Die Wildblumen stehen in voller Blüte

CDT: Das Schöne und die Biester – Darby bis Leadore

Nach vier erholsamen Tagen in Darby geht es endlich wieder auf den Trail – unter der brennenden Sonne. Unsere Wanderung setzt sich mit der gewohnten Mischung aus Herausforderungen und Belohnungen fort. Beim Überqueren der Grenze nach Idaho kämpfen wir gegen unerbittliche Mücken und lange Anstiege, nur um zwischendurch in atemberaubenden Landschaften und kurzen, aber kostbaren Pausen von den Plagegeistern etwas Erholung zu finden. In Leadore angekommen, genießen wir die herzliche Gastfreundschaft dieser winzigen Stadt, die sich als wahres Paradies für Thru-Hiker entpuppt.

CDT Tag 31 — Schonender Start aus Darby

14,8 km / 530 hm / 3,5 h

Nach vier erholsamen Tagen in Darby ist es Zeit, auf den Trail zurückzukehren. Mein Fuß macht mir noch Sorgen, aber die hohen Wochenendpreise in Darby motivieren uns, weiterzuziehen. Es ist brütend heiß, und allein der Gedanke an den bevorstehenden Anstieg lässt mich ins Schwitzen geraten.

Per Anhalter geht es zurück zum CDT, was etwas dauert, aber schließlich hält ein roter Tesla. Larry und Debbie, ein sympathisches Paar, bringen uns weit abseits ihrer Route zum Trailhead. Wir starten um 16 Uhr in angenehm kühler Luft, nur die riesigen Bremsen nerven. Bald treffen wir James und Spencer auf ihren Motocrossern – sie sind Bogenjäger und suchen nach Wapitis, den amerikanischen Hirschen.

Nach einem moderaten Anstieg erreichen wir eine Anhöhe mit grandioser Aussicht. Der Sonnenuntergang taucht alles in goldenes Licht, eine sanfte Brise weht – perfekte Bedingungen für Cowboy-Camping. Doch kaum setzen wir uns zum Abendessen, sind die Mücken zurück. Vielleicht wird es in Colorado endlich klappen?

CDT Tag 32 — Dunstiger Einstand in Idaho

30 km / 1.135 hm / 7,5 h

Die Sonne geht von Tag zu Tag später auf und erinnert uns an das Fortschreiten der Jahreszeiten. Wir wandern durch eine verkohlte Landschaft, die im ersten Morgenlicht fast surreal wirkt. Rauch liegt in der Luft – vielleicht von einem fernen Feuer? Die Landschaft wirkt postapokalyptisch, eine Welt, die verbrannt und verglüht ist. Unterwegs treffen wir Jen, eine 73-jährige Thru-Hikerin, die in Abschnitten unterwegs ist. Ihre Entschlossenheit ist beeindruckend.

Wir erreichen die Grenze zu Idaho, dem kürzesten Abschnitt des CDT. Der Himmel ist bewölkt und verschafft uns eine Pause von der Hitze. Doch ein großer Anstieg und Mückenschwärme stellen uns vor neue Herausforderungen. Für einen Moment entkommen wir ihnen, als ein paar Regentropfen fallen – genug Zeit, um in Ruhe unsere Füße in einem Fluss zu kühlen. Kaum setzen wir uns in Bewegung, kehren sie zurück, und ich bin gezwungen, mit Kopfnetz zu wandern.

Kaum sind wir im Zelt, beginnt draußen ein Insekten-Rave – pulsierend, unaufhaltsam, gnadenlos. Unser dünner Zeltstoff ist die einzige Barriere zwischen uns und dem Wahnsinn. Schwitzend liegen wir da, kratzen einander die juckenden Rücken und fragen uns: Was machen wir hier eigentlich?

CDT Tag 33 — Die Mücken-Autobahn

30,5 km / 1.300 hm / 7,5 h

Ich wache erschöpft auf – egal, wie viel Schlaf ich bekomme, es scheint nie genug zu sein. Draußen lauern schon die Mücken, doch in der kühlen Morgenluft sind sie noch träge. Heute stehen zwei Pässe an. Die Belohnung: eine atemberaubende Aussicht auf gezackte Gipfel und weite Täler.

Beim Abstieg stoßen wir auf kristallklare Seen, perfekt für eine kurze Erfrischung. Doch selbst hier lassen uns die Mücken nicht in Ruhe. Der letzte Anstieg des Tages führt durch eine blühende Wiese mit einem wilden Fluss – ein Paradies, wäre da nicht die ständige Plage. Jede Pause wird zum Kampf.

Im Tal schlängelt sich ein Fluss durch eine scheinbar friedliche Landschaft. Doch wir wissen, was uns erwartet: ein unaufhörlicher Schwarm summender Blutsauger. Wir erwägen einen Platz auf dem Hügel, in der Hoffnung, dass der Wind sie vertreibt. Doch dort ist es zu stürmisch fürs Zelt. Am Ende bleibt nur ein Kompromiss – ein windgeschützter Platz, an dem die Mücken zumindest erträglich sind. Das Summen erfüllt die Luft, laut wie eine viel befahrene Autobahn. Friedliche Zeltplätze? Nur noch eine Erinnerung.

CDT Tag 34 — Seen und Rauch

38,5 km / 980 hm / 9 h

Am Morgen erklimmen wir einen weiteren Sattel, unter uns glitzern zwei Seen – einer mit einer kleinen Felseninsel in der Mitte, der ihm den Namen „Rock Island Lake“ eingebracht hat. Wir treffen Raspberry, eine Thru-Hikerin aus der Schweiz, und zwei Fischer, die sich ihren Weg zum Wasser bahnen. Streifenhörnchen huschen geschäftig umher. Der Rest des Tages ist vergleichsweise flach – zumindest nach CDT-Maßstäben – und erlaubt uns, Tempo zu machen. Der Trail führt durch Wälder und trockene Wiesen, bis ein seltsam orangefarbenes Licht durch die Bäume dringt. Rauch liegt in der Luft, eine Erinnerung daran, wie wild und unberechenbar die Natur sein kann.

Endlich lassen die Mücken etwas nach und wir genießen eine dringend benötigte Pause. Nach vielen Kilometern ohne richtige Mahlzeit merke ich, wie meine Energie schwindet. Meine Beine drohen unter mir nachzugeben und meine Hände zittern. Ich weiß es besser, aber manchmal geht die Distanz vor. Am Abend finden wir einen vergleichsweise mückenfreien Zeltplatz. Für einen Moment genießen wir die Ruhe, bevor wir uns wie gewohnt ins Zelt zurückziehen – unsere kleine Festung gegen die Außenwelt.

CDT Tag 35 — Aufstiege und Mücken

39,7 km / 1.400 hm / 9,5 h

Der Tag beginnt mit einem steilen Aufstieg. Die Aussicht ist spektakulär, aber die Mücken lassen uns kaum innehalten. In der Höhe scheinen sie noch aggressiver. Was hat es damit auf sich? Vielleicht sollte ich ihr Verhalten recherchieren, wenn ich das hier überleben will. Ihre Stärken und Schwächen zu verstehen, könnte meine einzige Waffe sein. Wenn ich sie nicht besiegen kann, muss ich sie eben austricksen.

Der Trail folgt einem Grat mit endlosen Bergketten und glitzernden Seen in der Ferne. Ich schweife in Gedanken zum Essen ab – noch drei Tage bis Leadore, einer Stadt ohne kulinarische Highlights, aber nach dieser Strapaze klingt alles köstlich. Wir erreichen die erste Wasserquelle, die bis zum Camp reichen muss – zwei lange, trockene Abschnitte stehen bevor. Doch Trockenheit bedeutet weniger Mücken, stattdessen summen Bienen und Fliegen um uns herum. Nervig, aber besser als die Blutsauger.

Der nächste Anstieg ist brutal. Auf halber Strecke merkt Ryan, dass er seine Wasserflasche unten vergessen hat. Er muss also zurück – und den steilsten Teil des Trails erneut erklimmen. Nicht gerade ideal. Oben angekommen, entschädigt ein herzförmiger See für die Mühen.

In der Mittagshitze heben wir lachend die Arme, um unsere verschwitzten Achseln zu lüften – ein kleines Hochgefühl. Danach wird der Trail sanfter, und wir kommen gut voran. Beim Campen entdecken wir eine vergessene Packung Marshmallows in Ryans Rucksack. Kleine Glücksmomente wie diese halten uns auf Kurs.

CDT Tag 36 —  Ein kaputtes Smartphone

35,5 km / 1300 hm / 9 h

Der Tag beginnt mit einer spektakulären Lichtshow, als die Sonne durch die Wolken bricht und die Wildblumenwiesen in goldenes Licht taucht. Am Lemhi Pass treffen wir John, der der Route der Lewis-und-Clark-Expedition folgt. Er erzählt uns von seiner Zeit in Deutschland und schenkt uns frisches Obst – ein seltener Luxus.

Nach einer kurzen Pause an einer Wasserquelle wartet ein harter Anstieg in der Mittagshitze. Über 800 Höhenmeter auf einem steilen Schotterweg, kaum Schatten, dafür jede Menge Fliegen. Mir macht die Hitze zu schaffen, während Ryan von den Fliegen fast in den Wahnsinn getrieben wird.

Dann passiert es: Ein unachtsamer Moment, und mein Smartphone fällt mit einem dumpfen Aufprall auf einen Stein. Ängstlich hebe ich es auf: Der Bildschirm ist gesplittert, der Touchscreen reagiert nicht mehr. Mein wichtigster Ausrüstungsgegenstand – für Navigation, Kommunikation, Notizen und Fotos – ist vorerst unbrauchbar. Ein Tiefschlag. Vorerst sind wir auf Ryans Smartphone angewiesen.

Der Trail schlängelt sich über einen sonnenverbrannten Kamm, während wir an Kühen vorbeiziehen, die noch mehr unter den Fliegen leiden als wir. Der letzte Anstieg des Tages führt uns zu einem schönen Zeltplatz mit weitem Blick. Doch die Hitze bleibt drückend, selbst um 20:30 Uhr. Ich sehne mich nach einer Dusche, echtem Essen und einer Lösung für mein Smartphone.

CDT Tag 37 — Ein überraschend einfacher Hitch nach Leadore

14 km / 250 hm / 2,5 h

Früh am Morgen brechen wir auf, die letzten 14 Kilometer bis zur Straße vor uns. Der Trail führt durch einen Wald, in dem Kettensägen dröhnen und Arbeiter den Weg in einen Hindernisparcours verwandeln. Endlich lassen wir den Wald hinter uns und erreichen die lange, einsame Schotterstraße nach Leadore.

Die Chance, hier schnell eine Mitfahrgelegenheit zu finden, ist gering. Doch kurz bevor wir die Straße erreichen, kommt ein Truck den Hügel hinauf. Wir winken wild, und tatsächlich hält Lane, ein Bogenschütze auf dem Weg zu einem Turnier, für uns an. Gemeinsam mit Pole aus Großbritannien fahren wir in die winzige Stadt Leadore, die stolz ihre 105 Einwohner auf einem Schild verkündet.

Pole erzählt uns von einer haarsträubenden Begegnung mit einer Bärenmutter und ihren Jungen auf einem Grat – ein Moment, der zeigt, wie schnell solche Situationen eskalieren können, oft zu schnell für Bärenspray. Wir sind froh, dass der Scheinangriff der Bärin für ihn gut ausging.

In Leadore holen wir unser Paket ab, gönnen uns kalte Cola und ein Sandwich an der Tankstelle, bevor wir ins Mustang Inn ziehen. Mark, der Besitzer, kümmert sich liebevoll um uns Thru-Hiker, und sein Golden Retriever Shelby genießt jede Streicheleinheit.

Wir erledigen wichtige Dinge: Smartphone-Reparatur organisieren, Pakete verschicken, Resupply. Leadore entpuppt sich als eine der hikerfreundlichsten Städte auf dem CDT. Alle sind großartig – von Celina und Tochter Lily in der Post über Angi in der Tankstelle bis Mark vom Mustang Inn. Sie geben sich wirklich Mühe, uns Wanderern entgegenzukommen. Es ist eine Win-Win-Situation. In dieser winzigen Stadt passiert nicht viel, und Thru-Hiker bieten eine gute Geschäftsmöglichkeit für sie, während wir einen wunderbaren Ort haben, um uns auszuruhen, aufzutanken und unsere Vorräte aufzufüllen.

Herausforderungen & Highlights des Abschnitts

Herausforderungen: Mückenplage, Hitze und ein kaputtes Smartphone
Highlights: Wildblumen, Grate, Seen, Trail Magic und die hikerfreundliche Stadt Leadore
Lektion: Picaridin und Kopfnetz sind unabdingbar

Hier geht’s zum nächsten Abschnitt auf dem CDT:

CDT: Der Terror der Fliegen – Leadore bis Lima

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Die Weltwanderin

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Annika

Ich bin verliebt in die Welt, ihre Berge und das Abenteuer. Seit jeher beschäftigt mich eine starke Sehnsucht nach einem intensiven Leben. Dabei bedeutet Wandern für mich pure Freiheit und Glück. Auf diesem Blog lest ihr alles über meine Abenteuer auf der ganzen Welt.

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