wieder grüne, von Gras und Moos bedeckte Hänge.

Je näher wir Finse kommen, desto voller wird der Weg. Immer mehr Wanderer kommen uns entgegen und die Einsamkeit der vergangenen Tage verschwindet langsam. Dann liegt Finse vor uns und damit liegen die letzten Kilometer durch Skarvheimen hinter uns. Nach zehn Tagen auf dem Massiv Trail steigen wir in den Zug und fahren nach Geilo.

Gerade einmal 36 Minuten dauert die Fahrt, doch draußen vor dem Fenster verändert sich die Landschaft schnell. Wir fahren an Seen und Flüssen vorbei, die Sonne scheint und mit jedem Kilometer tauchen mehr Bäume auf. Nach den kühlen Bergen fühlt es sich plötzlich wieder nach Sommer an.

In Geilo führt unser erster Weg direkt in ein Café. In der Auslage liegen Focaccias, die nach zehn Tagen auf dem Trail geradezu absurd gut aussehen. Wir bestellen zwei.

Im Hotelzimmer widmen wir uns erst mal der Wäsche: Unsere Kleidung waschen wir in der Badewanne, wobei vor allem die schlammverkrusteten Socken uns vor eine Herausforderung stellen. Ich kann die Waschgänge gar nicht zählen, die es braucht, um das Wasser einigermaßen klar zu bekommen.

Den Rest des Tages und unseren Zero verbringen wir hauptsächlich mit Ausruhen und Essen. Es reicht nur für einen kleinen Spaziergang durch Geilo selbst.

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Die Weltwanderin

Bild von Annika
Annika

Ich bin verliebt in die Welt, ihre Berge und das Abenteuer. Auf Fernwanderungen wie dem Te Araroa, PCT und CDT habe ich inzwischen über 16.000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Wandern bedeutet für mich Freiheit, Glück und ein Leben im Hier und Jetzt. Hier teile ich meine Abenteuer aus der ganzen Welt.

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Bevor sich Weltwanderin voll auf Thru-Hiking fokussierte, habe ich auch über meine Reisen und alpinen Bergsport geschrieben. Diese Artikel findet ihr hier: